Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-05-17 · 20 (17.5.1918) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
20 (17.5.1918)
Date
1918-05-17
Page
Seite 233 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138268--02093-9074915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 20 Das Jüdisch« Echo 233 Professor Dr. Hermann L. Strack, einer der bekanntesten deutschen Theologen und wohl der vorzüglichste wissenschaftliche Kenner des nachbiblischen Judentums, vollendete am 6. Mai sein 70 Lebensjahr. Nach Abschluß seiner Studien arbeitete er längere Zeit in der großen Petersburger Bibliothek. Die dort von ihm vollendete Ausgabe einer sehr wichtigen hebräischen Handschrift der prophetischen Bücher des Alten Testamentes lenkte die Aufmerksamkeit auf Strack; im Jahre 1877 wurde er außerordentlicher Professor für die alttestamentliche Wissenschaft an der Berliner Universität, wo er 1910 zum ordentlichen Honorarprofesor ernannt wurde. Eine beinahe einzige Autorität genießt Strack als Kenner des Talmud, den er herausgegeben und erläutert hat. Durch seine genaue Kenntnis der talmudistischen Lehren war er in der Lage, das Judentum gegen den Vorwurf unsittlicher oder staatswidriger Geheimlehren sowie auch gegen die bekannte Blutbeschuldigung zu verteidigen; seine Schriften über diese Fragen haben weite Beachtung gefunden. An der Universität hat Strack 1883 das „Institutum Judaicum“, ein Seminar für die Wissenschaft vom nachbiblischen Judentum© und die Judenmission, gegründet. Die Kriegsereignisse haben den Gelehrten zur Veröffentlichung eines Wörterbuches und einer Sammlung jüdisch-deutscher Texte veranlaßt, die zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden bestimmt sind. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund“ hat beschlossen, die fast seit einem Jahrzehnt liegen gebliebenen Arbeiten für die Vorbereitung eines Gesetzentwurfes über den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden in Preußen wieder aufzunehmen und hat bei dem „Verband der Deutschen Juden“ angefragt, ob er sich an dieser Arbeit wie früher beteiligen wolle. Der große Ausschuß des „Verbandes der Deutschen Juden“ hat beschlossen, an diesen Arbeiten sich wieder zu beteiligen. Die Frage der Stellung von Anträgen bei der Regierung oder dem Landtag bleibt für den geeigneten Zeitpunkt Vorbehalten. Feuilleton Hugo Zuckermann, der Dichter Jungjudas. Von Schulrat Eberhard, Greiz. (Schluß.) Hier wollen wir nun eine Probe der Liedkunst H. Zuckermanns aus der Zeitschrift „Unsere Hoffnung“ bringen, sie ist voll Bildhaftigkeit und innerer Kraft; er widmete das Gedicht als „Prolog zur Herzlfeier“ einer zionistischen Studentenkorporation in Riga. Ein Sommer war’s, wie dieser, sonnenhell, der alle Frühlingsträume reifen ließ und Segen streute auf die Ackerfluren, und alles war beglückt und hoffensfroh. Der Tag stieg auf, wie eine junge Braut den Armen neues Glück entgegenbreitend und alle Kranken, die ein Sonnengruß am Lager koste, hofften zu genesen. Doch als der Abend von den Bergen kroch, wo er verborgen, wie ein böser Feind gelauert, stand still ein Herz, das sich nach Sonne sehnte. Seit jenem Tag schien uns der Himmel schwarz, die Welt erstorben und die Sonn’ erloschen, der Sommer welk und alle Freude tot. Die andern harrten einer reichen Ernte und tanzten lachend auf den fetten Schollen. Wir fühlten herb des Winters kalte Öde Und in die Erde, die für uns nicht grünte, versenkten wir den Sämann statt der Saat. Das ist das Los der Großen Israels, daß sie am Wege sterben, wie einst Rachel, die ungeborne Hoffnung trug im Schoß, wie Moses, der die letzten Blicke tauchte ins nahe Land, das ihm doch unerreichbar. Was ahnend längst der wache Geist geschaut, was jubelnd lebte in des Sängers Lied, blieb ihm allein verschlossen — übers Grab hinaus Rankt seine Sehnsucht glühend —so starb Herzl! Und Herzl starb, als fahl der Tag verblaßte. Er hatte stets die Finsternis gehaßt und wollte Licht dem armen Volke geben. Drum waren ihm die dunklen Mächte feind; die Maulwurfsbrut, die nur im Dunkeln tappt und keinen Ausweg wollte aus dem Golus. Feind war ihm, was sich scheu im Schatten barg und wasi der Sonne klare Wahrheit scheute. Doch lieb und traut war ihm der helle Schein, der von den sieben Armen der Menorah des Juden stilles Haus zum Tempel weihte, und teuer war ihm Judas Sonnenland, das Licht des Orients: Jerusalem! Und wieder ist es Sommer worden — wieder schmückt sich die Welt mit Blumen und mit Farben, und in Rechoboth1) reifen unsere Garben, und unsere Schnitter singen Erntelieder. Wir aber wollen, da der Tag sich jährte, in tiefer Wehmut unsere Herzen einen: Theodor Herzl! Blicke auf die Deinen! Du warst’s, der uns den Sang der Freiheit lehrte, den Traum vom Rauschen in den Zedernhainen, wir aber gruben Dich in fremde Erde Und weinen2) — —- Ich wähnte ihn längst in dem Land, das seine Seele suchte, als Pionier der jüdischen Zukunftskultur, da trug das „Österreichische Reiterlied“ seinen Namen in die Runde. Und keinen Augenblick war es mir zweifelhaft, daß dieses Lied der Feder und dem Herzen jenes liebenswerten Zionisten entflossen sei; so schlicht und echt war er, so voller Empfindung und Musik war seine Poesie, so entschlossen und opferbereit für hohe Ziele war sein Handeln. Und eine hohe Freude war es mir, zu sehen, wie sein junges Herz auch warm und treu geschlagen hat für den österreichischen Doppeladler, dessen Fittiche seit dreißig Jahren seinem aus Osteuropa vertriebenen Volke Schutz und Sicherheit gewährten. Das Märchen von der Unvereinbarkeit des nationalen Sinnes im Judentum mit der Reichs- und Vaterlandstreue muß angesichts der Sprache der Tatsachen nach dem Kriege doch einmal verstummen. Aus der Front sandte er an seine Freunde das nachfolgende Gedicht: 0 Eine der neuerstandenen jüdischen Kolonien in Palästina. 2) Der Verlag Löwit in Wien hat inzwischen den literarischen Nachlaß Zuckermanns herausgegeben; voll feiner, in orientalische Glut und Farbe eingetauchten Seelenregungen ist besonders der Band „Gedichte“ (2 Mk.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.