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Das jüdische Echo · 1918-03-22 · 12 (22.3.1918) · p. Seite 132

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
12 (22.3.1918)
Date
1918-03-22
Page
Seite 132 (sequence 8)
Language
German
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132 fjajs jüiHscrie Fern M 12 wurde und der doch die Juden im Laufe dieses Krieges so hingebend nachgekommen sind: für Deutschland zu sterben? Aber vielleicht betrachtet der Verfasser dies nur alisi ein unbegründetes Vorrecht der verdammten Juden, und sein Ärger gegen sie entspringt der Tatsache, daß so viele, viele von ihnen für Deutschland sterben durften, während er — der Arme!— sich damit begnügen muß, es vom Schreibtisch aus zu erneuern. Ein politisches Märchen . . . Es klingt eigentlich paradox, wenn ich politische „Märchen“ erzähle, in einer Zeit, wo der größte aller Kriege weltgeschichtliche Umwälzungen hervorgerufen hat. Auch in ruhigeren Zeiten könnte ich es nicht leicht wagen, ernsten „politisch“ denkenden Menschen mit „Märchen“ aufzuwarten... Ich habe aber die Schrulle, ein wahres Märchen zu erzählen und sollte dasselbe Vielen bereits bekannt sein, so mögen sie etwas Nachsicht mit mir haben-. Es war noch in vorfeldgrauer Zeit, als der Zarismus seine höchste Macht erreicht hat und nach Niederwerfung der Oktoberrevolution vom Jahre 1905 dazu schreiten wollte, seine Gewalt für ewige Zeiten zu befestigen. Man muß allerdings nicht gleich an die finsteren Jahrhunderte des Mittelalters denken, wo die Menschheit überall, namentlich1 aber im heiligen russischen Reiche unter dem schweren Joche der russischen Peiniger gestöhnt hat. Im Gegenteil, die Zeit, über welche wir berichten, spielt in unserer Gegenwart; es sind kaum 5 Jahre seither verstrichen und es mag nur den großen Leiden, Entbehrungen und Enttäuschungen, die sowohl Einzelne, als auch ganze Stämme und Völker erfahren haben, zuzuschreiben sein, wenn sie uns in solch weite Fernen gerückt vorkommt... Wie gesagt, der Zarismus stand in seiner Blüte und mit ihm auch die Unterdrückung dieser vielen, das heilige Rußland bewohnenden Völker. Die dreihundertjährige Feier des Hauses Romanow war mit großem Pomp begangen und in Petersburg war der Hauptschlag gelungen, alle Völker, namentlich aber das polnische Volk zu knebeln, indem man ein „gleiches“ Wahlrecht schuf, dasi 20 Millionen Polen ein Dutzend Sitze in der Duma gewährt hatte .. . Und so kamen die Wahlen zur letzten Duma von Väterchens Zars Gnaden ... Ob der Zufall oder ob grausam-kalte Berechnung der zaristischen Machthaber hier die Hand im Spiele hatten will ich hier nicht auseinandersetzen, es genüge die Tatsache, daß in der Hauptstadt des Königreiches Polen mehr jüdische Wahlmänner als polnische gewählt wurden und es hätte aus der polnischen Hauptstadt — ein jüdischer Abgeordneter hervorgehen sollen. — Die jüdischen Wahlmänncr, respektive die einzelnen jüdischen Parteien befanden sich da in einer Klemme. Nicht weil sie untereinander nicht einig waren, auf welche jüdische Partei sie stimmen sollen, das wäre bald erledigt. Allein die Juden, die von allen Völkern Rußlands am meisten unterdrückt waren, hatten ein tiefes Verständnis für das unterdrückte polnische Volk; und eben dadurch, daß der Zarismus sic zum Werkzeug der Unterdrückung einer anderen Nation benützen wollte, beschlossen sie — im Besitze ihrer Macht — großmütig zu handeln.--— Der Wahltag war vorüber. Ein Sturm ging durchs ganze polnische Land. Ein gewaltiger Schrei nach Rache erscholl und der größte wirtschaftliche Boykott der — Juden wurde mit der härtesten Strenge gepredigt und auch tatsächlich durchgefiihrt. Was war geschehen? Haben die Juden, von der augenblicklichen Macht betört, sich in zwölfter Stunde noch eines Besseren besonnen und ihr gutes Recht auf eigene jüdische Vertretung, die doch auch kaum zum Vorschein kommen konnte, ausgeiibt? Aber nein! Aus der Wahlurne der Hauptstadt ging ein polnischer Abgeordneter, namens Jagiello hervor. — Doch weswegen diese Aufregung und der auf Tod und Leben angekündigte Kampf gegen die Juden? Es geschah nämlich in jenen Tagen folgendes: die jüdischen Wahlmänner haben trotz ihrer überwiegenden Mehrheit beschlossen, einem polnischen Wahlmann die Stimme zu geben, damit der polnische Charakter der Hauptstadt Polens gewahrt werde. Und was verlangten sie als Gegenleistung? Bekanntlich gibt es in der Politik keine Sentimentalitäten und der ist ein Tor, der auf politische Gerechtigkeit hofft. Jedoch die Juden waren sehr bescheiden und erklärten, sie verzichten auf ihr gutes Recht und würden jenem polnischen Wahlmanne, der die Forderung nach Gleichberechtigung der Juden in Rußland unterstützen wird, ihre Stimme geben. Man sollte doch meinen, daß eine, im Besitze der Macht stehende Gruppe gar nicht selbstloser handeln könnte; und eigentlich müßten die Juden, durch deren Stimme der polnische Abgeordnete gewählt werden sollte, nicht erst mit dieser primitiven Forderung herausrücken, weil dies doch selbstverständlich wäre; auch für den Fall, wenn der polnische Abgeordnete auf gar keine jüdischen Stimmen reflektiert hätte und nur als Sohn eines unterdrückten Volkes diese gerechte Forderung hätte unterstützen sollen. Es geschah aber etwas Sonderbares: in der Parteigruppierung der polnischen Wahlmänner war die national-demokratische Partei in der überwiegenden Mehrheit und wenn die Juden nicht die Majorität hätten, würde ein national-demokratischer Abgeordneter gewählt werden. Diesem Umstande Rechnung tragend, begaben sich die jüdischen Wahlmänner zu jenem national-demokratischen Wahlmann, der voraussichtlich von den Polen gewählt worden wäre (wenn ich nicht irre, war dies der jetzige polnische Ministerpräsident) und trugen ihm das Mandat unter obenerwähnter Bedingung an, einer Bedingung, die im Zeitalter der nationalen Selbstbestimmung gewiß sehr bescheiden war. Und das Resultat? Dieser Herr, der von jüdischer Gnade und aus politischem Zartgefühl hätte gewählt werden sollen, wollte dieses kleine Zugeständnis den Juden nicht machen und verlangte, die Juden sollten ihn wählen, auch wenn er für ihre Gleichberechtigung nicht cintretcn werde. Diese schändliche Erniedrigung konnten und wollten die Juden Warschaus sich nicht gefallen lassen. War denn das die Meinung aller polnischer Wahlmänner und somit des ganzen polnischen Volkes? Nein! Noch war das polnische Volk nicht so weit gesunken, daß in seiner Mitte das elementarste Gefühl der Gerechtigkeit erstickt worden wäre. Es befand sich unter den Wahlrnännern ein polnischer Sozialist, der selbstverständlich für die Gleichberechtigung der Juden in Rußland einzutreten bereit war. Der nationale polnische Charakter der Stadt Warschau war gerettet, der Pole Jagiello wurde

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