Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdisch« Echo 159 mehr, aus ihr sich rekrutierende Beamtenklasse ein für allemal zu entziehen war daher überall, der gemeinsame Grundzug der gegen die Juden befolgten P.olitik. Praktisch hieb das. daß die Juden vom Besitz landwirtschaftlichen Bodens und von der Führung landwirtschaftlicher Betriebe durch Macht und positives Recht ausgeschlossen wurden. Sie, die als Städter gekommen waren, wurden dadurch von der Ausbreitung auf das platte Land abgehalten. Im Judentum haben wir infolgedessen eine Nation vor uns, die den Zusammenhang mit der Bearbeitung des Erdbodens zum größten Teil verloren hat: nicht durch Mangel an Eignung sondern nur durch die Übermacht derer, die einen solchen Zusammenhang nicht zuließen. Die Kolonisation Palästinas kann demgegenüber für die Juden eine große Bedeutung erlangen, wenn sie den ungeheuren Aufgaben, vor die sie da gestellt werden, gerecht zu werden vermögen. Palästina ist ja für sie das Land der Verheißung. Daran hält der Zionismus heute noch genau so fest, wie das gläubige Judentum seit Jahrtausenden daran festhält. Die Legitimation solchen Anspruchs kann aber nicht in der Vergangenheit sondern nur in der Zukunft liegen: nämlich in der Erfüllung einer produktiven Aufgabe. Das Judentum ist nun schon seit einer Reihe von Jahren daran Palästina zu kolonisieren. Es hat außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt. Die Herren des Landes haben ihm mancherlei Hindernisse in den Weg gelegt. Die arabische Bevölkerung, die den Hauptteil der Einwohnerschaft Palästinas bildet, belästigt und bedroht es, wo sie nur kann. Gleichzeitig sind die natürlichen Schwierigkeiten der Besiedelung nicht gering, weil das dem Verkehr bequem zugängliche landwirtschaftlich nutzbare Gebiet im allgemeinen knapp genug ist. Schließlich bedarf man auch beträchtlicher Kapitalien, um Juden in größerem Maßstab in Palästina anzusiedeln. Einen recht guten Überblick darüber gewährt die Berechnung des Palästina genau kennenden Agronomen Jakob Oettinger, der ausgerechnet hat, daß für die Begründung von 76 000 Bauernstellen mit Reserveland für Steigerung auf 100 000, also für die Ansiedlung von etwa einer halben Million jüdischer Bauern in Palästina, ein Kapital von etwa zwei Milliarden Franken erforderlich wäre. „In dieser Summe werden die Aufwendungen für den Bodenkauf, die Errichtung der Baulichkeiten, kulturtechnische Maßnahmen (Entwässerung und Bewässerung usw.), das Betriebskapital und die sonstigen Bedürfnisse der einzelnen Wirtschaften miteinbegriffen sein. Aber auch die Erstell'ungskosten der öffentlichen und kulturellen Einrichtungen und die Unterhaltung der Gemeindeanstalten im Laufe einer Periode von einigen Jahren werden darin enthalten sein.“1) Die Aufgaben, die hier zu lösen sind, werden dadurch kompliziert, daß mit der Besiedelung des unbebauten Landes gleichzeitig die weitere allgemeine Aufgabe verquickt ist, im Orient die bereits vorhandenen Wirtschaftselemente zu rationalisieren. Genau so wie dies im übrigen Orient nur unter äußerster Schonung der Produktivkräfte erfolgen darf, weil sonst einer kurzen vorübergehenden Blüte bald ein erschreckend tiefer Absturz folgen würde, ist es auch hier. Sicherlich ist B Siehe Oettinger Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina. Haag 1916. Seite 105. es erwünscht^ den jüdischen Kolonisten in Palästina große Geldsummen zum Ankauf von Grund und Boden für die Zwecke der Kolonisation zur Verfügung zu stellen; ja, es ist nicht nur erwünscht sondern unumgänglich notwendig. Aber durchaus zu. fordern ist, daß nicht eine privatkapitalistische Wirtschaft mit diesem Geld getrieben werde, wie sie in West- und Mitteleuropa üblich ist. Ein Teil der jüdischen Kolonisationsbewegung, und zwar, wie man ruhig sagen darf, der zukunftsreichste, hat das auch ganz richtig herausgefunden. Er will deshalb an dem zu begründenden Grund und Boden ein Obereigentum der jüdischen Nation begründen, um auf diese Weise alle Spekulation mit Kolonieboden auszuschalten. Dieser Weg muß weiter beschritten werden. Gewiß muß man, wenn man darauf rechnen will, jüdische Kolonisten in größerer Zahl als Dauersiedler für Palästina zu gewinnen, versuchen, ihnen möglichst viel europäische Kulturgüter zugängig zu machen. Aber man wird sich bei der Auswahl dieser Güter streng auf diejenigen beschränken, die wirklichen Kulturwert haben, und außerdem darauf Rücksicht nehmen müssen, daß die Einfuhr .solcher Güter nicht in einem Umfang und in Formen erfolgt, durch die die Produktivität der Türkei gefährdet werden könnte. Aber nicht nur das ist wichtig. Einer der großen Mängel, unter denen die Wirtschaft der Türkei leidet, ist die geringe Entwickelung der Akkumulation von Kapital. Es würde zu weit führen, hier auseinanderzusetzen, woher diese kommt. In den letzten Jahren, mit der fortschreitenden Europäls'ierung der Verwaltung in der Türkei, insbesondere mit der Beseitigung des Steuerpächterwesens und sonstiger sozialer Auswirkungen des Despotentums, ist Kapitalakkumulation allmählich möglich geworden. Diese gilt es, auszubauen. Wenn aber durch billige europäische Liefeiung der türkische Mittel- und Bauernstand in die Lage versetzt werden, ihrem Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung durch Aufwand für äußere Lebensgüter regellos zu folgen, so wird dadurch die ansetzende Kapitalakkumulation stark behindert, damit aber gleichzeitig auch ein Anwachsen der türkischen Wirtschaft als eine von der eigenen Produktivkraft getragene Wirtschaftseinheit. Daran, daß das nicht geschieht, hängt schließlich auch das Gelingen des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina: denn dieses ist mit dem wirtschaftlichen Gedeihen der ganzen Türkei eng verbunden. Alle diese Schwierigkeiten .sind, wie gesagt, nicht gering; aber gerade ihre Größe zeigt, wie wünschenswert es ist, daß alles daran gesetzt wird sie zu besiegen. Um so mehr, als trotz allen diesen Schwierigkeiten in den Anfängen des Kolonisationswerkes bereits Bedeutendes geleistet wurde. Die jüdische Kolonisation Palästinas hat bewiesen, daß es möglich ist, die Juden wieder aufs Land zu verpflanzen, und daß Palästina Raum und natürliche Gaben genug besitzt, um viele Tausende jüdischer Landwirtschaftsbetriebe aufzunehmen. Sie hat aber gleichzeitig bewiesen, daß diese Wiederherstellung der Vollständigkeit des wirtschaftlichen Körpers auch auf das Selbstbewußtsein und das Kulturleben des jüdischen Volkes befreiend und befruchtend zu wirken vermag. Fähigkeiten, die in vielen Jahrhunderten kontinuierlicher jüdischer Kulturentwicklung brachlagen oder gar verschüttet waren, leben jugendkräftig wieder auf; Strebungen deren man sich entwöhnt hatte, entfalten sich zu neuer