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Das jüdische Echo · 1918-04-26 · 17 (26.4.1918) · p. Seite 193

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
17 (26.4.1918)
Date
1918-04-26
Page
Seite 193 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 193 Dabei ist von vornherein die Unterstellung auszuschließen, daß der Geburtenrückgang auf einem Nachlassen der Zeugungsfähigkeit beruhe. Wäre das der Fall, so müßte sich das auch bei außerehelichen Geburten geltend machen. Hier haben wir im Gegenteil eine im Vergleich zu den ehelichen steigernde Zahl von Geburten festzustellen. Somit kann nur eine Minderung des Zeugungswillens als erste Ursache des Geburtenrückganges angenommen werden. Geburtenmindernd wirkt weiter der Umstand, daß das Ehealter bei den Juden und zwar besonders beim männlichen Geschlecht durchgängig höher ist als in der übrigen Bevölkerung. In Berlin waren am 1. Dezember 1900 von allen über 20 Jahre alten Personen bei den männlichen Christen 60,38 Prozent, bei den Juden nur 51,62 Prozent verheiratet. Beim weiblichen Geschlecht lauten die betreffenden Zahlen auf 53,83 Prozent bezw. 52,51 Prozent. Naturgemäß ist bei den Spätehen die Zahl der zeugungsfähigen, noch mehr aber die der zeugungswilligen Jahre kleiner. Der späte Eheschluß läßt aber überdies vermuten, daß bei den bezüglichen Eheschließungen die vorsichtige Abwägung und Zurückhaltung ein bestimmendes und daher auch die Geburtenwilligkeit erheblich beeinflußendes Moment ist. Von noch wesentlicherem Einfluß auf die allgemeine Geburtlichkeit bei den Juden sind aber eine Reihe anderer Faktoren, die zwar für die übrige Bevölkerung ebenso geltend zu machen sind, wie für die Juden, die sich aber bei ihnen darum stärker auswirken, weil es sich dabei um ein Zusammentreffen verschiedener Ursachenreihen handelt. Die Juden sind ein Stadtvolk. (Aus welchen Gründen sie das wurden und werden mußten, vird weiterhin zu erörtern sein.) Nirgends aber machen sich die geburtenmindernden Einflüsse stärker geltend, als in den Großstädten. Als typisches Beispiel ist Berlin anzusprechen. In den „Statistischen Monatsberichten,! Groß - Berlin“ (Jahrg. 3, Heft 7) erörtert Prof. Silbergleit den Geburtenrückgang in Berlin. Den im Jahre 1911 geborenen 44 834 Kindern stehen 46 298 aus dem Jahre 1876 gegenüber. Das bedeutet für 1876: 47,19 Kinder auf das Tausend der Bevölkerung und im Jahre 1911: 21,64 Pro mille. Und zwar sind es vor allen Dingen die Ehen, deren Fruchtbarkeit nachgelassen hat, während der Anteil der Geburtenfrequenz der Unehelichen von 15—16 Prozent im Jahre 1911 gestiegen ist. (Auch dies wiederum ein Beweis dafür, daß es sich nicht um Nachlassen der physiologischen Fruchtbarkeit, d. i. aber des Zeugungsvermögens, handelt.) Den 40 095 ehelich Geborenen von 1876 standen 1910 nur 36 331 ehelich Geborene gegenüber. Der Geburtensatz auf tausend Ehefrauen betrug 1876: 240,3, 1910 nur noch 90,5. Demgemäß finden wir in Berlin z. B. im Jahre 1905 bei einem Reichs - Geburtenüberschuß von 13,16 vom Tausend nur einen solchen von 8,3 vom Tausend und eine Übersicht3) aus dem Jahre 1911 zeigt in absoluten Zahlen in Eheschließ. Geborene Gest. Übersch Westfalen 4 176 148 324 71 692 76 632 Rheinland 55 349 220 521 126 757 93 764 Berlin 22 672 44 849 33 956 10 893 3) Vergl. Fürth: „Der Rückgang der Geburten als soziales Problem“, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 45. In Berlin ein Geburtenüberschuß von einem Viertel aller Geborenen, in Westfalen von mehr als der Hälfte. Hier eine abnorm niedrige, dort eine erfreulich hohe Zahl von Geburten. Die Stadt mit ihren mannigfachen Genußaber auch Kulturmöglichkeiten, ihrer Wohndichte und Wohnteuerung, ihrer Verteuerung der Erziehungs- und gesamten Lebenshaltung, ihrer Verschärfung des Lebenskampfes und endlich ihrer besseren Kenntnis antikonzeptioneller Mittel wirkt geburtenmindernd, so lange ihr nicht in der Möglichkeit guten Auskommens, wie wir es in den industriell engagierten Gegenden Deutschlands vor uns sehen, ein Gegengewicht geschaffen wird. Mit Mombert ist daher zu schließen4): „Je teurer die Lebenshaltung wird, je größer die öffentlichen Lasten, je höher die Lebensansprüche, in um so weiteren Kreisen und mit um so größeren Nachdruck werden wirtschaftliche Erwägungen eine Verminderung der Geburten herbeiführen“. Und nun zu den Juden. Sie sind in Deutschland ein Stadtvolk geworden und werden es immer mehr. Nicht nur weil die Großstadt dem Tüchtigen, Umsichtigen und Klugen mehr Möglichkeiten des Emporkommenisi bereit hält, sondern auch weil man in vielen Gegenden Deutschlands den Juden das Leben auf dem Lande und in der Kleinstadt verleidet, ja ihnen sogar mancherorts (es sei hier an die Provinz Posen erinnert) die ökonomische Lebensmöglichkeit durch wirtschaftlichen Boykott, Hetzereien und Quälereien mannigfacher Art geradezu abgeschnitten hat. Dieser Zug nach der Großstadt läßt sich zahlenmäßig verfolgen. So hatte das Rheinland im Jahre 1880 43 694 Juden, 1890 waren es 52 251 und 1905 5 408. Von der 3157 Köpfe betragenden Zunahme zwischen 1890 und 1905 entfallen 3064 auf die Städte Köln, Essen, Düsseldorf, Duisburg. An der Zunahme in Hessen- Nastsiau (1890: 48 105; 1905: 50 016) war Frankfurt a. M. mit 1502 Köpfen beteiligt. Trotz dieser Zuwanderung sehen wir dort den jüdischen Anteil an d'er Gesamtbevölkerung von 7,60 Prozent im Jahre 1900 auf 7,00 Prozent im Jahre 1905 sinken. Die jüdische Bevölkerung der Provinz Brandenburg hat sich in den angezogenen Zählperioden von 25 706 auf 40 427 erhöht. Von dieser Erhöhung entfallen 64,3 Prozent auf Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf. Berlin hat heute etwa 140 000 bis 150 000 Juden. Also ein Viertel des deutschen Judentums lebt in dieser einzigen Stadt, die. wie wir gezeigt haben, in bezug auf Geburtenfrequenz französische Zustände erreicht, wenn nicht übertroffen hat. 1905 wohnten in Berlin 98 893 Juden — 24,14 Prozent aller preußischen Juden. Insgesamt finden wir von den 607 862 Juden des Jahres 1905: 314 265, also über die Hälfte in den Städten mit über 50 000 Einwohnern, und in Städten über 100 000 Einwohnern 294 614. (Segall, a. a. O., S. 9.) Selbst wenn sie wollten, könnten sich die Großstadtjuden den geburtenmindernden Milieueinflüssen nicht entziehen. Aber sie wollen gar nicht und könnten es auch schon darum nicht, weil die in der Allgemeinbevölkerung denn doch noch vorhandenen Gegentendenzen geburtenerhöhender Art bei den Juden fast ganz in Wegfall kommen. Die Juden gehören zu einem ziemlich großen Teil den Volkskreisen an, in denen die Kleinhaltung der 4) „Über den Rückgang der Geburten- und Sterbeziffern in Deutschland“, Archiv für Soziologie, Bd. 34, S. 821.

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