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Das jüdische Echo · 1918-04-26 · 17 (26.4.1918) · p. Seite 197

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
17 (26.4.1918)
Date
1918-04-26
Page
Seite 197 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 197 kleinen Saal im ersten Stock des Baseler Kasino- Gebäudes abgehalten. Man sprach russisch, ich verstand wenig und ging auf ein paar Minuten fort. Plötzlich erschallte im Saale ein donnernder Beifall. Das ganze Kasino-Gebäude erschien erschüttert zu sein. Ich trat in den Saal ein und erfuhr, daß die Konferenz eine Resolution angenommen hatte, wonach die zionistische Arbeit in Rußland, trotz dem strengen Verbot des grausamen Plehwe, weiter geführt werden sollte. Der Initiator der Resolution war Dr. Jechiel Tschlenow. Da hatte ich seine Persönlichkeit erkannt, doch glaubte ich eine Herrennatur vor mir zu haben. Wer eine solche Resolution einbrachte, mußte ein unbeugsamer Mensch sein, der seiner Umgebung Furcht einflößen konnte. Keineswegs! Als ich mit ihm persönlich bekannt wurde, da stand vor mir ein bescheidener gutmütiger Mann mit goldener Brille, mit wenig kraftvollem Organ, äußerst liebenswürdig — mit einem Worte — ein Jude. Man stelle sich einen jüdischen Rabbiner vom besten alten Schlage, mit modernen europäischen Umgangsformen vor — so wirkte Jechiel Tschlenow. Sein ruhiges und bescheidenes Auftreten, sein, trotz seiner Stärke und Größe, seiner hervorragenden Parteistellung einfaches Benehmen, war klassisch. Er pflegte sich nirgends vorzudrängen, und stets mußten wir ihn in den Vordergrund schieben. Wir wußten, was wir an ihm besaßen. Er war der eigentliche Führer der russischen Zionisten, die er mit eiserner Hand leitete, und trotzdem besaß er keine Gegner. Das war sein Vorzug gegenüber unseren anderen großen Führern Herzl, Wolfsohn und dem jetzigen russischen Zionistenführer Ussischkin. Zwischen den „Kochim“ habe ich ihn in Basel gesehen, noch steht sein bewegtes Gesicht vor meinen Augen, zwischen den extremen Hebraisten sah man ihn kurz vor dem Kriegsausbruch, da er eine Artikelserie gegen die übereifrigen Jüdischsten in „Hazefirah“ veröffentlichen ließ. Und doch hat seine Kampfmethode niemals zu einer erbitterten Gegnerschaft geführt, wie wir es leider bei anderen Parteimännern wahrnehmen. Im Gegenteil, das Vertrauen zu ihm wuchs in dem Maße, als man seinen tiefen Ernst, seine Lauterkeit und Beredsamkeit, seine Selbstaufopferung für das jüdische Volk erkannte. In den finsteren Zeiten des russischen Zarismus, da den zionistischen Agitatoren Gefängnisstrafe oder Verschickung nach Sibirien drohte, hatte Tschlenow die Leitung der Zentrale des jüdischen Nationalfonds in Rußland übernommen und mußte die Korrespondenzen mit dem Ausland in einer geheimen Sprache führen, obwohl es für ihn mit der größten Gefahr verbunden war. Er fürchtete nichts. Auf dem 11. Kongreß ließ er sich endlich in das Engere Aktionskomitee aufnehmen. Er verließ Moskau und Rußland, obwohl er als einer der größten Augenärzte berühmt war. Er verließ seine reiche ärztliche Praxis und übersiedelte nach Berlin, weil auf dem Kongreß beschlossen wurde, daß mindestens drei Mitglieder des Engeren Aktionskomitee ihren ständigen Wohnsitz in Berlin haben müssen. Mit dem Ausbruch des Krieges begegnen wir ihm wieder in Rußland, wo er zum Leiter der Partei der rutssichen Zionisten wurde. Auf der großen jüdischen Konferenz im freien Petersburg trat Tschelnow als geistiger Führer auf mit einer begeisterten verheißungsvollen Rede. Er wurde zugleich der Führer der Zionisten, der große Erwecker des jüdischen Volkes, sein Fürsprecher bei anderen Nationen, alsi diese sich endlich zum Aufrichten der jüdischen Heimat laut der alten Prophezeiungen entschlossen. Nun wurde Tschlenow zum jüdischen Diplomaten. Mit anderen Zionistenführern durfte er noch einen Aufruf an das jüdische Volk richten mit der Botschaft, daß nach den Hoffnungen die Zeit der Erfüllung gekommen sei. Er durfte es mit vollem Rechte tun. Wir haben es ihm vertraut, dem treuesten Sohne unseres Volkes. Das war seine letzte Tat. Mit der frohen Botschaft auf den Lippen ist er verschieden. Nach dem 7. Kongreß in Basel, nach dem heißen Kampf mit den Territorialisten, begegnete ich vor meiner Abreise Dr. Tschlenow in der Bahnhofwirtschaft. In voller Gemütsruhe, wie immer, sagte er mir, daß er noch einige Kleinigkeiten in Basel zu besorgen hätte, und gab mir die Hand zum Abschied, herzlich und anspruchslos. Und das war der Mann, der vor drei Tagen zusammen mit Usisischkin den eisernen Kampf gegen die Territorialisten geführt und sie besiegt hatte. Auch an ihm erfüllte sich die trübe Verheißung, die auf allen unseren großen Befreiern lastet: „Von der Ferne wirst du das Land sehen, aber betreten wirst du es nicht.“ Welt-Echo Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums versendet ihren 16. Jahresbericht. Aus diesem ist besonders die Tatsache hervorzuheben: Sie hat inmitten der Kriegswirren, im letzten Jahre die beiden ersten Bände ihrer großen wissenschaftlichen Unternehmungen herausgegeben, nämlich den S i f r e , eines derjenigen Schriftwerke, welche der ältesten nachbiblischen Periode angehören, sowie den ersten Halbband der Germania Judaica. Die Germania Judaica hat die Aufgabe, alle Landschaften und Orte des Deutschen Reiches, in welchen von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen jüdische Anisiedelungen bestanden oder hervorragende Juden gelebt haben, zu verzeichnen und deren Geschichte und Leistungen auf Grund der Quellen in gemeinverständlicher Sprache und einer auch den Nichtfachmann fesselnden Form darzustellen. Der Plan zu diesem Werke, zu dessen Bearbeitung die Gesellschaft die hervorragendsten Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der deutschen Juden heranzog, wurde unmittelbar nach der Begründung der Gesellschaft gefaßt. Die ersten Probeartikel erschienen 1909 in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ und fanden den ungeteilten Beifall sowohl der Fachgelehrten als auch des wissenschaftlich interessierten Publikums. Gelegentlich der glanzvollen Tagung der Gesellschaft zu Frankfurt a. M„ die dem Ausbruch des Weltkrieges fast unmittelbar vorausging, konnten die Herausgeber bereits eine größere Anzahl von Druckbogen vorlegen. Dann brach der Krieg aus und der Druck des Werkes geriet ins Stocken. Um so größer ist die Genugtuung des Vorstandes

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