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Das jüdische Echo · 1918-03-27 · 13 (27.3.1918) · p. Seite 139

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 139 noch immer unter den anderen lebenden Volkes wird mir auf einmal zu einem Erlebnis, das mir last den Atem raubt. Auf den ersten besten jüdischen Handlungsgehilfen möchte ich zustürzen: denke doch, du und ich, wir sind vor tausenden von Jahren trockenen Fußes durch das Rote Meer geschritten, und in Tausenden von Jahren werden wir vielleicht wieder zusammen durch ein fernes Gefilde schreiten. Denn wir sdnd unsterblich, uns hat der Herr ewiges Leben verliehen!“ —, Erwartungsvoll sehe ich dem Sederabend entgegen, da ich zum ersten Male mit vollem Verständnis an den uralten Gebräuchen meines Volkes teilnehmen darf. Der Sederabend kommt, und ich sitze am Tisch meiner streng orthodoxen Bekannten. Der ehrwürdige Hausherr mit den blitzenden Augen und dem langen weißen Patriarchenbart thront auf einem Sessel mit weißen, gestickten Kissen wie auf einem Thron, auf dem Tische leuchten Silber und Kristall, winken allerlei geheimnisvolle Gerichte aus den Schüsseln und Schüsselchen. Als die Feier beginnt, fühle ich mein Herz vor Erregung schlagen. Man gibt mir eine Hagadah in die Hand, und zu meinem Schrecken sehe ich, daß es eine hebräische ohne Übersetzung ist. Und während der Hausherr aus der Hagadah vorliest, häufig begleitet, vom Chor der anderen, während er bald nach diesem, bald nach jenem symbolischen Gericht greift und die Familienmitglieder und Gäste es in einer ihnen genau vertrauten Weise verzehren, sitze ich da. und ein tiefer Schmerz bohrt sich in mein Herz. Verschlossen bleibt mir der Weg zum Verständnis der hebräischen Worte, dunkel die Bedeutung dieses oder jenes Gebrauches, den ich nur ungeschickt und papageienhaft den anderen nachahme. Wenn bei den Worten der Hagadah die Tafelrunde ernst, ja traurig aussieht, wenn des Hausherrn Worte einen feierlichen, dramatischen Klang bekommen, so weiß ich nicht, was ihr Sinn ist, kann nicht teilhaben an der allgemeinen Weihestimmung; wenn bei den gemeinsamen Liedern die Tischgesellschaft sich vergnügt zuwinkt, scheint mir ihr Gebahren fratzenhaft, so möchte ich weinen, weil ich mir wie eine Ausgestoßene, eine Fremde vorkomme. Und dazu fühle ich, daß man mich befremdet, ein wenig unwillig beobachtet, weil ich den heiligen Bräuchen des Volkes wie eine Abtrünnige gegenüberstehe. Zu der jungen Tochter des Hauses, die mir einmal mit fast ein wenig strafenden Blicken die richtige Seite der Hagadah aufschlägt, möchte ich schluchzend sagen: „Sei mir nicht böse, das, was du als eine Selbstverständlichkeit, als einen notwendigen Bestandteil deines Elternhauses unbewußt in dich eingesogen hast, das hat mich niemand gelehrt, davon hat man mich seit meiner frühesten Kindheit ferngehalten, und noch erkenne ich nicht seine Notwendigkeit, Größe und Schönheit. Aber all mein Streben, all mein Sehnen und Verlangen geht dahin, den Weg zurückzufinden zur Seele meines Volkes, seine Sprache, den Sinn und die Berechtigung seiner Gebräuche zu verstehen und die Gefühle der Dankbarkeit, des Schmerzes, der Hoffnung und der Freude, die euch zu bewegen scheinen, aus ganzer Seele mitfühlen zu können!“ Das aber sind Worte, wie sie so oft ungesprochen bleiben, und nachdem ich den ganzen Abend über mit Bangen die Fremdheit gefühlt habe, die mich von den anderen trennt, die noch tief in der jüdischen Tradition wurzeln, gehe ich mit einer Empfindung grenzenloser Vereinsamung nach Hause. Am nächsten Abend kämpfe ich mit mir, ob ich es abermals wagen soll, an einem Sederabend teilzunehmen — ich fürchte mich, noch einmal die bittere Erfahrung des ersten Abends zu machen. Aber die Freunde, bei deneii ich diesesmal eingeladen bin, sind moderne, ganz in europäisch-amerikanischer Kultur wurzelnde Menschen. denen gegenüber das Gefühl der Fremdheit, das mich von den streng orthodoxen Bekannten fernhielt, nicht aufkommen wird. Und wieder sitze ich an einer Sedertafel. Das Zimmer ist mit künstlerischem Geschmack eingerichtet, die Dame des Hauses ist eine vollendete Weltdame, der Hausherr der Typus eines liebenswürdigen und gewandten Amerikaners. In einem Kreise gut erzogener, den Künsten und Wissenschaften huldigender Menschen sitze ich und lese in dieser Gesellschaft die englische Übersetzung des stark gekürzten hebräischen Hagadah-Textes nach, den der Hausherr fließend, aber ohne den traditionellen „Nigen“ abliest. Ich lächle das halb duldsame, halb genierte Lächeln mit, das die anderen wechseln, wenn sie die herben Kräuter oder die Mazzoth zum Munde führen und bemühe mich, in den Sinn der hebräischen Worte einzudringen, die ich in der Übersetzung vor mir habe. Aber es ist mir unmöglich, aus diesem Gemisch von Naivität, Symbolik und Unsinn irgendeine Stimmung zu schöpfen und als schließlich die ganze Tafelrunde das Lied vom Lämmlein beginnt dessen Refrain ich nach jeder Strophe mitsinge, da muß ich folgendermaßen resümieren: Ein moderner Professor und seine elegante Frau unterhalten eine Tafelrunde junger, gebildeter Leute, darunter ihre Söhne, mit der Vorlesung naiver oder unverständlicher hebräischer Geschichtchen, deren Worte diese nicht einmal verstehen würden, wenn sie nicht die Übersetzung dabei hätten. Wozu das alles? welchen inneren Wert hat es? macht es irgendeinen von uns höher, freudiger, stolzer? Lohnte es sich, daß unsere Voreltern die Feier ihres Osterfestes mit dem Verlust ihres Hab und Gutes, ihres Lebens bezahlen mußten, daß noch heute im Osten Europas jede neue Sederfeier eine neue Gefahr für Tausende von Menschen bedeutet — damit ein kleiner Kreis von moderner Kultur erfüllter Menschen mit einem genierten Lächeln das Kinderlied vom Lämmlein singt? Wozu das alles? was soll das mir. die Verständnis für die tiefsten Erlebnisse ihres Volkes zu gewinnen trachtet, welche die ganze gewaltige Erbschaft tiefsten Leides und göttlicher Erhebung antreten möchte, auf die sie als Kind des uralten Judenvolkes ein Anrecht hat? — Nach dem Abendessen setzt sich eine der jungen Damen ans Klavier und variiert geschmackvoll' die Melodie des „Chad1 gadjah“. Da beginne ich Vergleiche zu ziehen zwischen gestern und heute. Gestern das streng orthodoxe Haus, in dem man nie wagen würde, an den alten Riten zu rütteln, in dem man aus Ehrfurcht vor der Tradition auch in Zeiten des tiefsten Kummers oder der Krankheit das kindliche Lied vom Lämmlein in der Sprache der Väter singen wird. Hier das Gelehrtenhaus, in dem man — teils weil Familientraditionen zum guten Ton gehören, teils um ein bestimmtes Prinzip zu betonen —, sich herabläßt, die Geschichten, die einen innerlich nichts angehen, vorzulesen. Und wie ich gestern abend einsam blieb, weil ich dem nie unterbrochenen

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