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Das jüdische Echo · 1918-08-15 · 11 (15.8.1918) · p. Seite 118

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
11 (15.8.1918)
Date
1918-08-15
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 Das Jüdische Echo Nr. 11 halben Jahrhundert ist die Wechselstube von der Niederösterreichischen Eskomptegesellschaft übernommen worden und gelangt der Name durch das Geschäft nicht mehr in die Öffentlichkeit. Er besteht nur mehr in der Gesellschaft, in welcher die freundliche und wohlwollende Familie Ansehen und Stellung besitzt. Wesentlich in den Vormärz hinein gehören die verschiedenen Firmen derer v. Wertheimstein: Ad. v. Wertheimstein, Herrn, v. Wertheimsteins Söhne, v. Wertheimsteins Sohn. Die Inhaber stehen in einem gewissen Gegensatz zu den bisher Angeführten dadurch, daß von allen diesen keiner durch Familie und Name weiter als bis zur Regierungszeit des Kaisers Franz I. zurückreicht, sie jedoch durch Abstammung dem eigentlichen jüdischen Alt-Wien angehören. Sie isind nämlich die Enkel des von mir schon im Ghetto vorgeführten Samson Wertheimer, des Schwagers und Prokuristen Samuel Oppenheimers. Seine Bedeutung und Wirkung habe ich dort gewürdigt; in weiterer Folge war die Familie zu einem glänzenden Namen in der Bankwelt und zu einer ersten Stellung in der Gesellschaft gelangt. Das finanzielle Schicksal der Häuser dieses Namens entsprach nicht den Hoffnungen und Erwartungen, weche man an die Provenienz hatte knüpfen können. Ein Frauenbrief. Liebe Frau Miriam. Da habe ich Sie nun seit langer Zeit zum ersten Male wieder gesehen, habe zum ersten Male wieder Ihr Haus betreten und bin von diesem Besuch doch nicht so froh geworden wie ich es früher war, als Sie noch in Berlin lebten und ich jeden Freitagabend bei Ihnen verbringen durfte. Im Gegenteil, wenn ich Ihnen gegenüber so offen sein darf wie früher, dann muß ich gestehen: ich bin diesesmal mit einer Enttäuschung von Ihnen gegangen. Um Ihnen deren Grund verständiger zu machen, muß ich Ihnen sagen, was jeder Aufenthalt in Ihrem Berliner Hause für rpich bedeutete: ein Besuch in einem für mich verlorenen Paradies. Sie wissen, daß ich nur in meiner frühen Kindheit in einer Umgebung lebte, darin man die jüdische Tradition hochhielt und mit der Tradition der Famile verwebte; noch bevor ich über mich und die Gestaltung meines Lebens selbst bestimmen konnte, führte mich dann das Schicksal in eine Umgebung, die nichts wußte von jüdischen Gebräuchen und nicht die Weihe jüdischer Feste und den Sinn jüdischer Überlieferung kannte. Wenn aber einmal das Band zwischen uns und jenem überlieferten, in feste Formen geprägten Judentum zerschnitten wurde, dann können wir es nie wieder neu anknüpfen, können nie wieder unser Leben mit jenen Symbolen erfüllen, die denen, welche von Kindheit an ununterbrochen von ihnen umgeben gewesen sind, zu einem Stück ihres Selbst werden. Aber aus meinen Kindertagen blieb in mir die Sehnsucht nach der Weihe und dem Adel, die diese Symbole dem jüdischen Familienhause und dem Leben jedes einzelnen verleihen; und besonders dann, wenn ich draußen auf den lauten Straßen des Lebens sah, wie Hunderte, die in hochmütiger Auflehnung gegen den Zwang des Religionsgesetzes rebelliert hatten, weil sie vermeinten so stark zu sein, daß sie ohne jegliche Stütze, lediglich durch die Kraft ihres Willens, sich ihr Judentum erhalten könnten — Schiffbruch litten und mit den äußeren Formen auch den inneren Gehalt verloren, dann spürte ich diese Sehnsucht in mir sich regen. Dann kam ich nach Berlin und in Ihr Haus und wurde tief ergriffen von dem Zauber der altjüdischen Gebräuche, die ich bei Ihnen vorfand. Ich bin so häufig bei Ihnen gewesen, wenn die Sabbatkerzen entzündet wurden, und wenn man Hawdoloh machte, wenn man an der Sedertafel saß und wenn man die alten Weisen unsres Volkes sang — und immer wieder mußte ich daran denken, mit welchem Reichtum an reinen und edlen Erinnerungen aus einer Jugend, in der sich die Weihe des Elternhauses mit der Weihe unsrer Religion zu unlöslicher Einheit verknüpft, Ihre Söhne dereinst ins Leben hinausziehen würden. Und was als das Wichtigste von allem erschien: Sie sprachen mir oft davon, daß diese Gebräuche nicht nur schöne Formen für Sie seien, die Sie .etwa aus Pietät gegen die Überlieferungen Ihrer Familie oder aus einem ästhetischen Bedürfnis oder aus pädagogischen Rücksichten aufrecht erhielten, sondern daß Ihnen jederzeit der Sinn dieser Überlieferungen bewußt sei und es Ihnen ein tiefes Erlebnis sei, wenn Ihre heranwachsenden Söhne — einer nach dem andern — zum Verständnis dieses Sinnes erwachten. Und nun, Frau Miriam, sagten Sie mir neulich, daß Sie in diesem Jahre darauf verzichten wollen, Ihr Haus der pessachlichen Reinigung zu unterziehen, und als ich Sie nach dem Grunde dieses Verzichtes fragte, erfuhr ich — daß Ihnen in der heutigen Zeit die damit verknüpfte Mühe zu schwer dünke. Liebe Freundin, hätten Sie mir gesagt: „der Grund meines Verzichtes ist der, daß ich nicht mehr glauben kann, daß ich die äußeren Formen, die das innere Gesetz umgeben, für unwahr halte; ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß wir die alten Formen zertrümmern müssen, um zu einem neuen Geist zu gelangen“ — hätten Sie mir das gesagt, so hätte ich niemals gewagt, mich in diesen Kampf Ihres Herzens um die Wahrheit hineinzumischen. Aber der Grund, den Sie mir angaben, der hat mich tief verletzt. Lediglich aus Bequemlichkeit, aus Mangel an Opferwillen aufgeben, was man selbst als höchst bedeutungsvoll erkannt hat? Gewiß, ich weiß, was in heutiger Zeit heißt, ein Haus von Grund auf für den Pessach zu bereiten, weiß, daß dies schwere Arbeit, eine Fülle von Sorgen, Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten bedeutet — aber was sind diese Schwierigkeiten verglichen mit jenen, denen unsre Vorfahren begegneten, um mitten in der Verfolgung, Flucht und Lebensgefahr das Pessachfest zu feiern? Ich weiß, daß Sie viele Mühe und Opfer auf sich nehmen müssen, um der alten Tradition treu zu bleiben — aber was sind diese Opfer gemessen an jenen, die heute Tag für Tag von unsren Männern gebracht werden, die das Land gegen den Feind verteidigen? Kämpfen die draußen gegen den äußeren Feind, so sollten wir daheim gegen den inneren kämpfen; ringen jene gegen Vernichtung unsrer materiellen Güter, so sollten wir für die Bewahrung unsrer geistigen Güter kämpfen. Oder hat Ihr Gatte draußen es verdient, daß er in ein Haus heimkehrt, das inzwischen der Weihe und Schönheit beraubt wurde, nach der. er sich gewiß oft zurücksehnte — weil die Daheimgebliebene sich scheut, den Kampf mit einigen Schwierigkeiten der Zeit auf sich zu nehmen?

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