Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Nr. 9 Das Jüdische Echo Wege hervorkämen: Wege der Allgemeinheit, Lebenswege, auf denen die jüdische Seele, ihrem Gotte und seiner Lehre treu, sich läutern und umbauen, mit tatkräftigem Glauben und mit schöpferischer Glut ihr Nest sich bauen kann, — auf jüdische Art und nach Gottes Willen, überall, wo Juden wohnen und umsomehr im Lande Israels .... Nur soweit braucht uns Gott zu helfen, —■ der Gott, der uns von allen Völkern auserwählte, der uns seine Lehre gab, der uns befahl, ihm ein heiliges Volk zu sein, der uns für das Ende der Tage die Erlösung versprach — und wir werden es nicht nötig haben, die Besiedlung Palästinas mit einer Entweihung des Landes, mit einem Chillul haschem zu beginnen. Nachschrift der Redaktion. Nathan Birnbaum rührt hier an die letzten und tiefsten Probleme der Zionsbewegung. Nicht die Frage, bis zu welchem Grade die politische Selbständigkeit des jüdischen Palästina reichen wird, bewegt am meisten die Herzen gerade der wertvollsten Zionisten; sondern das erscheint ihnen als das Wichtigste: Welchen Gebrauch die Juden von den ihnen gewährten Rechten machen werden. Deutschtum und Judentum. Von Dr. Hans Fritz A b ra h a m , Berlin. (Aus „Das neue Deutschland“, 6. Jahrg., Nr. 6.) Die Zukunftsentwicklung wird wesentlich beeinflußt durch die stärkste jüdische Bewegung der Gegenwart, den Zionismus. Daß über die Bedeutung dieser Ideen bei Juden und Christen noch weitgehende Unklarheit herrscht, dazu haben die Juden selbst nicht wenig beigetragen. Die Wortführer der herrschenden liberalen Auffassung unter den Juden fürchten für die Durchsetzung der Gleichberechtigungsidee, sobald sie zugeben, daß die jüdische Gemeinschaft einen besonderen nationalen Charakter habe; sie glauben mit der Bejahung einer derartigen These ihre Stellung als ebenbürtige Staatsbürger des Deutschen Reichs zu verwirken, und um dieser ihnen gefährlich dünkenden Folgerung verschließen sie sich den Wahrheiten, die der jungen Bewegung unverkennbar innewohnen. Die Zionisten haben ihrerseits die Gegnerschaft der jüdischen Liberalen dadurch verschärft, daß sie vielfach lediglich die Ostjuden als das entwicklungsfähige Material, die westjüdische Gedankenrichtung dagegen schlechthin als wertlos und entwurzelt bezeichneten. Versuchen wir auch hier zu einer unparteiischen Würdigung der inneren Zusammenhänge zu gelangen: Als praktisch-politische Ziele des Zionismus erscheinen vor allem: die kulturelle Hebung des ostjüdischen Proletariats und die Gründung gesicherter jüdischer Heimstätten in Palästina. Schon diese rein kolonisatorischen und sozialen Ziele sichern dem Zionismus seine geschichtliche Bedeutung. Als Faktor der Orientpolitik ist der Zionismus gerade in diesen Tagen bedeutsam in die Erscheinung getreten. Der Zionismus tastet die Souveränität der Türkei nicht an. Die deutschen Zionisten können daher nur wünschen, daß Deutschland als diejenige Großmacht, die das stärkste Interesse an der Integrität der Türkei hat, seine Hand über die jüdischen Kolonien hält. Welchen Weg die Entwicklung der Zukunft nehmen wird, läßt sich freilich heute noch nicht übersehen. Bemerkenswert ist, daß die Enteilte zielbewußt die Förderung des Zionismus zu einem Teil ihres Orientprogramms erhebt und entschlossen daran geht, Palästina von der Türkei loszureißen und ihrer eigenen Interessensphäre anzugliedern. Gerade mit Rücksicht darauf, daß voraussichtlich die rein politische Bedeutung des Zionismus im Vordergrund der demnächst zu erwartenden Diskussionen stehen wird, ist zu betonen, daß die äußeren Ziele heute nicht mehr das allein Wesentliche des Zionismus ausmachen. Man ist sich völlig darüber klar, daß durch die Abwanderung nach Palästina die Judenfrage in ihrer Totalität nicht gelöst werden kann; noch immer wird der größte Teil der Juden in der „Zerstreuung“ verbleiben. Im Hinblick auf diese Tatsache einerseits, als Voraussetzung politisch-staatlicher Betätigung anderseits wird demnach von der jüdischen Bewegung der Gegenwart in erster Linie die innere Erneuerung des jüdischen Volkstums gefordert. Hauptpunkte dieses Programms sind: die Neubelebung der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache, die Verinnerlichung der jüdischen Religiosität, die Wiedererweckung jüdischer Dichtung, Kunst und Wissenschaft. Die führenden Männer dieser kulturpolitischen Bewegung sind der in London lebende Ostjude Achad Haam (Uscher Ginzberg) und Martin Buber. Aus der von Buber meisterhaft geleiteten Zeitschrift „Der. Jude“ werden nicht nur die Christen, sondern auch viele deutsche Juden mit Überraschung erkennen, welch reiches, neues Leben der jüdischen Bewegung der letzten Jahrzehnte entsprossen ist. Diese innere Renaissance des jüdischen Volkstums muß, wie auch immer die außerpolitische Gestaltung Palästinas sich entwickeln mag, das Wesen der Ostjuden maßgebend beeinflussen. Die Westjuden bleiben nicht mehr der Versuchung ausgesetzt, ihr Judentum zu verstecken, sondern sie werden mit Freude ihre Zusammengehörigkeit mit einem wiedererwachenden, aufstrebenden Judentum betonen und durch Förderung jener Bewegung ihre Gesinnung praktisch betätigen. Wer sich diese Lebensanschauung zu eigen macht, wird mit demselben Stolz sein europäisches Vaterlandsgefühl wie sein Judentum bekennen, und niemand wird einen Juden um deswillen einen Staatsbürger geringeren Grades schelten dürfen, weil er seine Verknüpfung mit den Bestrebungen einer jüdischen Renaissance freimütig bekennt. Der Zionismus wird also keineswegs, wie gewisse Vertreter des Antisemitismus mit schlecht verhehlter Freude meinen, zu einem Panier, unter dem die Westjuden ihrer europäischen Heimat den Rücken kehren, sondern im Gegenteil das wiedererstarkte Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer im Aufstieg begriffenen Gemeinschaft wird das Selbstvertrauen der Juden kräftigen und ihre Stellung im europäischen Vaterlande um so fester begründen. Der Zionismus hat für diejenigen Juden, die mit der Kultur ihrer christlichen Heimatsvölker durch die Geschichte der Neuzeit verknüpft sind und sich nicht zur aktiven Teilnahme an der zio.- nistischen Bewegung entschließen können, diese wesentliche mittelbare Bedeutung. Ein neues „geistiges Zentrum“ wird den Juden die „innere Freiheit“ bringen, die ihnen bisher versagt ist. (Achad Haam.) Es bedarf gar nicht für jeden Einzelnen der ausgeprägten Stellungnahme zu dem Problem, ob die Judenheit als eine nationale, als religiöse oder als Rassengemeinschaft aufzufassen ist..JEin so diffe-