Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- Seite 257 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22 Das Jüdisch« Echo 257 denken, bezeichnet Rubaschoff als ein Lebensbedürfnis derjenigen jungen jüdischen Intellektuellen, die sich selbst in einer nichtjüdiischen Kultur verwurzelt fühlen, sich nach einer jüdischen Entscheidung sehnen und vor einer ähnlichen Prüfung zu stehen glauben. Die Möglichkeit zur Ergriindung der gescheiterten Bewegung gibt Rubaschoff durch Veröffentlichung dreier Reden von Eduard Gans, den Vorsitzenden des Vereins. Die erste Rede ist im vorliegenden Heft enthalten, die beiden anderen sollen im nächsten Heft folgen. Es ist sehr erfreulich, daß diese wertvollen Urkunden nunmehr zum erstenmal der Öffentlichkeit in vollem Umfang zugänglich gemacht werden. Die Dichtunfg des jungen jüdischen Lyrikers Wolfenstein unterzieht Weitzmann einer ungewöhnlich tiefdringenden Besprechung. Er zeigt, wie die Wurzeln von Wolfensteins dichterischer Persönlichkeit, ihm selbst unbewußt, die guten und schlechten Säfte aus dem Grunde des jüdischen Volkstums ziehen. Hier ist das Problem vom Jüdischen in der Kunst mit künstlerischem Einfühlungsvermögen, nicht in der gewohnten oberflächlichen Weise behandelt und in seinem Kerne erfaßt. Auf einem ganz anderen Gebiet bewegt sich derselbe Verfasser in dem Artikel K.C.er Geist. Der scharf aber treffend geschriebene Artikel hat schon eine Geschichte, die auch die Ursache seiner — sonst wohl nicht beabsichtigten — Veröffentlichung ist. Einige Sonette von Bloch, kleinere, unter der Überschrift „Einzelheiten“ zusammengefaßte Abhandlungen, mehrere interessante Feldpostbriefe fügen sich gut in den Rahmen ein. Wenn die späteren Hefte dem ersten gleichen, kann niemand an der Daseinsberechtigung der neuen Zeitschrift zweifeln. Dr. N. Feuilleton Die Klage gegen den Wind.1) Von Jizchok Lejb Perez. (Schluß.) .. Der Wind hat sich gelegt, das Meer ist ruhig. Über seine spiegelglatte Fläche gleiten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Gleich werden die Fischer erwachen, ihre Boote ins Wasser stoßen und die Netze auswerfen... Weiber und Kinder werden hinauslaufen, die Männer begleiten. Und freudig werden sie rufen: „Nun ist der Hunger zu Ende, gelobt sei der liebe Gott! Wir werden Brot haben!“ Aber nicht daran denkt Sunamith. Ein anderer Gedanke bohrt ihr das Hirn. „Was wollte Gott von mir? Was hat er mit mir getan?“ Ein Brot hat er ihr genommen, um es einem Hungrigen, der sich aus den Flammen gerettet hat, zu geben; das ist recht! Sein Name sei gelobt! Das zweite Brot gab er einem, der sich vor den Räubern gerettet hat. Auch das ist recht! Gelobt sei sein Name! Gott hat gegeben und Gott hat genommen für einen, der es nötiger brauchte als sie... D Aus der demnächst im Verlage Georg Müller, München erscheinenden Sammlung: „O s t j ü d i - sehe Novellen“ ausgewählt und übertragen von Alexander Eliasberg mit 10 Bildbeigaben von Joseph' B u d k o. „Aber da$ dritte Brot? Wfe kann man es nur einer Witwe aus der Hand reißen und ins Meer werfen?!“ Das kann sie unmöglich verstehen ... Und sie denkt sich, daß Gott davon vielleicht gar nichts weiß... Daß der Wind esi eigenmächtig getan hat, ohne Gottes Wissen und gegen Gottes Willen, dem lieben Gott, der die Witwen und Waisen speist, zum Ärger! Es kann gar nicht anders sein! Sie wird es dem Wind, diesem Räuber, nicht verzeihen, sie wird den Wind verklagen! Vor wem? Vor König Salomo. König Salomo soll ihren Rechststreit mit dem Wind nach den Geboten Gottes schlichten. Nach Jerusalem wird sie gehen! Sie zögert nicht lange, hüllt sich in das zerrissene Tuch und macht sich auf den Weg. Hungrig und müde ist sie, doch der gerechte Zorn gibt ihr neue Kraft. Und so kommt sie nach Jerusalem. Sie kommt und fragt, wo König Salomo wohnt, und man zeigt ihr den Palast. Die Torhüter lassen sie ein. König Salomos Tür steht allen offen, um so mehr einer Witwe. Sie kommt in den Saal und fällt auf ihr Angesicht vor dem König, der auf seinem goldenen Throne sitzt. „Mein Herr und König,“ sagt sie, „ich komme mit einer Klage!“ „Gegen wen? Ich sehe, du kommst allein.“ „Gegen den Wind,“ antwortet die Witwe, und hebt ihr Antlitz vom Boden und erzählt ihm alles, „Gut,“ antwortet König Salomo, „dein Gesicht zeugt für dich: es ist müde, und deine Augen brennen vor Hunger. Du mußt dich vorher stärken. Setz dich in einen Winkel, Weib, und man wird dir Brot und Wein reichen... Iß und trink und labe deine Seele, und dann wirst du mein Urteil hören...“ Geht sie in einen Winkel; und man reicht ihr Brot und Wein. Indessen kommen fremde Männer in den Saal, drei fremde Männer mit Säcken auf den Schultern. Sie wollen König Salomo sprechen. „Was begehrt ihr, fremde Männer? Und was habt ihr in euren Säcken?“ Erzählen ihm die Männer diese Geschichte: Ismaelitische Kaufleute sind sie und handeln mit Schmuck und goldenen Geräten und kostbaren Spezereien. Sie fuhren zu dritt in einem Schiffe über das Meer... Ein Wind hatte sich erhoben, und das Meer war stürmisch. Aber die kräftigen und geübten Seefahrer fürchteten den Sturm nicht und segelten über die Wellen ... Aber eines Abends bekommt das Schiff ein Leck... Wasser dringt in das Schiff, sie haben aber nichts, um das Loch zu verstopfen. Sie schreien um Hilfe und hoffen, daß man am Lande ihre Rufe hören wird. Aber niemand hört sie. Der Wind fängt ihre Hilfeschreie auf und weht sie über das Meer. Die Welfen fangen die Stimmen auf und enteilen mit ihnen in die Nacht... Und1 das Schiff füllt sich immer mehr mit Wasser und beginnt zu sinken... Schreien sie zu Gott, zu ihrem Gott. Er hört nicht! Rufen sie die andern Götter an. den Gott der Moabiter, den Gott der Philister, die Götter der andern Völker. Keiner antwortet. Nun erinnern sie sich, daß es noch einen Gott gibt, den Gott Israels... Und sie versuchen: „Gott Israels, hilf uns in unserer Not!“ Und sie tun das Gelübde: