Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Das Jüdische Echo Nr. 7 Brust: „Lastträger! Man schlägt unsere Kameraden!“ Ich bog in eine enge Gasse ein und blieb stehen. Line dichte Menschenmenge verstopfte förmlich mit ihren Leibern dieGäsise, sodaß sie wie ein Sack voll Körner aussah. Irgendwo, von weit her, vernahm man Schreien und Stöhnen von Menschen; die Scheiben klirrten, dumpfe, schwere Hammerschläge erschollen, etwas krachte und fiel nieder, Töne deckten einander wie Wolken im Herbst und hingen in der Luft wie eine drohende Gewitterwolke. „Die Juden erschlägt man!“ sagte in heiterem Ton ein braver, sauberer Alter. „Geschieht ihnen recht,“ fügte er hinzu, indem er seine kleinen, dürren Händchen eifrig rieb. Ich stieß mich nach vorn durch, der suggestiven, erregenden Macht des Schreiens folgend. Nicht nur mich, alle lockte dieser fürchterliche Lärm, alle versanken in ihm, wie in einem Moor. Die Gesichter der Leute, die an mir vorüberjagten, waren erregt von einer heftigen, ungestümen Bosheit, aller Augen funkelten gierig; die ganze Menge schob sich nach vorn wie eine schwere, dichte Masse, bereit, die Wände und Zäune, die sie hinderten, umzustürzen, bereit, die Vordrängenden zu überrennen, über ihre Leiber zu treten, sie totzutrampeln. Ich stürzte in den Hof eines der Häuser dieser Gasse, sprang über den Zaun in einen anderen Hof, wiederholte das noch einmal und wieder und befand mich neuerdings in einem dichten Menschenknäuel. Der enge Hof eines großen steinernen Hauses war gepfropft voll von Menschen; es sah aus, als ob sie ins Sieden geraten wären, als ob die Erde unter ihnen erbebte. Mit hocherhobenen Köpfen brüllten sie wie besessen durcheinander; die Gesichter glühten und zeigten die glänzenden Zähne. Man stieß einander und versuchte aufs Dach des Wirtschaftsgebäudes zu klettern, aber viele rutschten ab, fielen hin und kletterten von neuem hinauf. Und trotz der Verschiedenartigkeit der Bewegungen des Armeschwenkens und Drohensi, schien etwas Gemeinsames alle zu beherrschen. Die Menschen wurden ein Teil eines gewaltigen Körpers, beseelt von der gleichen gewaltigen Macht. Auf dem Dache des Hauses, hoch über dieser gedrängten, durch Bosheit verschmolzenen Menge, stand neben dem Rauchfang ein magerer, alter Jude. Er riß mit den Händen die Dachziegel von den Sparren, und indem er sie hinunterschleuderte, schrie er mit scharfer, dem Schrei einer Möve ähnlicher Stimme. Sein langer, grauer Bart zitterte auf seiner Brust, und seine helle Hose war mit roten Flecken bedeckt. Wütende Schreie flogen zu ihm hinauf: „Schieß ihn nieder!“ „Schlag ihn nieder mit einem Ziegel!“ „Klettere hinauf!“ Hinter den Fenstern des Hauses gewahrte man dunkle Gestalten, die Fensterrahmen ausschlugen und Hausgerät in den Hof warfen. Die Scheiben zerklirrten. Ein breitschultriger, lockiger Bursche schritt mit einem Spiegel zum Fenster, hob ihn hinaus und rief: „He! Achtung!“ Und der Spiegel flog zur Erde, die blendenden Sonnenstrahlen blitzartig reflektierend. Dann schob sich der Bursche selber durchs Fenster. Sein breites Gesicht war nur besorgt und ernst, aber nicht erbost. In einem anderen Fensterrahmen erschien ein schwarzbärtiger Bauer mit einem Polster in den Händen; er riß ihn gewaltsam auf, und eine dichte, weiße Federwolke verteilte sich in der Luft. „Es schneit, Achtung, daß euch die Nase nicht abfriert, Burschen!“ rief der Bauer, als die weißen Flocken auf die Köpfe der Menge niederflogen. Im Hofe brüllte man: „Hierher, im Fasse habe ich Judenkinder gefunden.“ „Schlag sie nieder!“ „Ihre Schädel an die Wand!“ „He, alter Jude, kriech herunter, wir haben deine Enkel gefunden! Komm nur, sonst schlagen wir deine Brut tot!“ Der gellende Schrei eines Kindes durchschnitt plötzlich die Luft. Ein entsetzlicher Laut! In dem verworrenen Tosen der Menge wirkte der Schrei wie der Blitz, der jäh zwischen den Wolken aufleuchtet. Der Lärm schien danach abzuflauen. „Rühr’ die Kinder nicht an!“ brüllte jemand. Rühr’ die Kinder nicht an, schlage die Großen!“ Da erscholl von neuem der Schrei eines Kindes, scharf und fein, er schnitt ins Herz und betäubte mehr als alle Töne. „Ach, der Teufel!“ schrie jemand wütend, alle anderen überbrüllend. „Am Schädel?“ „Er traf die Füße!“ „Geschickt, der alte Teufel!“ „Antip, komm, wir klettern hinauf und stoßen den Juden hinunter.“ Zwei riesengroße Lastträger drängten die Menge auseinander, schritten auf das Wirtschaftsgebäude zu und kletterten auf das Dach hinauf. In einem Fenster des Hauses erschien wieder der ernste, rotfratzige Bursche. Er strengte sich sehr an, irgendeinen Kasten oder eine Kiste durch das Fenster zu schieben, und schrie hinunter: „Brüder, Achtung auf das Geschirr!“.... Die Kiste ging nicht durchs Fenster, da zog sie der Bursche zurück und verschwand für einen Augenblick; dann kam er wieder ans Fenster und begann zu heulen wie ein Wolf: „Aus dem W—e—g—e!“ Ein Haufen Teller wurde herabgeschleudert, dann kam, im Sonnenschein aufblitzend, ein Samowar. Die Leute liefen auseinander, hoben die KostQmfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 •’ »rossh®rzo01badische Hoflieferanten ‘ ' Teirg^mmTdrcLeT^irTngc^ünchen“. «w SOOOO Kostümen SVoUstandSg neuseih^?^^^ Spezialität. Ganze Ausstattungen für Theaterstücke u. Filmaufnahmen _ MT Spezialkataloge stehen auf Wunsch kostenlos zur Vertagun^^L«