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Das jüdische Echo · 1918-04-26 · 17 (26.4.1918) · p. Seite 196

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
17 (26.4.1918)
Date
1918-04-26
Page
Seite 196 (sequence 8)
Language
German
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196 Das Jüdische Echo Nr. 17 „Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die, wie bekannt, eine öffentlichrechtliche, gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebt und die Ansiedlung von Juden dort in die Wege geleitet hat (siehe das treffliche gerade jetzt sehr lesenswerte Buch des Majors Endresi „Zionismus und Weltpolitik“). 43 Kolonien mit 12 000 Seelen sind gegründet, die nach dem Urteil von Kennern florieren. Die Zahl ist gering, man behauptet indes, daß Palästina günstige Siedlungsmöglichkeiten böte und vielleicht für 6 Millionen Menschen Platz hätte. Wir können diese Berechnungen nicht prüfen. Palästina mag heute 700 000 Einwohner haben, davon sind 500 000 Araber und 80 000 Juden; in der Römerzeit hat Palästina eine Bevölkerung von 6—7 Millionen Menschen gehabt. Anlaß, sich mit dem Zionismus zu beschäftigen, liegt nicht nur wegen dieser englisch-politischen Pläne, ihn zu benutzen, d. h. den Juden ihren Wunsch auf Palästina zu erfüllen, vor, sondern auch in der Ostjudenfrage, die mit der Begründung des selbständigen Polens und dem Zusammenbruch des russischen Kaiserreiches ins Rollen gekommen ist. Von den 14 Millionen Juden, die es auf der Welt gibt, wohnen über 6 Millionen in Rußland. Durch den Krieg und die Revolution ist die Ostjudenmasse in Bewegung gekommen. Sie stellt uns in Deutschland um so mehr ihre Probleme, als es voraussichtlich nicht gelingen wird, die Judenfrage im kommenden unabhängigen Polen für die Juden befriedigend zu lösen. So käme beides zusammen; die Möglichkeit, daß durch politische Konstellation der Zionismus eine reale Aussicht bekäme, an die früher nur wenige wirklich glaubten und die Möglichkeit, daß tatsächlich eine große Auswanderungsbewegung des Ostjudentums einsetzte, die zu einem Teil nach Palästina gelenkt werden könnte. Der englische Vorstoß hat unsern Bund veranlaßt, zum Zionismus bestimmte Stellung zu nehmen. Die Türkei lehnte ihn bisher ab, weil sie separatistische Bestrebungen darin witterte. Aus Anlaß des Balfourschen Briefes hat aber Talaat Pascha im Dezember 1917 in einem Interview erklärt, daß die Lage heute anders sei: nach Abschaffung der Kapitulationen wird der Einwandernde, also auch der Jude, der sich dort ansiedeln will, eo ipso türkischer Staatsangehöriger werden müssen. Die Türkei sichert ihm alle bürgerlichen Rechte zu, auch eigene Schulen und den Gebrauch seiner Sprache, als welche das Hebräische in zionistischen Kolonien sich immer mehr durchsetzt. Nach Talaats Äußerung wünscht sich die Türkei die jüdische Kolonisation nutzbar zu machen und will also ihrem Selbstverwaltungswunsch entgegenkommen unter der Voraussetzung natürlich, daß die Souveränität der Türkei über Palästina nicht verletzt werde, was auch, soweit wir sehen, im Programm des Zionismus nicht liegt. Die deutsche Regierung hat sich den Erklärungen Talaats angeschlossen und im Januar die zionistischen Bestrebungen gleichfalls begrüßt. Mit der türkischen Staatsidee steht der Zionismus nicht im Widerspruch. Ein Faktor in der Orientpolitik ist er schon heute, kann er in Zukunft noch mehr werden. Die Möglichkeiten, durch Einwanderung Palästina zu heben, sind, wenn wir die Einzelheiten nicht beurteilen können und den Optimismus mancher Berechnung und Prophezeiung nicht teilen, vorhanden und groß. Die Türkei braucht nicht nur Kapital, sondern sie braucht fast noch mehr Menschen, die sie nicht hat. Schon heute ist nicht zu sehen, wie die T ii r k e i Palästina anders als durch den Zionismus erhalten und fördern soll.' So ist er fast im Umsehen eine weltpolitische Frage geworden. England sucht ihn zu benutzen und zieht dadurch die Sympathien namentlich des amerikanischen Judentums auf seine Seite. So wird sich auch die deutsche Öffentlichkeit und Regierung mehr als bisher um die Frage Palästina und die zionistische Bewegung kümmern müssen, zumal der Mittelpunkt der Zionisten in Deutschland ist. Unter der Voraussetzung, daß durch die Bewegung die Souveränität der Türkei nicht gefährdet werde, und in der Einsicht, daß die wirtschaftliche Zukunft Palästinas an der jüdischen Besiedlung und ihrer Ausdehnung hängt, hat Deutschland ein Interesse, die englisch-amerikanischen Pläne zu durchkreuzen und das zionistische Streben nach dem Land der Verheißung zu befördern.“ Zur Lage in Polen. Alle jüdischen Warschauer Blätter bringen die Mitteilung, daß der Minister für Kultusangelegenheiten Ponikowski sich an die Besatzungsbehörde mit dem Ersuchen gewandt habe, die Wahlen für die jüdischen Gemeinden in Warschau und Lodz zu verschieben. Die „jüdische Kommission“ trete nach der Durcharbeitung des Statuts vom 1. November 1916 für eine Reihe von Änderungen ein, welche bei den neuen Wahlen nach der Vorlage des Ministerrats berücksichtigt werden sollen. Judenhetze. In Friedenau bei Berlin wird in Massen ein Flugblatt verbreitet, das folgendermaßen beginnt: „Streng vertraulich! Als Handschrift gedruckt! Arbeiter und Genossen! 1500 Millionen Mark haben amerikanische, englische und russische Juden, wie sie in frecher Offenheit sich in ihren Zeitungen rühmen, aufgebracht, um Deutsche gegen Deutsche, also Brüder gegen Brüder zu hetzen.“ In diesem Tone geht es weiter und gipfelt in der Aufforderung zu einer Hetze gegen die deutschen Juden. Wer mag wohl das bei den heutigen Papierlind Druckpreisen nicht unbeträchtliche.— Geld für das anonyme Machwerk gespendet haben? Jüdische Ausländer und Lebensmittelschiebungen. Auf eine Anfrage des antisemitischen Abg. Werner ist folgende Antwort eingelaufen: Es hat nicht festgestellt werden können, daß feindliche Ausländer jüdischen Stammes sich bei den Lebensmittelschiebungen im Osten oder den Streikhetzereien der letzten Zeit in bemerkenswerter Weise hervorgetan hätten. Hiernach erscheinen besondere Maßnahmen gegen feindliche Ausländer jüdischen Stammes nicht erforderlich. Erinnerungen an J. Tschlenow. (Von einem Mitarbeiter des Lemberger Tagblattes) Ich hatte den Vorzug, ihn persönlich zu kennen. Ich könnte vielmehr von Glück .sprechen, denn solche Menschen wie Tschlenow gibt es leider nicht mehr. Es geschah auf dem 6. Zionisten-Kongreß, daß ich zuerst seine Persönlichkeit, dann ihn selbst kennen lernte. Auf einer Vorkonferenz des Kongresses hatte die russische Landsmannschaft ihre 10. Sitzung i'11

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