Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 18 (3.5.1918)
- Date
- 1918-05-03
- Page
- Seite 215 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Das Jüdische Echo 205 wir von allen lebenswichtigen Rohstoffen und Fabrikaten entblößt sind und der daraus erziehenden Aufgabe, nach Friedensschluß alles daran zu setzen, um den Inlandsbedarf zu decken und wieder exportfähig zu werden, müssen wir auf Jahre und vielleicht Jahrzehnte hinaus jede irgend verfügbare Arbeitskraft in den Dienst der Gütererzeugung stellen. So treten zu den persönlichen und familienwirtschaftlichen Gründen der angespannten weiblichen Erwerbstätigkeit auch noch die allgemeinen volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Daher kann von einem Aufhören der weiblichen Erwerbstätigkeit nach dem Kriege nicht die Rede sein, kaum von einem Nachlassen und höchstens von einer Umordnung der Berufsarten. Damit ist auch für das Judentum die Nötigung gegeben, sich mit der Frauenarbeit als mit einer feststehenden Tatsache abzufinden. Es kann sich nur darum handeln, dieses Entwicklungsmuß seiner Härten und besonders seiner lebensfeindlichen und herabziehenden Wirkungen zu entkleiden. Das kann geschehen, indem, wir innere und äußere Gegenkräfte bereit machen. Die schweren Tage, die wir miteinander durchleben, sollten für alle, die Ohren haben zu hören, Augen zu sehen und Herzen zu empfinden, zu eindrucksvollen Lehrern auf dem Gebiete der inneren Erziehung, das ist aber der Kultus des Herzen®, werden. Wem die Quellen seiner Kraft aus dem tiefen Born der Naturbetrachtung und Naturfreude, aus den Schöpfungen des Geistes und der Kunst Zuströmen, der ist wohl ausgerüstet zum Lebenskampf. Hier gilt es fort-, und wo es not tut, neu zu bauen. Die tiefsten Gründe memsehwerten Lebens all jenen zu erschließen, die bis dahin noch nichts von den dort zu hebenden Lebensreichtümern wußten. Und ihnen in der Familie eine Heimstatt zu bereiten. Dort einen Kristallisations- und Ausstrahlungspunkt solcher Kuh tur des Herzens und Geistes zu schaffen, daß alle Glieder der Familie immer und gerne wieder zu ihr zurückstreben, als einer Oase im Lebensgewühl und einem ewigen Jungborn für Geist und Gemüt. Das ist keine Utopie und kein Traum. Es gibt heute schon solche Heimstätten des Gemüts, und an den Frauen, den Hausfrauen. Gattinnen und Müttern wird es sein, ihre Zahl zu mehren. Wir können es uns versagen, näher auf die äußeren Hilfsmittel cinzugehen, durch die den Trauen das Erwerberimiissen erleichtert und seiner Schädigungsmöglichkeit vorgebeugt werden kann. Sie sind für das Judentum keine anderen, wie für die Allgemeinheit. Tüchtige Berufsischulung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und' damit die Möglichkeit, daß berufstätige Frauen Kriegsbeschädigte heiraten und die Hauptlast der Tamilienerhaltung tragen können, Veranstaltungen zu Schutz und Fürsorge für Mutter und Kind, hauswirtschaftliche, küchentechnische und erziehliche Erleichterungen (Krippen, Kindergärten. Horte usw.), die die Vereinigung von Ehe und Beruf ihrer Härten und Schadenmöglichkeiten entkleiden, Lösung der Wohnfragc und ähnliche Dinge mehr sind es, durch die, unabhängig vom Bekenntnis. Ehehäufigkeit gesteigert, die Geburtenfreudigkeit gemehrt werden kann. Daneben gibt es allerdings e i n äußeres Mittel zur Hebung der Geburtenfreudigkeit, das nur für die Juden in Betracht kommt. Ein äußeres Mittel. das verblüffend einfach ist und ebenso selbstverständlich sein sollte: daß man endlich einmal das Kaiserwort vom 4. August 1914 wahr machte, nach dem cs im deutschen Vaterlande keine Parteien, aber auch keine Konfession mehr geben sollte, sondern nur noch Deutsche. Und das Wort des Kanzlers, das allen Tüchtigen freie Bahn verhieß. Die Juden haben sich als Deutsche und als Tüchtige erwiesen in diesen blutreichen Tagen. So dürften sie billig fordern und erwarten, nicht anders behandelt zu werden, als alle andern. Gibt man ihnen dies Bürgerrecht der gleichen Behandlung, nimmt man von ihnen die schicksalsschwere Frage, welchen Beruf kann ich meinen Sohn, meine Tochter ergreifen lassen, ohne fürchten zu müssen, daß sie darin als Juden nicht vorankommen können und ihnen so den Lebensweg zu erschweren, statt ihn zu erleichtern: dann wird man auch ihren Willen zum Kinde neu beleben. Heute sagt sich der Jude und muß sich sagen: nur wenn ich meinem Kinde den goldenen Schlüssel mitgeben kann, der alle Tore der Welt aufschließt (von dem anderen, von vielen mit Recht für schimpflich gehaltenen Weg der Taufe soll hier nicht die Rede sein), darf ich hoffen, es einigermaßen unangefochten durch die Welt kommen zu sehen. So will ich sorgen, daß dieser Schlüssel recht massiv sei und nicht in zu viele Teile zerlegt werden muß. Das Zweikindersystem ist die Folge dieser Sorge. So wirken die den Juden auferlegten Beschränkungen, die ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten geburtenmindernd. Mögen sich darum die, die an den verantwortlichen Stellen sitzen, fragen, ob es nach allem, was die Juden für das Vaterland sind und zu sein vermögen, wohlgetan ist, die Geburtenwilligkeit bei ihnen zu vermindern. Von dieser Grundlage aus, auf deren Gestaltung wir allerdings einstweilen wenig Einfluß haben, kommen wir abschließend zu der Erörterung einer für das Wesen und die Beeinflussung der Geburtenfrage bei den Juden wichtigsten Seite des Geburtenproblems. Von vielen Seiten ist schon vor dem Kriege und wird erst recht heute die Ansicht vertreten, daß nur eine außerordentliche Erhöhung der Geburtenzahl uns auf die Dauer vor feindlichem Anprall und der Gefahr des Überranntwerdens schirmen könne. Prüfen wir diese Annahme auf ihre Richtigkeit. Gerade der Geburtenverlauf bezw. die Bevölkerungsbewegung innerhalb der jüdischen Bevölkerung Ist hier ein Schulbeispiel. Die von uns mitgeteilte Altersgliederung der hessischen Bevölkerung hat uns gezeigt, daß trotz der vergleichsweise schwachen Besetzung der kindlichen Altersklassen bei den Juden eine ungemein starke Besetzung der produktiven Altersklassen vorhanden ist. Der Einfachheit halber seien die bezüglichen Zahlen noch einmal wiederholt. Auf je 1000 Personen der Gesamtbevölkerung entfielen auf das Alter 0—15 Jahre 329, bei den Juden 258, auf da® Alter 15—50 Jahre im allgemeinen 510, bei den Juden 529. Eine völlige Umkehrung sonach, die, wie wir gleichfalls gezeigt haben, dadurch zustande kommt, daß die Sterblichkeit der jüdischen Säuglinge um mehr als die Hälfte geringer ist, als in der christlichen Bevölkerung. Bevölkerungspolitisch und ohne Rücksicht auf die hier sich ergebenden Besonderheiten betrachtet, iist eine Gestaltung der Geburten- und Bevölkerungsfrage im Sinne der Kleinhaltung der Ge-