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Das jüdische Echo · 1918-03-27 · 13 (27.3.1918) · p. Seite 138

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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138 Dm Jfldlscto Echo „Nein, er gefällt mir nicht, *| der neue Burgemeister“ — das ist so etwa die Stimmung:, mit der noch immer ein ganzer Teil unserer jüdischen Mitbürger gleichgültig auf der Seite steht. Das „Jüdische Echo“ muß mehr sein als ein Ding, das man lieben oder hassen kann, je nach der Vollkommenheit des vorher eingenommenen Frühstücks. Man kann die Wege, die eingeschiagen wurden für mehr oder wenig richtig halten. Es ist nicht der Ehrgeiz der Redaktion des „Echo“, jedermann restlos nach dem Munde zu schreiben, und mit „Wenn’s“ und „Aber’s“ jedes Problem solange zu verkleistern, bis es in einem Berg von Papier und Druckerschwärze eines seligen Todes verblichen ist. Man kann und soll Kritik üben. Kritik belebt, Kritik fördert. Aber das Ziel, das eine große gemeinsame Ziel kann kein Jude verwerfen: Besserstellung, Gleichberechtigung der Juden; Erkämpfung eines menschenwürdigen Loses, für die, die körperlich oder seelisch ausgestoßen sind; Erringung der Menschenrechte, die auch dem Juden heilig und unveräußerlich innewohnen, Zionismus oder nicht — das sind und bleiben Wege: das Ziel verliert für keinen die Wucht einer Lebensfrage. Und dieser Lebensfrage gegenüber erscheint es klein, zu klein, wenn man Parteiungen vorschiebt, um der Notwendigkeit aus dem Wege zu gehen. Klar und bestimmt wollen wir kämpfen für unser Recht. Und dazu brauchen wir das „Echo“, das Organ, das unser Recht kraftvoll vertritt. Denn ohne Öffentlichkeit ohne breite Allgemeinheit kein Kampf und kein Erfolg. Gleichgültigkeit tötet Aber sie tötet nicht die übermächtigen Tatsachen, das eherne, vorwärts schreitende Geschehen —: sie tötet den Gleichgültigen selbst und löscht sein Recht vor der Geschichte aus. Unsere Zeitschrift hat in den vier Kriegsjahren Kriegsarbeit geleistet. Sie hat ihre Berechtigung, ihre Notwendigkeit erwiesen; sie steht fest gefügt, fester denn je, getragen von der Anerkennung der Tat. Sie ist ein Faktor geworden, mit dem Freund und Feind rechnen muß — mag er wollen oder nicht. Ziehe, der du noch abseits stehst, daraus die logische Folgerung! Es ist deine Sache, die wir führen! Lese, abonniere, verbreite das „Echo“, unterrichte dich aus der Fülle des Gebotenen, und —- arbeite mit. Mit der nächsten Nummer beginnt ein neues Vierteljahr. Redaktion und Verlag des „Jüdischen Echo“. Nr. 13 Sederabend. Aus .Amerikabriefen einer deutschen Jüdin“, Eines Nachmittags, als ich gerade meine Arbeit beendet habe, und meinen Heimweg durch die Straßen New Yorks antreten will, bringt mir die Post zwei Einladungen zu den beiden Sederabenden in zwei bekannten Familien. Ich möchte aufjubeln. Seit meiner frühen Kindheit habe ich keine jüdischen Feste mehr gekannt. Von meinen ersten Kinderjahren her habe ich ein feierliches Bild vor Augen: der festlich gedeckte Tisch mit Silber, Kristall und allerhand Schüsselchen, leise knisternde Lichter, ein Duft von Wein. Blumen, Barches, und zu Häupten des Tisches mein Vater, mit Worten auf den Lippen, die mir in ihrer Unverständlichkeit als etwas Wundervolles erschienen. Dazwischen liegen lange Jahre nüchterner Alltäglichkeit, dann Jahre, in denen ich in jugendlichem Radikalismus altem Formelkram, aller Tradition den Krieg erklärte und endlich Jahre, in denen ich mich nach etwas zu sehnen begann: nach dem Zusammenhang mit der Geschichte, nach dem Anknüpfen an die Überlieferung meines Volkes), nach der Weihe der uralten jüdischen Familienfeste. Während ich die Straße entlang gehe, erlebe ich plötzlich ein wunderbares Märchen: Eben noch war um mich der Broadway mit seinen erdrückenden Wolkenkratzern, seinem Wagenrollen, Klingeln, Pfeifen, Schreien und Toben, ging ich vorbei an jungen Burschen mit jüdischen Gesichtern, die den Hut tief in die Stirn gedrückt, die Zigarre im Munde eilig zu ihren Geschäften laufen, vorbei an Greisen in schmutzigem Kaftan, mit langen Bärten, vorbei an jüdischen Geschäftsfräuleins mit geschminkten Wangen, gekleidet in bunte seidne Fähnchen, und empfinde schaudernd den ewigen Alltag. Aber da wird es plötzlich hell über mir und um mich, die riesigen Häuser schieben sich auseinander und zerrinnen in ein Nichts, ün Flimmern, ein goldiges Strahlen geht durch iie Luft, und um mich breiten sich endlose Flächen, in der Ferne winkt das Meer, und vor mir, dicht vor mir erhebt sich eine Rauchsäule, wandelt mir voran den Weg zum Roten Meer, und hinter mir fühle ich eine unendliche Menschenschar; hoch aufgerichtete Männer, sehnige Jünglinge, verschleierte Frauen und gertenschlanke Mädchen. Und hoffnungsfroh, jung und freudig folgen wir dem Ewigen in der Rauchsäule zu den Gestaden des Roten Meeres, durch die Fluten und hinein in das gelobte Land. Der Puff eines Vorübergehenden weckt mich jäh aus meinen Träumen: ach, ich schreite ja noch immer den Broadway hinauf, Jahrtausende sind vergangen, und das gelobte Land — wo ist esi? wem gehört es heute? ich habe nur eine vage Vorstellung davon, daß es hinten weit in der Türkei liegt. Aber der Zug der Pilger wandert noch immer, wandert zwar gedrückt, zerschlagen, herabgekommen an Leib und Seele, mit auswattierten Paletots, mit Warenbündeln und abscheulichen unechten Straußfedern auf den modernen Hüten. Aber er wandert doch immer noch, pd* gert immer irgendeinem gelobten Lande zu, ge* denkt noch heute seiner Wanderung vor vielen, vielen Jahrhunderten und spricht noch heute die Sprache, mit der der Pilgerzug sich zugejauchzt, als die Wellen des Meeres hinter ihm zusammenschlugen. Das Märchen, das rätselhafte Wunder dieses ewig wandernden, ewig verfolgten und

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