Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Das Jfitflsche Echo Nr. io führte, welches denselben außerordentlich förderte. Er exportierte nämlich nicht die Partien, wie er sie von den Herrschaften gekauft hatte, sondern sortierte sie nach Qualitäten und verkaufte die sortierten Posten je nach Eignung ins In- oder Ausland. Das genügte ihm noch nicht; was als das feinste heraussortiert worden war. sollte hier im Lande selbst verwebt werden; er schuf eine große Feintuchfabrik in Teltsch, die noch bis in die sechziger Jahre bestand, gründete andere Unternehmungen oder beteiligte sich an solchen. Er war ein fester, guter Jude, verleugnete in Wesen und Sprache niemals den gewesenen Ghetto-Insassen und machte noch einen patriarchalischen Eindruck; er wie seine Familie bewegten sich, so lange er lebte, gesellschaftlich trotz seines Vermögens nur in — allerdings besten — jüdischen Kreisen, in denen er, trotzdem die Wiener Luft und das Wiener Milieu auf sein äußeres Wesen sehr wenig abgefärbt hatten, die höchste Verehrung genoß. Sein Gewicht wuchs über seine geschäftliche Tätigkeit weit hinaus. In der Wiener Kultusgemeinde, welche damals noch einen sehr losen Zusammenhang hatte, gelangte er als Präses zur vollen, fast ausschließlichen Führung, um nicht zu sagen, Herrschaft, gab ihr eine festere Gestalt und den reformierten Habitus, von dem ich noch ausführlich sprechen werde. Durch diese Leistung gewann er auch der Regierung gegenüber an Autorität und Ansehen, das er im Interesse seiner Gemeinde zu nützen verstand. Er war es, welcher bei der Behörde die Gestattung zum Ankäufe des alten Dämpfingerhofes in der Seitenstettengasise und den Umbau desselben als Tempel erreichte. Er war eine starke Persönlichkeit, duldete keinen Widerspruch, sprach in starken Ausdrücken, begleitete sie mit herrischen Gebärden, aber man fügte sich ihm — er war nicht nur der Stärkste, sondern auch der Tüchtigste, Unter seinem Sohn und Nachfolger, dem Baron Simon, gewann die Firma ein größeres regelrechtes Bankgeschäft, aber den Juden gingen Haus und Familie verloren. Der Sohn hatte eine Christin geheiratet, nachdem er selbst die Taufe genommen. Jeder Zusammenhang mit den Juden, ihrer Gemeinde und deren Interessen hörte auf. Ein Bruder gründete ein Bankhaus J. H. Biedermann & Söhne, das keine Höhe erreicht und schon lange nicht mehr besteht; dessen Sohn Emil wurde einer der vornehmsten Juweliere Wiens. Eines zweiten Sohnes, namens Pepi, erinnere ich mich als eines bekannten Lebemannes. Dann war er auch, obwohl hinkend, Kürassier in der Eskadron des Bürgermilitärs, worauf er und die Juden sich nicht wenig zugute taten. Er war auch tatsächlich der eine von den zwei Juden im Bürgerkorps. Ganz anderer Art in Charakter, wie in Laufbahn und Erfolg war ein zweiter Jude auis Preßburg, der gleichfalls schon im Ghetto erwähnte Hermann Todesco. Er war in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhundert, noch sehr jung, nach Wien gekommen und nach einigen, wenig erfolg, reichen Versuchen an die Börse gegangen; zu einigem Vermögen gelangt, stand er nach dem Tode des Kaisers Franz, der vorübergehend einen rapiden Kurssturz hervorrief, wieder als armer Mann — wie er selbst erzählte — an den Ufern der Donau, einen Sprung in dieselbe erwägend. Diesem verzweifelten Entschlüsse widerstand seine Lebenskraft, er kehrte der Donau den Rücken und zur Börse zurück, er hatte sich wirklich eines Besseren besonnen. Die bald darauf auch in Österreich beginnende Eisenbahnepoche, der Bau der Gloggnitzer — oder wie sie vorerst genannt wurde —■ der Wien-Raaber Bahn (heutige Südbahn), dann 1838 der Bau der Nordbahn gaben der Wiener Börse eine ganz neue Spiel- und Spekulationsbasis;, auf der er sich mit wunderbarem Geschick zu tummeln wußte. Er wurde der große Nordbahnspekulant der Wiener Börse und hatte schon vor dem Jahre 1848 — er starb noch verhältnismäßig jung am 23. November 1844 — die, wie es allgemein hieß, für damals ungeheure Summe von 12 Millionen Gulden C. M. erworben. Sein Haus und seine Familie spielten in Wien schon zu jener Zeit finanziell und gesellschaftlich eine große Rolle. Persönlich hatte er nicht unbedeutende Vorzüge; er übte sein Geschäft bei aller Schärfe mit einer gewissen Liberalität aus und ohne alle Kleinlichkeit, mißgönnte den Kleinen auf diesem heißen Boden ihren Tagesgewinn nicht, förderte ihn sogar in seinen großen Operationen. Er war von freimütigem, jovialem Wesen und hatte eine offene Hand für kleine und große Wohltätigkeitszwecke. Eine Anzahl der von ihm errichteten Stiftungen, so ein interkonfessionelles großes Erholungsheim in Baden und eine Familien- "RauThallmder fixyfüefevant München ThßnünjscÜr.ld. Gr