Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 73 Hände schützend über ihre Köpfe und lachten aus vollem Halse. Ein rothaariger, dicker Junge ergriff den Samoawr, hob ihn hoch über seinen Kopf, schleuderte ihn dann zu Boden und begann mit den Füßen darauf zu hacken. Vom Dache her vernahm man entsetzliches Wehgeschrei ... Alle erhoben die Köpfe. Das Eisen der Dachrinne rasselte... Plötzlich erschien am Rande des Daches etwas Großes, blieb einen Augenblick in der Luft hängen, dann winselte es, heulte, riß ab und flog hinunter. Ein weiches, widerliches Klatschen... Ich lief davon, und hinter mir hörte ich frohlockendes, wildes Gebrüll. „Ah ... ah ... ah ...“ „Aha ... a...“ „Hinutergeschleudert! Ah... ah...“ Auf der Gasse zerbrachen die Leute Sessel, Tische, zerschlugen Koffer, zerrissen lachend allerlei Gewänder. In der Luft wirbelten Fla,umfedern, aus den Fenstern zweier Häuser flogen Polster, Körbe, Möbelstücke. Fetzen, und die Menge, ganz toll in ihrer Zerstörungssucht, packte diese Sachen, zerriß, zerbrach und zertrümmerte sie. Zwei Frauen mit zerzaustem Haar, verschwitzt, mit roten Gesichtern, hielten irgendeine Kiste fest und jede zerrte sie zu sich hin. Sie schrien einander etwas zu, Federn und Flaumen tanzten um ihre Köpfe, sie rissen beide den Mund weit auf, aber ihre Stimmen wurden überdröhnt vom Krachen des Holzes, vom Heulen und Tosen der Menge und von winselnden, entsetzlichen Schreien, die aus den Fenstern des Hauses ertönten. Ein großer Bauer ging an mir vorüber, mit zerrissenem Hemd, barhäuptig. Sein Haar war zerzaust, über das schmutzige Gesicht rann dickes, schwärzliches Blut. Er fuchtelte mit den Händen und lächelte stumpf mit dem zufriedenen Lächeln eines satten Viehs. Er schritt auf eine Laterne zu und begann an ihr zu rütteln, indem er sich mit der Brust gegen die Säule stemmte. Die Laterne schwankte und schlug zu Boden. „Zerschlage siel“ rief ihm ein anderer Bauer zu, indem er hinzulief. Auch er packte und rüttelte sie. Von irgendwoher warf sich ein Mädchen in die Menge, wie eine Taube in eine Wolke — das Kleid war zerrissen, das Haar aufgelöst. Sie lief mit zurückgeworfenem Kopf. Die Augen in ihrem blassen Gesicht waren ungewöhnlich groß. „Haut die Jüdin!“ kreischte jemand. Aber das Mädchen verschwand in der dichten Menge wie ein Stäubchen Zucker unter einer Unmasse von Fliegen. Es sah aus wie ein kochender Brei aus MenschenLeibern. Fäuste sausten durch die Luft, man hörte wollüstiges Krächzen und weiche, klatschende Schläge. Freche Späße, Schimpfworte, ein Zischen wie von Schlangen, alles vermengte sich zu einem hämischen und schadenfrohen Lärm. „Auseinander, ihr Leute!“ „Seliman fährt!“ So schrie die Menge, die irgend etwas auf dem Pflaster mitschleifte. Es war ein Mensch oder die Leiche eines Menschen; ein halbnackter, hagerer Körper, voller Beulen und Quetschungen, zerrissen und über und über mit Schmutz und Blut bedeckt. Um Selimans Füße war ein Strick gewunden, daran schleiften ihn die Leute auf dem Pflaster hinter sich her, und ein breiter Bildstreifen zeichnete den Weg. Magere, lange Arme badeten in diesem Blute, und der verunstaltete, blutige, geschundene Körper schlug immerfort auf die Steine. Ein Junge lief auf den Körper zu, sprang auf ihn, und seine Füße versanken in dem Leib wie in einem Teighaufen; der Bursche schwenkte lustig die Arme und purzelte hin, allgemeines Gelächter erregend. Seliman war ein reicher Lieferant, ich sah ihn früher öfter; aber wasi ic.h jetzt sah, war keinem Menschen mehr ähnlich. Abgestumpft durch all das, was ringsum geschah, fast erstickend vor Staub, wirbelte ich in der Menge umher, wie ein Holzspan im Wasser, und schaute auf alles, wie auf einen fürchterlichen Traum. Da, auf der Dachrinne, hoch über der Erde, blieb plötzlich ein weißer Rock hängen. Ein altes Weib, auf den Zehenspitzen stehend, versucht ihn zu erreichen und hebt ihre knochige, schmutzige Hand. Neben ihr setzt ein bärtiger Lastträger umständlich seine Samtmütze auf den Kopf. Kleine Jungen flitzen zwischen den Füßen Erwachsener hindurch, heben Splitter eines Spiegels auf, und einer hüpft nach einer in der Luft fliegenden Feder, die er haschen will. Seinen Säbel hochschwenkend, läuft ein Poliizeimann vorüber. Man lacht und ruft ihm nach: „Haltet ihn!“ „Fangt den Pharao!“ Jemand wirft ihm eine zerbrochene Kiste zwischen die Füße, und der Polizeimann stolpert, überstürzt sich und fällt zu Boden. Lautes Lachen dröhnt in der Luft. Ich rutsche aus und erblicke unter meinen Füßen ein Stück blutiger Haut mit einem Büschel von Haaren. „He da! Leute! Hierher!“ Dieser Ruf erschallt vom Hofe her, und die dichte Menge strömt wie eine Welle zum Tor hinein. Die Menschen brüllen, heulen, grunzen. „H—au—t, h—au—aut sie!“ klingt es in der Luft. Im Inneren des Hauses, im zweiten Stockwerk, arbeitet jemand mit dem Brecheisen und müht sich ab, um das Mauerwerk zwischen zwei Fenstern zu zerstören. Auf die Gasse fallen Ziegel, Mörtel und Kalkstaub fliegt umher. Eine Tasse fällt aus dem Fenster; sie kreist erst unentschlossen in der Luft und hat sich schließlich den Kopf eines dicken Weibes ausgesucht, um von da erst einen Sprung auf das Pflaster zu machen, wo sie klingend zerbricht. Das Weib kreischt auf und duckt sich nieder. „Die Kosaken kommen!“ „Lauft, Brüder!“ „Die Kosaken kommen!“ Im Eingang der Sackgasse erblickt man Pferdeschnauzen, blaue Kosakenmützen und Peitschen. Eine laute, singende Stimme kommandiert: „Drei in die Reihe! Trab! M—a—r—sch!“ Ein Haufen Ziegel fällt auf das Pflaster. Die Zwischenwand ist durchgebrochen, und unmittelbar darauf wird durch das gräßliche Loch in der a iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinniiiiimiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiH | SD i e (Geburt i f) r e $ <5 o 1) n c $ | | JOACHIM THOLA | s teilen mit | | STEFA E. THEILHABER, GEB. CZAPLINSKA | | FELIX A. THEILHABER 1 | 3erlin/3mSelbc fiiiiiiiiiiiiiriiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiuniiiiiiiiti