Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 45 Erschüttert lesen wir daher den Schwanengesang unseres Dichters Hugo Zuckermann, der nach schwerer Verwundung auf seinem Totenbette seine Makkabäergedanken in die wunderbaren Worte kleidete: „Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder singen, Weil ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen . . Heinrich Graetz. Eine Würdigung des Historikers und Juden. Von Dr. Joseph Meisl.1) Die Wurzeln der jüdischen Geschichte sind weiter verzweigt als die der Geschichte der meisten anderen Nationen. Jüdische Geschichte kennen heißt in der Geschichte des Morgen- und Abendlandes, des Altertums und der Neuzeit, der politischen Vorgänge, der Wirtschaft und des Rechts gleicherweise bewandert sein. Und diese Bedingung der historischen Universalität ist der eine Grund, warum auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsschreibung so wenig befriedigende Leistungen zu verzeichnen sind auch in unserer Zeit, wo wissenschaftliche Arbeit verhältnismäßig leichter und der Antrieb zum „Schreiben“ lebhafter ist als je. Der andere Grund, der tiefer führt, ist ein psychologischer. Da sind die glänzenden Begebenheiten der Geschichte der Franzosen, der Deutschen — die gewaltigen Taten, von denen die alten Bücher berichten, ihre sinnfälligen Zeugnisse an schönen Bauten und Bildern, die auch den Schwerfälligsten einmal zur Bewunderung zwingen. Die Quellen der jüdischen Geschichte hingegen sind für uns verschüttet; ihr Gegenstand selbst erscheint dürftig; selbst wo keine positive Abneigung besteht, sich mit ihm zu befassen, ist der Antrieb dazu überaus gering. Indessen ist in Wirklichkeit nicht nur der Gegenstand selbst — der Stoff der jüdischen Geschichte — keineswegs ärmlich, auch die Quellen fließen reichlich, wenn man die Wünschelrute besitzt, sie aufzufinden. Daß der Stoff der jüdischen Geschichte — und vorzugsweise der der späteren, uns näherliegenden, der Golusgeschichte, — nicht ärmlich ist, haben uns die jüdischen Theologen immer erzählt. Aber sie selbst haben die jüdische Geschichte vornehmlich als eine Literatur- und Literatengeschichte erfaßt und bearbeitet, und so haben wir lange unter dem Eindruck gestanden, als seien die Juden der Vergangenheit ausschließlich Gefäße eines geistigen Inhaltes gewesen, als sei aber nichts dagewesen, von dem reichen körperlich - irdischen, Q Berlin, Lamm 1917. zunächst sich selbst Eigenzweck bildenden weltlichen Leben und Schaffen von dem die Geschichtsbücher der anderen Völker voll sind und das. den Nachgeborenen zum Stolz und Gewinn und zu hoher künstlerischer Befriedigung wird. Und so haben wir auch an den besten Denkmälern jüdischer Historiographie — Graetz und Gudemann, trotz aller Ansätze zu einer weiteren Auffassung bei ihnen — keine restlose Befriedigung. Die Reaktion gegen die allein geistesgeschichtliche Auffassung der jüdischen Geschichte kam nicht aus den Bedürfnissen der jüdischen Geschichtsforschung selbst. Vielmehr bemächtigte sich die allgemeine Wirtschaftsgeschichte dieses für sie so interessanten Gebietes. Und das meiste was hier in deutscher Sprache geschrieben wurde, wird man besser in das Regal „Wirtschafts-Geschichte“ als in das „Jiid. Geschichte“ einreihen. Man ging so weit, aus der Wirtschaftsgeschichte allein den Kern der jüdischen Art erfassen zu wollen. (Sombart). So hat vonseiten der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung die jüdische Geschichte doch eine starke Bereicherung erfahren. Und doch merkt man dem inhaltsreichsten Buch, das hier in Betracht kommt (Caros Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden) an allen Ecken und Enden an, daß sein Verfasser Wirtschaftsgeschichte treibt, soweit sie Juden betrifft, nicht aber jüdische Geschichte von der Seite der Wirtschaftsentwicklung her. Er stellt seine Forschungsergebnisse säuberlich nebeneinander, gebt aber an den eigentlichen Problemen, der jiid. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden (z. B. an dem Kernproblem, wie und warum das Vordringen des Christentums im frühen Mittelalter in West- und Mitteleuropa und im späten in Südeuropa die wirtschaftliche und soziale Stellung der Juden ständig verschlechtert) mit erstaunlicher Ahnungslosigkeit vorüber. Der Grund hierfür ist der: er hat als Gelehrter die historischen Quellen zwar gekannt, sie zu Quellen tieferer Erkenntnis werden zu lassen, hat ihm aber die Wünschelrute gefehlt. Diese Wünschelrute ist: ein persönliches Verhältnis zum Stoff (in diesem Falle also zur Wirtschaftsu n d zur jüdischen Geschichte), ohne das eine große historiographische Leistung nun einmal nicht möglich ist. Man sagt von Mommsen, er habe die spätere römische Kaiserzeit deshalb nicht dargestellt, weil er keine persönlichen Beziehungen zum aufkommenden Christentum fand. Weil er sie aber zur Gracchenreformation z. B. (u. v. a.) hatte, deshalb ist deren Darstellung erfüllt von Geist und Blut. Nie habe ich öfter an Graetz gedacht als bei der Lektüre von Caros (sonst schätzenswertem) Buch. Unstreitig ist Caro der allgemein-historisch Gelehrtere, und es ist zu bezweifeln, ob Graetz, auch wenn er ein engeres Gebiet bearbeitet hätte, Kostiimfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 königl. bayer., königl. Württemberg , grossberzogl. badiseb© Hoflieferanten Bankkonto: K. Filialbank, München und Bankhaus Martini u. 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