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Das jüdische Echo · 1918-05-10 · 19 (10.5.1918) · p. Seite 218

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
19 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
Seite 218 (sequence 6)
Language
German
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218 Das Jüdische Echo Nr. 19 ihre Arbeiten nahezu beendet hatte. Woher also die plötzliche Eile? Sollte es sich um eine bewußte Briiskierung der Polen handeln? Man braucht nicht so weit zu gehen, um des Rätsels Lösung zu finden und kann die hohe Politik dabei ganz aus dem Spiele lassen. Bekanntlich-ist in der von der deutschen Verwaltung ausgearbeiteten Wahlgesetzgebung für die großen jüdischen Gemeinden Warschau und Lodz das Zwei-Kuriensystem eingeführt. 48 Abgeordnete sind in Warschau zu wählen. 24 hiervon wählt die große Masse der Bevölkerung, die mit einem Steuersatz von mindestens 3 Mark veranlagt ist, in der zweiten Kurie. Ebensoviel wählt die erste Kurie, die „Intelligenz-Kurie“, in die alles hineingestopft worden ist, was als „gebildet“ angesehen wird. Und damit das jüdische Moment nicht fehle, gehören auch diejenigen dazu, die von einer besonders hierzu eingesetzten Kommission als Rabbiner geprüft und anerkannt sind. So das Wahlgesetz. Und wenn man bedenkt, daß in der von den polnischen Behörden eingesetzten Revisionskommission-, trotz ihres reaktionären Charakters und ihrer hauptsächlich assimilatorischen Zusammensetzung, gerade das Kuriensystem auf entschiedenen Widerstand stieß und voraussichtlich unter den Tisch gefallen wäre, und wenn man weiterhin nunmehr erfährt, daß zwar der Steuersatz auf eine Mark herabgesetzt wurde, andererseits aber jeder Rabbiner berechtigt ist, Zeugnisse über die Befähigung als Rabbiner auszustellen, sieht man, woher der Wind weht, der die Mühlen der deutschen Verwaltung so schnell und so heftig in Bewegung gesetzt hat. Denn die Prüfungskommission für Rabbiner ist nunmehr zu einem Zerrbild geworden. Sie hat nicht mehr den Inhaber eines Zeugnisses auf seine Eignung und sein Wissen zu prüfen, sie hat nur noch nachzuprüfen, ob die Ausstellung von einem Rabbiner geschehen ist. So besteht die beste Aussicht, daß es bei den Wahlen in Warschau mehr Rabbiner gibt, alsi der frommste Chassid in den kühnsten Träumen je zu hoffen wagte. Die bekannten orthodoxen Drahtzieher können sich freuen, daß es ihnen wieder einmal gelungen ist, die deutsche Verwaltung für ihre Zwecke einzuspannen. Der Gerer Rebbe wird die erste Wahlkurie beherrschen, wenn nicht noch in letzter Stunde Einhalt geboten wird. Vorläufig ist hierzu wenig Aussicht. Die erste Kurie wird ein Zerrbild des Volkswillens ergeben. Kreise werden sie beherrschen, denen an allem mehr gelegen ist als an der sittlichen und körperlichen Hebung der Warschauer Judenheit. So konzentriert sich denn der Wahlkampf der jüdischen Parteien auf die zweite Kurie. Alle Parteien wollen sich an der Wahl beteiligen und alle haben, da Proportionalwahlen vorgesehen sind, Aussicht, einige Vertreter in das Gemeindekollegium zu entsenden. Nicht zuletzt die Zionisten. Die so oft beklagte Politisierung der jüdischen Jugend scheint hier einmal etwas Gutes zu wirken. Ein frischer Zug geht durch die Bewegung. Zahlreich haben sich die Mitglieder der Studentenverbindung „Jardenja“ und die Angehörigen des „Merkas“ dem Wahlkomitee zur Verfügung gestellt. Und auch die „Balebattim“ wurden ein wenig aufgerüttelt und nehmen Anteil. Und wenn diesmal gerade diese Kreise sich etwas freigebiger als sonst üblich bezeichnen und sich die breite Hand der russischen Judei\ zum Vorbild nehmen, ist an einem guten Erfolg nicht zu zweifeln. Denn die Stimmung ist für den Zionismus, und durchi die verschiedenen Regierungserklärungen ist das Vertrauen der weiten Volksmassen zu der Bewegung außerordentlich gestiegen. So versprechen sich die Zionisten auch von den seitens der deutschen Behörden angesetzten Gemeindewahlen einen guten Erfolg. Trotz aller Machenschaften der Orthodoxen, die merkwürdigerweise als einzige Partei wochenlang vorher von der Absicht der deutschen Verwaltung unterrichtet war, und der als einziger Partei eine offizielle Mitteilung der Verwaltung zuteil wurde. Bei dieser Erscheinung drängt sich aufs neue die Frage auf, welches Interesse die deutsche Verwaltung an der Unterstützung der Drahtzieher des Chassidismus hat. Und immer wieder sieht man mit schmerzlichem Bedauern, welche eigenartige und traurige Rolle hier die beiden deutschen Rabbiner spielen. Der Krieg scheint übrigens hier die Begriffe der Orthodoxen von Recht und Unrecht etwas verwirrt zu haben und etwas laxere Auffassungen zu gestatten. Denn nur so ist es zu verstehen, daß dem polnischen Ministerium als einer der Vertreter 'im Staatsrat Herr Wegmeister zur Ernennung vorgeschlagen werden konnte. Gerade die beiden deutschen Herren haben mancherlei Material über diesen ehrenwerten Vertreter des Gerer Rebbe und es ist ihnen gewiß nicht unbekannt, welch eigenartige Verfügungen der jüdische Gemeinderat gegen diesen Herrn in Bezug auf die Verwendung öffentlicher Gelder erlassen mußte. Daß gerade dieser Mann trotzdem auf den Schild gehoben wird, zeigt am besten die Richtung, die der offiziell unterstützte Chassidismus nimmt. Hoffentlich erkennt die deutsche Verwaltung noch rechtzeitig, wie wenig dem Judentum mit der ausschließlichen Unterstützung einer bestimmten Richtung auf Kosten aller anderen gedient, lind wie schädigend diese Unterstützung dem Deutschtum ist. Kostümfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 königl. bayer., königl. Württemberg , grossherzogl. badische Hoflieferanten Bankkonto: K. hilialbank, München und Bankhaus Martini u. Simader, München. — Postscheckkonto- Nr 3613 München. 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