Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Das Jüdische Echo 95 wesens an die polnische Regierung erhielt der jüdische Schulverein vom Warschauer Schulinspektor auf obiges Gesuch die Antwort, daß das Schulstatut für elementare Bildung im Königreich Polen den „Jargon“ nicht als Unterrichtssprache anerkennt und daher dem Gesuch des jüdischen Schulvereins nicht entsprochen werden könne. Daraufhin wurde bei einer Behandlung dieser Frage in einer Ausschußsitzung der jüdischen Volkspartei folgende Resolution angenommen: „In der Erwägung, daß die Konzessionsverweigerung des Warschauer Schulinspektors zur Gründung eines Privat-Lehrerseminars mit jüdischer Unterrichtssprache unter der Begründung, daß Jidisch im Statut für elementares Schulwesen als. Unterrichtssprache nicht vorgesehen sei, ungesetzlich ist, da das erwähnte Statut sich nur auf Anfangsschulen und nicht auf Lehrerseminare bezieht und überhaupt keinen Passus enthält, der auf Jidisch als Unterrichtssprache Anwendung finden könnte, vielmehr besitzen laut § 90 des erwähnten Statuts Privatschulen vollständige Freiheit und nur einer einzigen Begrenzung unterworfen sind, nämlich derjenigen, daß sie verbotene Lehrbücher nicht gebrauchen dürfen; da die Antwort des Schulinspektors einen prinzipiellen Charakter trägt und dje allgemeinen Rechte der jüdischen Sprache berührt, während er nicht befugt ist, eigenmächtig Entscheidungen zu treffen; da der Beschluß einen Angriff auf die elementarsten Rechte des jüdischen Volkes und ein Versuch, ihm das Minimum nationaler Freiheit zu rauben, bedeutet, nämlich die Freiheit, auf eigene Kosten Privat-Lehranstalten mit jüdischer Unterrichtssprache zu gründen daß ein Beamter, der sein Einkommen aus der Staatskasse bezieht, in die auch das jüdische Geld fließt, sich in einem offiziellen Dokument des Ausdruckes „Jargon“ für die Nationalsprache der jüdischen Bevölkerung bedient und damit dem ganzen polnischen Judentum eine Beleidigung zufügt; drückt der Rat der jüdischen Volkspartei wegen der Ablehnung des Gesuches in seiner Form und Begründung den schärfsten Protest aus und erklärt, daß die jüdischen Volksmassen mit Aufbietung aller ihrer Kräfte gegen diejenigen kämpfen werden, die sich erlauben, in jetziger Zeit auf eine so brutale Art gegen die elementarsten Rechte des jüdischen Volkes in Polen aufzutretem“ Die jüdische Jugendbewegung in der Schweiz. i. Man sollte erwarten, daß in dem gegenwärtigen, höchst wichtigen Augenblick, in dem unser Volk am Wendepunkt seines Schicksals steht und auf das Ende des Krieges als auf den Anfang ganz neuer Bedingungen wartet, sich gerade in der neutralen Schweiz die Jugendbewegung in voller Intensivität entfalten und ein reges gesellschaftliches und geistiges Leben hervorbringen sollte. Aber ist dem so? Bis vor ganz kurzer Zeit war von jüdischen Interessen nichts zu spüren. Zwar gibt es in der Schweiz ebenso wie überall zionistische, nationale und andere jüdische Parteiorganisationen, die unter der Masse unparteiischer Vereine figurieren wollen. Aber diesen allen ist es bisher nicht gelungen, die jüdische Jugend zu organisieren. Die jüdische Jugend in der Schweiz besteht in überwiegender Mehrheit aus Studenten aus Rußland, welche meistens in ihrer Heimat als russische Gymnasiasten eine russifikatorische Erziehung erhalten haben. Sie wußten absolut nichts vom Judentum, obwohl sie fast sämtlich von orthodoxen Eltern abstammen. Viele von ihnen haben sogar den Cheder besucht, aber die Spuren dieser jüdischen Erziehung sind schon längst von dem Staub der russischen Lehrbücher verweht worden . . . Nur die negativen Seiten unserer Galuthgemeinschaft wurden ihrer oberflächlichen Betrachtung zugänglich gemacht, während die für die ganze zivilisierte Menschheit mustergültigen Seiten der jüdischen Ethik für sie ein Buch mit sieben Siegeln blieben. Als notgedrungene Folge einer solchen Unkenntnis der jüdischen Werte galt lange Zeit unserer akademischen Jugend der jüdische Nationalismus, als eine reaktionäre Erscheinung. Die furchtbare Katastrophe, die während des Krieges über das jüdische Volk hereingebrochen ist, veranlaßte endlich eine Umkehr in dieser Betrachtungsweise: blinde Augen öffneten sich den Tatsachen und erkannten die grausame jüdische Wirklichkeit. Nun gewann die jüdisch-nationale Idee bei den russischen Juden Boden. Im ersten Überschwung ging man zum andren Extrem über: Die jüdische Jugend, die sich plötzlich ihrer Volkszusammengehörigkeit bewußt geworden, neigte dazu, alles Jüdische zu verherrlichen. Mit unserer Umgangssprache — dem Jidischen — wurde ein Kultus getrieben; die Bedeutung der äußeren Formen des jüdischen Lebens wurden überschätzt, während das Wesen des Judentums ihnen wie früher unverständlch blieb. So ungefähr war die Stimmung der jüdischen akademischen Jugend als sie vor 5—6 Jahren aus Rußland nach der Schweiz kamen. Als Proselyten waren sie naturgemäß Fanatiker. Der Jiddischismus wurde bei ihnen irrtümlicherweise als das Alpha und Omega der jüdischen Kultur angesehen... Die Zionisten unter diesen Nationalisten gingen zwar theoretisch einen Schritt weiter, indem sie die Wichtigkeit des hebräischen Studiums betonten, in der Praxis versäumten sie es häufig, sich wirklich mit hebräischer Kultur zu erfüllen, sodaß ihr Nationalismus, ebenso wie der der anderen. wurzellos blieb. Unter solchen Umständen blieb die jüdische Bewegung unter den hiesigen Studenten sehr schwach entwickelt und konnte keinen nennenswerten Einfluß ausüben. Unterdessen gesellte sich ein neues Element zu denen, die das jüdische Leben in der Schweiz ausmachten: die jüdischen Studenten aus Rußland, die ehemals an den deutschen Universitäten vor der Tyrannei der zarischen Prozentnorm Zuflucht gesucht hatten, wurden schließlich auch von den deutschen Hochschulen zurückgewiesen und wandten sich nach der Schweiz. Es waren meistens nationalgesinnte junge Leute (bekanntl. haben in den russischen Kolonien Deutschlands die jüdischen Nationalisten die Oberhand gewonnen). Diese Neuankömmlinge brachten in die hiesigen Vereine einen neuen Lebensstrom. Der Kriegsausbruch brachte wesentliche Veränderungen mit sich: Der größte Teil der hiesigen Studenten, die im Sommer 1914 nach Rußland gereist waren, konnten nicht mehr zurückkommen. Hier blieben nur wenige höhere Semester, die im