Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 221 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 221 So verdichtete zur Zeit der serbischen Krise ein bis dahin als Lyriker völlig unbekannt gewesener „Advokaturskonzipist“, Dr. Hugo Zuckermann, seine vaterländischen Gefühle. Das) in Danzers Armeezeitung abgedruckte „Reiterlied“ blieb zunächst trotz einer redaktionellen Vorbemerkung unbeachtet. Als aber der große Krieg kam, kramte irgendein Leipziger Schriftleiter das Gedicht vielleicht aus dem Zettelkasten — aus, und nun war seine Zeit gekommen. Wie im Siegesfluge ging es in wenigen Tagen durch die gesamte deutsche Prese und fand seinen Platz in fast sämtlichen jetzt erschienenen Sammlungen von Kriegsgedichten. Der Gouverneur von Thorn aber richtete an den österreichischen Waffenbruder, der seit dem Juli als Leutnant des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 11 gegen den Erbfeind kämpfte, den folgenden Dank, der den Schreiber gleicherweise wie den Empfänger ehrt: „Sehr verehrter Herr Kamerad! Lassen Sie mich Ihnen herzlich die Hand drücken für Ihr herrliches Reiterlied: Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen... Das ist echte Kriegspoesie! Ihre Verse werden tausend Reiterherzen höher schlagen lassen und fortreißen zu unsterblichen Taten. Ich kann gar nicht sagen, wie Ihre Worte mich gepackt haben. Wie wundervoll haben Sie Ton und Klang der alten Landsknechtgesänge getroffen. Der Krieg läßt die Soldatenlieder hervorsprießen wie wilde Blumen. Die meisten wird der Wind bald verwehen, aber Ihr Lied wird bleiben und wird Ihnen zu dem Siegeskranze auch den Lorbeer des Dichtens um die Schläfe winden. Gott sei mit Ihnen und führe Sie gnädig wieder heim. In treuer Waffenbrüderschaft Ihr aufrichtig ergebener Dr. jur. v. Dickhuth-Harrach, Generalleutnant, Gouverneur von Thorn.“ Das ist nur eine von den zahllosen herzlichen Anerkennungen, und das Lied verdient in der Tat die so rasch erworbene Volkstümlichkeit und Sangbarkeit, denn hier spricht lauterste Poesie. Fast mutet es wie ein altes Landknechtslied, wie eine Perle aus „Des Knaben Wunderhorn“ an, so echt ist der Liedton getroffen. Erst bei genauerer Untersuchung findet man hier und da wohl einen leisen Einfluß Mörikes oder anderer romantisch gestimmter Lyriker, und man erkennt, daß hier höchste Kunst aus der singenden Seele des Volkes heraus Großes in schlichter, gefühlswarmer Form zu sagen gewußt hat. Der Wunsch des Waffenbruders aus Thorn, daß dem Dichter mit seiner glücklichen Heimkehr der Siegerkranz und der Sängerlorbeer beschieden sein möge, hat sich' nicht erfüllt. Dr. Zuckermann hat sich vorahnend in dem Liede seine Zukunft gemalt. Nachdem er auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen des Ostens 31 Gefechte mitgemacht hatte, wurde er in den letzten Novembertagen des ersten Kriegsjahres bei einem Sturm auf feindliche Schützengräben am Duklapaß schwer verwundet. Vom Schlachtfeld in seine Heimat nach Eger gebracht, ist er dort am 23. Dezember 1914 seinen Wunden erlegen. Die junge Witwe aber vermochte den frühen Verlust des Geliebten nicht zu überleben; mit den Blumen, die der Mai sonst zu Trost und Augenweide beut, schmückte sie sein Grab und gab sich dann selbst den Tod. Warm ist sein Andenken in der Presse geehrt worden, und doch empfinden seine Freunde und Gesinnungsgenossen, wie einer von ihnen mir schreibt, es schmerzlich, „daß Hugo Zuckermann jetzt überall nur als Dichter deis volkstümlichen Verein Bne Jehuda. Samstag den 11. Mai abends 9 Uhr im Äugustinerbräu, Neuhauserstr. 14 Borochow-Gedächtnisfeier. Herr Jose! L e v i spricht über das Wirken und Schaffen dieses kürzlich verstorbenen jüdischen Arbeiterführers. Gäste willkommen, „Österreichischen Reiteiiiedes“ bekannt ist. Wir liebten, wie gerade Sie ja verstehen werden, die ganze Persönlichkeit und den Idealismus des Verstorbenen, die er in den vielen Jahren seiner zionistischen Tätigkeit immer wieder zum Ausdruck gebracht hat, und sähen es daher gern, daß sein Bild so dargestellt wird, wie es in seiner Vollkommenheit uns erscheint.“ Hugo Zuckermann, der gepriesene Dichter und k. k. Leutnant (geb. am 15. Mai 1881), war ein stammesbewußter Jude und Zionist. Und es ist nicht zufällig, daß der Schöpfer des Reiterliedes ein Jude war, der sein ganzes Denken und Fühlen dem nationalen Ideal seines Volkes geweiht hatte und um eine jüdisch-nationale Wiedergeburt rang. Schon als Egerer Abiturient begründete er in einzelnen deutschböhmischen Städten zionistische Jugendvereine, und er gewann durch die Kraft seiner Überzeugung manche schwächliche „Assimilanten-Seele“ für den völkischen Gedanken. Als Student ward er Mitbegründer des Vereins zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“ in Wien, und er blieb auch der geistige Führer dieser Vereinigung und damit der zionistischen Studentenschaft Österreichs, nachdem er als junger Rechtsanwalt in das praktische Leben übergetreten war. In diesem Zusammenhang lernte ich ihn kennen. Es war im Winter 1908/09. Zum erstenmal veranstaltete jener Verein, der den Namen des geistvollen Organisators /des nationalen Judentums auf seine Fahne geschrieben hat, an der Wiener Universität einen Palästinakursus; der Lehrgang sollte helfen, die zionistische Praxis für weitere Kreise Studierender und Gebildeter durch eine wissenschaftliche, dem modernen Kulturstand zugewandte Palästinakunde zu begründen. Man hatte mich gebeten, über palästinensiche Schul- und Bildungsfragen vorzutragen, die ich am Archäologischen Institut in Jerusalem eingehend studiert hatte. Der Abend vereinte uns auf der Kneipe des Vereins zu zwanglos-fröhlichem Beisammensein, und hier sprühten nun Geist und Witz, wie sie der jüdischen Intelligenz eigen zu sein pflegen. Aber es war kein Raketenfeuer, sondern es wärmte und drang bis ans Herz, denn die Geistesglut loderte auf dem Altar der Palästinaliebe, die mich mit jenen verband, und sie nährte sich durch reiche Gemütswerte, die schließlich, immer wieder in dem Ents'chluß gipfelten: Wir müssen das Land unserer Sehnsucht nicht bloß lieben, sondern studieren und seine verborgenen Ouellen anstechen, damit wir hernach, durch Wissen und Können wohlgerüstet, als Pionier neujüdischer Kultur ein Neues bauen können auf der Scholle unserer Väter, in unserm „Kinder- und Vaterland“. Unter all den Idealisten aber war der gewinnendste und geistvollste, der ernstetste und be-