Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-03-01 · 9 (1.3.1918) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
9 (1.3.1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 93 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138241--01942-9074764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 9 Das Jüdisch« Echo 93 renziertes Geistes- und Empfindungsleben wie das eines Juden, der die innerliche Verknüpfung mit dem jüdischen Volkstum und europäisches Heimatsgefühl in gleicher Weise sein eigen nennt, läßt sich nun einmal nicht in eine einfache Formel pressen. Zu der Frage, ob man die gegenwärtige Denkrichtung des „Kulturzionismus“ noch als „Nationalismus“ bezeichnen kann, hat Martin Buber erst jüngsthin in klassischen Worten Stellung genommen. Er sagt: „Wie fremd wir uns auch dein wissen, was heute gemeinhin mit dem Namen „Nationalismus“ genannt wird, wir wischen ihn nicht weg. Denn feurige Zeichen sagen uns, daß sein Sinrf sich wandelt, und wir ahnen rings um uns einen noch unkenntlichen Bund von „Nationalisten“ aller Völker, denen es wie uns nicht um das Durchsetzen, sondern um das Gestalten ihrer Nationen geht. Daß uns diese Aufgabe schon heute in ihrer Reinheit gewährt ist, daß wir zu ihr gelangten, ohne vorher den blutigen Irrweg gehen zu müssen, daß wir in Wahrheit Wegbahner sein dürfen, das erhöht wohl, es erschwert aber auch das uns angewiesene Werk. So schmal auch unser Weg ist, unser Herz darf sich niemals zur Enge gewöhnen, ganz wach und weit muß es allen Wandlungen dieser menschheitsbereitenden Zeit mit seinem Schlage folgen. Nie darf uns das Nationale sein Ende in sich selbst finden, nie uns die Phrase eine Scheinverbindung zwischen ihm und der Sache der Menschheit vorlügen; ganz real muß die Verbindung sein und solcher Art, daß sie sich nicht in unseren Zielsetzungen allein, daß sie sich auch in der Wahl unserer Mittel und der Ausbildung unserer Methoden unentstellt kundgibt. Die neue, verwirklichende Humanität wird da zuerst das unerschrockene Haupt erheben, wo man sich ihr nicht mit Manifesten und Verheißungen zu eigen gelobt, sondern mitten im Grauen dieses Alltags ihr zu dienen beginnt.“ Vertiefen wir uns in diese Gedanken des wahren Führers der Judenheit, so erkennen wir, daß die Lösung der Judenfrage eine ganz andere Art der Assimilation erheischt, als sie von den liberalen jüdischen Gruppen der einzelnen europäischen Nationalitäten gefordert wird. Nicht nur die Juden, sondern ebenso sehr die christlichen europäischen Völker bedürfen einer „Assimilation“, einer Annäherung an einen höheren nationalen Typ, der ohne Selbsttäuschung und chauvinistische Überhebung das Beste und Wertvollste der Gemeinschaft pflegend, Gerechtigkeit gegen Wesen und Eigenart der anderen zu üben weiß. Eine ernste Gefahr würde dem Zionismus dann drohen, wenn es in diesem Weltkrieg skrupellosen Machthabern gelänge, den Zionismus zu einem politischen, einseitigen Interessen einzelner Großmächte dienenden Instrumente zu erniedrigen. Mögen die deutschen Zionisten darüber wachen, daß der kulturelle Wesensinhalt der jungen jüdischen Bewegung auch um den Lohn äußerer Erfolge nicht preisgegeben wird. Der Bund der Landwirte. Es wäre geradezu stillos gewesen, wenn die Jubiläumsfeier des Bundes der Landwirte sang- und klanglos, d. h. ohne plumpe Angriffe auf die sozialistischen Volksmassen, den früheren Reichskanzler und die Juden verlaufen wäre. Gerade die Landwirte haben heutzutage soviel Butter auf dem Kopfe (welch ein zeitgemäßes Wort), daß es gut ist, wenn sie beizeiten für Blitzableiter des Volksverdrusses sorgen. In dem Schimpf- und Drohkonzert zu dem sich die Jubiläumsfeier gestaltete, bot die entschieden großzügigste Leistung der Freiherr v. Wangenheim, der u. a. sagte: „Ich bin kein Antisemit im landläufigen Sinn, aber es muß jeden von uns mit Bedenken erfüllen, überall da Juden als Führer zu sehen, wo gegen die Grundlagen der Monarchie gearbeitet wird. Die Juden sollen diese unsauberen Elemente abschütteln. Wir möchten und wollen Vertrauen zur Regierung.haben, aber warum spricht der führende Staatsmann nicht einmal das erlösende Wort? Von unseren Heerführern wissen wir, daß sie ihre Ziele so klar vor Augen haben, daß keine Macht sie davon abbringen kann. Gebe Gott, daß Graf Hertling in seiner Klugheit und in seinem tief religiösen Gefühl uns die christliche Monarchie erhält!“ (Stürmischer Beifall!) Man sieht immer deutlicher, wonach es die Herren auf der Rechten verlangt! nach Zuständen, wie sie in Rußland waren, bevor das Volk sich von dem Druck einer unerträglich gewordenen Regierung befreite . . . Was mögen nun wohl erst die Landwirte gegen die Juden planen, die zugeben, daß sie Antisemiten sind? War schauer Brief. Die Berliner „Neuesten Nachrichten“ haben letzthin eine Serie von Briefen eines deutschen Korrespondenten gebracht, der recht offen gewisse. Zustände im Verkehr mit den Juden Polens kritisiert. In seinem neuesten Brief (vom 16. d. M.) weist der Verfasser auf den tiefen Eindurck hin, den die englische Regierungserklärung zugunsten des Zionismus auf die Juden gemacht hat und fährt fort: Schon früher habe ich erwähnt, daß die Juden in Polen, insonderheit in Warschau, gegen Bedrückung durch die Polen nicht genügend geschützt sind. Das „Königreich Polen“ ist nicht nur von Polen bewohnt, sondern auch, anderer Nationalitäten hier nicht zu gedenken, von einem sehr großen Bruchteile von Juden und von nicht wenigen Deutschen. Jetzt hat der Warschauer Magistrat einen der schlimmsten Judenhetzer der großen Stadt, dessen aufreizende Reden im Stadtparlament viel Ärgernis erregten, zum Verwalter der Proviantierungsabteilung ernannt, Herrn Ilski. Dadurch' sind die zahlreichen jüdischen Lebensmittelhändler, denen das Dasein schon durch mehrere Maßnahmen sehr erschwert worden war, der Willkür ihres schlimmsten Feindes preisgegeben; denn von Herrn Ilski hängt es ab, wer mit Lebensmitteln handeln kann und wer nicht. Wer die jüdischen Gesetze kennt, weiß, daß hieraus sehr leicht auch religiöse Bedrängung für Juden sich ergeben kann. — Das vielgelesene jüdische Blatt „Der Moment“ vom 25. Januar und andere jüdische Blätter haben gegen die erwähnte Ernennung scharfen, freilich erfolglosen Widerspruch erhoben. (Vgl. auch „Deutsche Warschauer Zeitung“ vom 27. Januar.) Auch das habe ich schon früher erwähnt, daß die deutschen Rabbiner, Pinchas Kohn- Ansbach und Em. Carlebach-Köln, durch das von ihnen mit amtlicher Förderung herausgebene Blatt „Das Jüdische Wort“ die deutschen Belange schwer schädigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.