Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 20 (17.5.1918)
- Date
- 1918-05-17
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 227 diesem Maße Tür und Tor öffnet. Der, welcher hoffte, daß die deutsche und die österreichische Regierung die 'Gelegenheit zur Hebung eines alten Unrechtes ergreifen würden, wird es freilich auch bedauern, daß nur der „Juden-Artikel“ des Vertrags mit so geringer Sorefalt behandelt wurde, daß er eine Fortdauer der bestehenden Verhältnisse möglich macht. Die Gefahr in Rußland. Von S. M. Melamed. Eine jüdische Legende erzählt von einem schrecklichen Gemetzel unter den Juden durch die Römer, bei dem das große Meer sich durch jüdisches Blut rot färbte. Die Legende ist keine bloße Erfindung der jüdischen Phantasie, sie beruht auf Tatsachen, die für jeden ernsten Geschichtsforscher unzweifelhaft feststehen. Wenn man heute im Talmud die Stelle von dem schrecklichen Blutbad liest, das die Römer unter den Juden anrichteten, weil diese für ihre Freiheit kämpften, könnte man glauben, daß solche Grausamkeiten nur vor 2000 Jahren möglich waren, als sogar die gebildeten Klassen noch halbe Barbaren waren. Wir trösten uns vielleicht mit dem Gedanken, daß jene barbarische Welt untergegangen sei. In Wirklichkeit haben wir keinen Grund anzunehmen, daß solche Blutbäder wie in der Römerzeit nicht mehr möglich seien. 2000 Jahre nach der Zerstörung desi jüdischen Staates stehen wir vor der Vernichtung des jüdischen Volkes in Osteuropa. Wir unterschätzen leicht die Gefahr, in der die Millionen russischer Juden sich gegenwärtig befinden. Der große Krater, durch eine Katastrophe erschüttert, beginnt giftige Gase um sich zu speien. Die russische Revolution in ihrer letzten Phase hat finstere, zerstörende Kräfte ausgelöst, die das Leben der ganzen russischen Judenheit bedrohen. Eine finstere Kraft ist der Boischiwikismus und eine ebenso dunkle Kraft ist sein. Todfeind, die russische Kirche, die die Juden für alles Unglück, welches das Land trifft, verantwortlich macht. Eine finstere Macht ist ferner die russische Reaktion, die im Trüben fischt und in einem fort gegen die Juden hetzt, und eine düstere Kraft ist der ausgehungerte, demoralisierte russische Soldat, der von der zügellosen Freiheit erfaßt, wie ein von der Kette losgerissenes wildes Tier im Lande wütet. Die Bolschewiki haben der Bourgeoisie und der ganzen Welt den Krieg erklärt. Die armen und verarmten russischen Juden rechnen sie ebenfalls zu der Bourgeoisie, also kämpfen die Bolschewiki auch gegen die Juden,1 und dieser Kampf nimmt bereits die Form von Pogromen an. Eine, noch größere Gefahr als die organisierten Pogrome sind die Überfälle der demoralisierten Soldatenhorden. Sie ziehen durch die jüdischen Städte, mordend und plündernd, und es gibt z. Z. in Rußland keine Autorität, die sie von ihrem verbrecherischen Treiben zurückhalten, könnte. Auch die christliche Bevölkerung leidet unter der Ziigellosigkeit der aufgelösten Armee, aber wie überall sind die Juden die ersten Opfer. Die ganze russische Judenheit steht vor einer schauerlichen Katastrophe, eine ganze Kette von Umständen hat sich gegen sie vereinigt, alle dämonischen, zerstörenden Kräfte einer untergehenden Welt. Das Schrecklichste ist aber, daß die Juden in Rußland gegenwärtig keinen einzigen Freund besitzen, der ihnen in der Not helfen könnte. Vor einem Jahre waren fast alle gebildeten Russen den Juden freundlich gesinnt. Alle politischen Parteien hatten in ihr Programm „Freiheit den Juden“ geschrieben. Formell sind demnach die russischen Juden frei, und die politischen Parteien in Rußland haben formell keinen Grund, sich noch mit der jüdischen Frage zu beschäftigen, weil diese in ihren Augen bereits gelöst ist. Die russisch - jüdische Jugend, jahrzehntelang verfolgt und vom alten Regime auf grausamste Art unterdrückt, wurde stets von politischen Extremen getrieben. So kommt es. daß in der bolschevikischen Bewegung einige Juden eine große Rolle spielen können, und daß die anderen politischen Parteien die Gesamtheit der Juden dafür verantwortlich macht. Alle Proteste der russischen Juden, daß die Trotzkis, Schnerrs und ihresgleichen keine Vertreter des Judentums seien, nützen nichts. Auf den Juden lastet der alte Fluch: „Einer aus ihrer Mitte sündigt, und über die ganze Gemeinde entlädt .sich der Zorn.“ Sogar die intellektuellen Russen, die noch vor einem Jahr Judenfreunde waren, sind jetzt ihre Feinde. Die russischen Juden sind heute von allen russischen politischen Parteien isoliert, die noch vor einem Jahre mit ihnen zusammengearbeitet haben. Darin besteht die große Gefahr, die unsere Brüder in Rußland bedroht. (Lodzer Volksblatt.) Litauische Fragen. In der „Voss. Ztg.“ vom 23. v. Mts. veröffentlicht Max Cohen-Reuß, M. d. R„ einen bemerkenswerten Aufsatz über die litauische Frage, dem wir die folgenden Ausführungen entnehmen: „Was die jüdische Bevölkerung Litauens anbetrifft, so ist wohl nirgends unter dem Ostjudentum das jüdische Nationalbewußtsein so .stark ausgeprägt wie hier. Die litauischen Juden wohnen seit Jahrhunderten in geschlossenen, gut organisierten Gemeinden. Sie stehen kulturell hoch und kennen hier, im Gegensatz zu Kongreß-Polen, das sogenannte Assimilantentum eigentlich überhaupt nicht. Dabei spricht ihre Mehrzahl deutsch, und die jüdische Intelligenz, die zu einem erheblichen Teil in Deutschland studiert hat, kennt und verehrt meist die deutsche Literatur und Philosophie in ganz besonderer Weise. Als Händler waren und sind die Juden die natürlichen Vermittler zwischen Deutschland und Rußland und das Handwerk ist in Litauen geradezu ein jüdisches Monopol. Im Gegensatz zu dem ausgesprochenen Nationalbewußtsein der Juden und Polen fehlt dies bei den litauischen und weißruthenischen Massen fast gänzlich, wenn auch die eindringliche Arbeit der Intellektuellen auf diesem Gebiete (besonders bei den Litauern) letzthin einige Fortschritte erzielt hat. Das Verhältnis der Litauer und Weißruthenen zu den Polen ist nicht gut, sie sehen in diesen die historischen Unterdrücker ihrer Völker; die Beziehungen zu den Juden waren stets die allerbesten. Erst in der letzten Zeit ist in litauischen Kreisen so etwas wie Antisemitismus aufgetaucht, man darf indes hoffen, daß er eine rasch vorübergehende Erscheinung sein ward. Aus diesen Darlegungen geht zur Genüge hervor, daß die deutsche Verwaltung und die Reichsleitung nicht gut daran getan haben, wenn sie bisher mit den Litauern allein über die Zukunft des Landes verhandelten. Nur aus dem erwähnten Umstand