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Das jüdische Echo · 1918-05-10 · 19 (10.5.1918) · p. Seite 215

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
19 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
Seite 215 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 215 Pas taten wir aus Liebe zu unserem Vaterland. Wir werden uns niemals die Liebe zu unserem deutschen und preußischen Vaterland aus unserem Herzen reißen lassen.“ Das jüdische Volk und die jüdische Politik. Zu! J. Breuers Judenproblem“.1) Hie Glauben, hie Wissen! Der Gegensatz ist uralt und wird erst mit den letzten Menschen von dieser Erde verschwinden; denn er beruht auf den zwei grundsätzlich verschiedenen Verhaltungsweisen zu den Fragen des Lebens. Nie aber ist das Schauspiel, das dieser Kampf bietet, fesselnder, als wenn der Kampfplatz die Seele des einzelnen Menschen selbst ist. Staunend erblicken wir hier oft und oft das Bild der — Versöhnung; Die geheimnisvolle Seelenkraft der einzelnen Persönlichkeit vermag es, das logisch Unvereinbare zu vereinen. Diese Versöhnung ist, wo sie stattfindet, eine Tatsache, die man anzuerkennen hat, auch wenn man sie verstandesmäßig nicht begreift. Bisweilen aber ereignet es sich, daß solche Persönlichkeiten, voll1 des lebendigen Gefühls ihrer schwer errungenen Seelenharmonie, sich gedrungen fühlen, die ihnen gelungene Lösung des Rätsels auch den Nebenmenschen mitzuteilen. Einem Künstler, einem Dichter mag es gelingen, eine überzeugende Form für diese Mitteilung zu finden; geschieht aber die Mitteilung mit den Mitteln der Wissenschaft, mit deren allgemein gültigen überindividuellen Denk- und Sprechformen, so scheitert sie mit Naturnotwendigkeit an der logischen Unmöglichkeit einer allgemein gültigen Versöhnung jener polaren Gegensätze. Solche Bücher,sind dann oft reich an wertvollen Einzelbeobachtungen, aber das Ganze ist wie ein von lauter Bruchstellen durchzogenes Gebäude. Wir machen diese Erfahrung beispielsweise an den Büchern streng katholischer Sozialwissenschaftler oder Naturforscher. Wir machen sie wieder an der vorliegenden Schrift J. Breuer si — nur daß sich hier der Riß scharf mitten durch das Gedankengebäude zieht (so daß man den Zweifel nicht unterdrücken kann, ob die sich hier mitteilende Persönlichkeit auch nur innerlich aus jenem Dualismus zur Harmonie sich durchgerungen hat). Ein an deutscher Wissenschaft geschulter, allgemein gebildeter, philosophisch begabter, scharfsinniger Kopf stößt auf das Judenproblem, auf Jene merkwürdige Erscheinung“: Millionen von Menschen, seit Jahrhunderten über die Erde zerstreut, bilden eine Einheit, die weder staatlich ist, noch auf sonstiger Organisation beruht. Er untersucht das Wesen dieser merkwürdigen Einheit und setzt sich kritisch1 auseinander mit den bisherigen Antworten, die dasi Problem gefunden hat. Er lehnt es ab, in den Juden eine „Einheit der Rasse“ zu sehen, weil eine Kultureinheit, wie die jüdische, nur geschichtlich erwuchsen sein und daher nicht nach tierzüchterischen Gesichtspunkten erklärt werden könne, wie denn auch keineswegs die Einheit der Rasse ein den ihr angeblich Zugehörigen bewußtes Erlebnis sei. Er lehnt es ebenso entschieden, ab, in den Juden eine „Einheit der Religion“ zu sehen, weil die Juden in Wahrheit heute religiös tief zerklüftet seien, ganz abgesehen davon, 0 Erschienen bei Otto Hendel Verlag, Halle (Saale) 1918. M. 1.50. daß sie auch keine gemeinsame kirchliche Organisation haben. Die sogenannte israelitische Religionsgemeinschaft sei eine zu politischen Zwecken gegen die völkischen Angriffe des Antisemitismus von den Assimilanten erfundene Abwehrfiktion, durch die die unbestreitbare, aber vielen Juden peinliche Tatsache des Daseins einer jüdischen Nation verdeckt werden solle. So kommt schließlich Breuer dazu, in den Juden eine „Einheit der Geschichte“ zu sehen. Die objektive Tatsache, daß aller heute lebenden Juden Vorfahren gemeinsame Schicksale erlebten, insbesondere den Verlust der staatlichen Selbständigkeit und des eigenen Landes durch Titus, eint die Nachkommen, die sich dieser Nachkommeneigenschaft bewußt sind, zum Volk. Und darum sind die Juden ein Volk. Derartige Untersuchungen bilden den Inhalt des ersten Teils des Buchs. Der Leser hat keinen Zweifel, daß Breuer diese von ihm überzeugend vorgetragenen und mit Tatsachen belegten Ausführungen auch seinerseits für richtig hält (sie sind es nicht durchaus, aber hierauf kommt es hier zunächst nicht an). Er nennt es eine „wissenschaftlich nachweisbare Tatsache“, daß die Juden eine Nation sind, und nicht eine Glaubensgemeinschaft, da ihnen weder ein Bekenntnis noch eine Organisation gemeinsam ist. Aber der Leser irrt. Er bemerkt seinen Irrtum erst im zweiten Teil des Buchs, Die obige wissenschaftliche Lösung des Judenproblems ist nicht die von Breuer gebilligte, sondern seine Lösung ist die orthodoxe, deren temperamentvoller Darlegung der zweite Teil dient. Die jüdische Einheit beruht auf dem von Gott seinem Volk gegebenen Religionsgesetz. Die Pflicht, dem Gottesgesetz zu gehorchen, ist das. was alle Juden eint, was dem Dasein der jüdischen Nation seinen Sinn gibt, und dieses zugleich unüberbrückbar von dem Dasein der übrigen Völker scheidet. Zwar ist das Nationalgesietz ursnriinglich als jüdisches Landes- und Staatsgesetz gedacht, jedoch „sind den Juden Land und Staat gegeben, nicht um nun selber dem Turmbauwahn politischer Ruhmsucht, der die anderen Nationen der Reihe nach in die Höhe treibt und in den Abgrund wirft, ihrerseits zu verfallen, sondern um die ganze Fülle menschlicher Kulturentwicklung, deren Entfaltung, soll sie ungehindert und umfassend sein, Staat und Land freilich erfordert, dem nationalen Gottesgesetz zu unterordnen und mitten in einer unter der Politik der Staatsmänner seufzenden Menschheit das abrahamitische Ideal der Liebe und des Rechts in Absolutheit zu verwirklichen“. Nach dem Verlust von Staat und Land kommt das Wesen des Judentums, „die unverbrüchliche Geltung des Staat und Land überdauernden Gottesgesetzes, auf dessen Erfüllung der nationale Wille nun einzig gerichtet ist“, nur noch klarer zur Erscheinung. Das nationale Gesetz bindet als das Gesetz der Nation den Wiillen des Einzelnen, kraft der bloßen Tatsache seiner Geburt von einer jüdischen Mutter, unabhängig von seiner persönlichen Überzeugung, daher ohne Glaubens- und Gewissenszwang. Durch den Zwang zu solchem Gehorsam wird der einzelne Mensch erzogen zur sittlich freien Persönlichkeit („Heiligkeit“) und Vollkommenheit. Hier klafft der Riß im Breuerschen Gedankengebäude. Hie Wissenschaft, hie Glaube! Breuer freilich verfügt über die übliche Methode, diesen Riß zu verhüllen, sodaß er oberflächlich nicht mehr sichtbar ist. Er gibt keineswegs zu, daß im ersten Teil seines Buchs die Wissenschaft, im

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