Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Das Jüdische Echo Nr. 3 3. Staat. Die Kgl. Staatsregierung anerkannte schon in Friedenszeiten wiederholt die mißliche Lage der Reliigionslehrer und Kultusbeamten. Durch Überweisung der sogenannten Eriibrigungen aus dem Budget für den israelitischen Kultus an leistungsschwache Kultusgemeinden glaubte sie indirekt den Notstand mildern zu können. Leider verfehlt das Wohlwollen der Kgl. Staatsregierung seinen Zweck, den Beamten bringt sie keine Hilfe, die Gemeinden, auch* die leistungskräftigeren, zahlen nach wie vor die gleichen Hungerlöhne. Der Staatszuschuß — im heurigen Etat 13 000 Mk. — könnte bessere Verwendung als bisher finden. Viele Kultusgemeinden, die ihn erhalten, benötigen ihn nicht. Die Gemeinden, auch die kleinsten, sind nicht notleidend, ihre Beamten sind es. Diesen sollte deshalb der Staatsbeitrag direkt oder durch eine Hilfskasse zugeführt werden. Die entgegenstehenden, staatsrechtlichen Bedenken können ernstlich für die Dauer nicht aufrecht erhalten werden. Ebenso müßte die Kgl. Staatsregierung um andere Änderungen endlich einmal angegangen werden. Ist der Staatsbeitrag von 20 000 Mk. für den israelitischen Kultus bei den bestehenden Nöten schon an und für sich recht geringfügig, so steht er in gar keinem Verhältnis zu dem des katholischen und protestantischen Kultus, auch nicht zur Steuerleistung der Israeliten. Prozentual zur letzteren dürften vielleicht einige Hunderttausende in Betracht kommen. Würden aber künftighin nur 100 000 Mk. für den israelitischen Kultus eingesetzt — eine Summe, die doch wahrlich das bayerische Staatsbudget nicht aus dem Gleichgewicht brächte — so wäre damit sowohl der Notlage, als auch den dringenden Bedürfnissen des israelitischen Kultus längere Zeit Rechnung getragen. Es wäre nun Aufgabe der maßgebenden Faktoren, in angedeutetem Sinne herzhaft an die Kgl. Staatsregierung heranzutreten, um mit der Wiederaufnahme der Arbeit für die Revision des Judenediktes auch die Schaffung einer Hifskasse in die Wege zu leiten. Die zu bildende Hilfskasse müßte gemeinsam von dem Rabbiner-, Lehrer- und Landesverein, unter Aufsicht der Kgl. Staatsregierung verwaltet werden. Vielleicht erweist sich auch hier der Krieg als der große Lehrmeister, daß jetzt das große Hilfswerk gelingt, das unter den Segnungen des Friedens nicht zustande kommen konnte. Gottes Volk. Aus dem Schoße eines Zeitalters, das deir Geiste der Ewigkeit so fern war wie nur je eine Zeitepoche, erblüht ein neues, das wieder vom Odem Gottes durchweht ist. In denen, die noch vor kurzem nicht daran dachten, über die Grenzen einer materialistischen Weltordnung hinauszublicken, erwachte die Sehnsucht nach dem Leiter menschlicher Geschicke. Diese Entwicklung spiegelt sich mit besonderer Schärfe im Judentum des letzten Jahrhunderts: über die „Reform“ der Aufklärungszeit, die einem entseelten Judentum die Rolle eines Missionars der Völker zuweisen wollte, über die Zeit eines bloßen Nationalideales hinweg, gelangt eine von Tag zu Tag wachsende Schar jüdischer Menschen zum religiösen Erlebnis. Und nachdem sie selbst wieder den Hauch des Unendlichen gespürt, beginnen sie, nach dem Wege auszuschauen, der das gesamte Volk zu Gott zurückführen soll . . . Zu denen, die sich selbst als „Gotteskinder“ empfinden lernten und nun Verlangen tragen, das Glück dieser Empfindung dem ganzen Volke mitzuteilen, hat sich einer der feurigsten jüdischen Denker und Pfadfinder gesellt: Nathan Birnbaum. Birnbaum, der in Betrachtung der fortwährenden Entwicklung und Wandlung seines Wesens, die ihn immer wieder zu einem Andren macht, sich um dieses häufigen Anderseins willen selbst Mathias A c h e r nannte, hat alle Phasen der Entwicklung vom Nur-Nationalisten zum Verteidiger und Beschützer jüdischer Kulturwerte, zum Gottschauer und endlich zum Volkserzieher durchlaufen. In der Schrift, die er zum Beginn des neuen bürgerlichen Jahres in die Welt hinaussendet1) steht er, der einstige freudige Bejaher des Golusjudentums, er, der einstige Revolutionär und von Traditionsfesseln Befreite, wahrlich als „ein Andrer“ vor uns: als einer, der wider das Judentum die Anklage einer schweren Schuld erhebt, als einer, der sich im strengsten Konservatismus in die Herrschaft althergebrachter Formen zuriiekbegibt. Die Wandlung ist überraschend, und wenn sie wirklich die Grundvesten seines Wesens so erschüttert hat, wie er es heute empfindet, so muß sie, weit über die Person des Erlebenden hinaus, ihre Wirkung auch auf seine Zeitgenossen ausiiben. In einem „Erkenntnis- und Bekenntnis“-Kapitel berichtet Birnbaum von seinem Erlebnis Gottes: „Ich habe Gott nicht gesucht, wie man das heute so schön und so verlogen ausdrückt, ich brauchte ihn nicht zu finden. Er hatte sich in mir angekündigt und trat dann plötzlich in mein Bewußtsein ein. Unmittelbar erkannte ich ihn, den Vater und Urgrund aller Dinge, den Vorzeichner der Entwicklungen, den Urplaner und Urbauer.“ Das ist alles, was Birnbaum über sein Gotterlebnis sagt. Es ist nicht viel, und man darf weiteres von ihm verlangen; denn wer aus seinem eignen Erlebnis so starke Konsequenzen für die andren zieht, der muß den andren auch Einblick in den Vorgang selbst geben, muß den Wunsch haben, andre an seinem Erlebnis teilnehmen zu lassen. Statt dieses Bekenntnisses, dessen Schilderung vielleicht eine stärkere Wirkung auf die Mitmenschen haben würde als alle Mahn-, Weck- und Kommandorufe, rechnet Birnbaum in einem zweiten, „Heidenjuden“ betitelten Kapitel, mit denen ab, die gegen Gott rebellierten und laut den „freien Geist“ verbündeten. „Sie haben den Unterschied zwischen Gott, Göttern und Götzen aufgehoben“, suchen aber dennoch gelegentlich nach Gott als nach einer Sensation. Das Wort „Heidenjuden“ schleudert Birnbaum nicht nur den Assimilanten, sondern auch den Nationalisten, gewisser Klassen von Ostjuden ebenso wie den Westjuden entgegen. Diesen Heidenjuden stellt er „Gottes Volk“ gegenüber, und er meint damit — doch möge er selbst reden: „Was bedeutet diese ganze Heidenjudenhejt — Assimilanten, Nationalisten, Westjudenschaft und ostjiidische Abbröcklung _ gegenüber der Hoffnung, die Gott groß und sichtbar für mich und jeden, der sehen will, hingestellt hat — gegenüber den großen, gläubigen jüdischen Massen des Ostens?“ Diese Massen aber tragen noch an einer Schuld, an der Schuld, „daß der Alltag nicht inbrünstige Sabbathweihe empfing“, der Schuld, daß sie im genügsamen Bewußtsein ihrer Auserwählung auf den Messias warten, der ii gendeines Tages kommen soll. Fort mit dieser U „Gottes Volk“ von Dr. Nathan Birnbaum, E. Löwit Verlag Wien.