Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102973-9138261--02023-9074845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 Das Jüdische Echo Nr. 15 Der jüdische Handel in Galizien und der Krieg. Zu diesem Thema stellt das „Lemberger Tagblatt“ die folgenden Betrachtungen an: Die gaiizischen Juden vergessen beständig, daß ein Land nur soviele Kaufleute ernähren kann, als es für die billige und bequeme Zufuhr der Produkte von den Produzenten und Konsumenten nötig hat. Nach der Volkszählung von 1910 waren in Galizien mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Juden Händler. Wie stark die Juden mit Handel übersättigt sind, geht aus dem Verhältnis der Anzahl jüdischer Handwerker und Industrieller zu derjenigen jüdischer Händler deutlich hervor; auf 1000 jüdische Industrielle und Arbeiter kommen 2222, also mehr als die doppelte Zahl jüdischer Händler. Ein solcher Zustand muß als anormal, als Zeichen ungesunder wirtschaftlicher Zustände betrachtet werden. Wären die jüdischen Händler wenigstens gleichmäßig im Lande verteilt und über alle Branchen verteilt, so wäre ihre Lage nicht so trostlos geworden. Sie sind aber in den kleinen, industrieschwachen und armen ostgalizischen Städtchen zusammengepfercht, haben sich nur auf wenige Branchen verlegt und sind meistens Krämer u. Kleinhändler. Es ist daher leicht erklärlich, wieso das Elend der gaiizischen Juden mit jedem Jahrgrößer.ihre allgemeine Lage überaus traurig ist und vieler ihrerfähigstenu. tüchtigsten Elemente gezwungen sind auszuwandern. In dem Zeitraum von 1881 bis 1910 sind beinahe eine Viertel Million Juden aus Galizien ausgewandert. Während des Krieges hat die Regierung den Handel wesentlich eingeschränkt, da viele Artikel für das Militär beschlagnahmt wurden, und in' dem Maße als die Vorräte an verschiedenen Artikeln sich verringerten, organisierte die Regierung eine stattliche Zahl von Kriegszentralen, die fast alle Händler ruinierten und besonders dem jüdischen Händler die Erwerbsmöglichkeit entzogen. Wer da geglaubt hat, daß alle Kriegsverordnungen nach dem Kriege aufhören werden und der freie Handel wie vor dem Kriege wieder einsetzen wird, befindet sich im Irrtum. Die Wirkungen der Kriegszentralen werden auch nach dem Eintritt des langersehnten Friedensschlusses längere Zeit noch zu verspüren sein. Wir müssen darauf gefaßt sein, daß der Handel in Galizien, der durch den Krieg so empfindlich gelitten hat, nicht so bald gesunden wird. Wir müssen uns wohl eingestehen, daß die jüdischen Händler es nicht verstanden haben, sich einen guten Ruf zu verschaffen. Die jungen Leute ergreifen meistens den kaufmännischen Beruf ohne die nötigen kaufmännischen Fachkenntnisse. Es ist bei den Juden die falsche Meinung verbreitet, daß der Handel ein unveräußerliches Erbteil des jüdischen Volkes bilde und daß die Juden die nötigen Fähigkeiten für den Handel besitzen, die sich auch ohne Schulung und Praxis auswirken können. Öffnet der Jude einen Laden, so fragt er selten, ob die Ware in der betreffenden Gegend wirklich Absatz finden wird, ob er das nötige Kapital und genügend billige Bezugsquellen besitzt, um mit dem Nachbarn auf ehrliche Weise konkurrieren zu können. Oft geschieht es, daß ein Jude seinem Nachbarn sein einträgliches Geschäft mißgönnend, bei sich die gleiche Ware einführt, was seinen eigenen Ruin und gleichzeitig die Schädigung seines Nachbars zur Folge hat. Wir hören schon seit längerer Zeit von einem wirtschaftlichen Programm in Galizien, von einer Industrialisierung des Landes, d. h. Einführung verschiedener Industrien, die der ganzen, bisher nur landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung neue Beschäftigungverschaffen und sie von der Auswanderung zurückhalten sollen. Die ganze galizische J3evölkerunghat Interesse an H dieser Industrialisierung, und die jüdischen Händler sollten eigentlich dafür sorgen, daß vor allem die einheimischen Artikel abgesetzt würden. Aber sie denken nicht daran, daß mit der Unterstützung der einheimisch. Industrie sie nicht,nur der Allgemeinheit, sondern auch sich selbst Nutzen bringen. Allerdings tun auch die nichtjüdischen Händler nicht dasi Geringste zur Unterstützung der einheimischen Industrie, aber gewöhnlich hält man nur die jüdischen Händler für die Feinde der Industrialisierung und sucht nach Mitteln, sie zu bekämpfen. So wurde die Losung: „Nationalisierung des Handels“ in Galizien ausgerufen, d. h. das Bestreben. die Juden vom Handel möglichst zurückzudrängen und sie durch nationale Elemente zu ersetzen. Dieser Prozeß dauert schon im Geheimen längere Zeit und wir sehen, daß der jüdische Handel in Galizien langsam zurückgeht und nichtjüdische Händler immer mehr zunehmen. So sehen wir, daß im Jahre 1880 die Juden mehr als 40 Prozent der ganzen städtischen Bevölkerung Galiziens, dagegen im Jahre 1910 nur noch 34 Prozent ausmachten. Bis vor kurzem hat sich diese Verringerung des Prozentsatzes der jüdischen Bevölkerung unbewußt vollzogen. Seit einigen Jahren sehen wir jedoch in diesem Prozeß eine gewisse willkürliche Einwirkung seitens der nichtjüdischen Bevölkerung. Es ist klar, daß solche Zustände nach dem Kriege, da die wirtschaftlichen io©« witfi 3>u , uon neuem \ Deine ‘freute f>of>cn!