Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Das Jüdische Echo Nr. 1 Atmosphäre wahren Gedeihens schaffen. Wir begrüßen daher freudig diese Entwicklung, welche unter dem Einfluß gesteigerter Politisierung der Welt auch das jüdische Problem in das richtige Licht gerückt hat. Der Zionismus war sich stets bewußt, seine Forderungen im Namen des jüdischen Volkes aufstellen zu können. Niemals konnte ein Kenner der jüdischen Volksseele zweifeln, daß das uralte Palästinaideal von den Zukunftshoffnungen des gesamten Judentums getragen wird. Eine formelle Vollmacht konnten wir allerdings nicht aufweisen. Der Weltkrieg hat das jüdische Volk aus seiner Dumpfheit gerissen und es seiner Eigenart bewußt gemacht. Die Befreiung des russischen Judentums vom Joch des Zarismus hat der großen jüdischen Masse auch die äußere Möglichkeit gegeben, ihre Meinung öffentlich zu dokumentieren. Und überall hat die Masse in erster Reihe das tief in ihr wurzelnde Bedürfnis gezeigt, ihr Bekenntnis zum jüdischen Volke zu betonen, ihre Liebe zu Palästina, ihre Entschlossenheit, an den historischen Idealen des Judentums festzuhalten. Die Wahlen zum jüdisch - amerikanischen Kongreß, die unter dem Druck der öffentlichen Meinung erfolgte Einigung aller bürgerlichen und sozialistischen Parteien der russischen Judenheit auf ein jüdisch-nationales und palästinensisches Programm, das Palästinareferendum in Polen, das außerordentliche Anwachsen der zionistischen Organisation in allen diesen Ländern jüdischer Massensiedlung, die amerikanischen Millionensammlungen für Palästina, sind ebenso viele Beweise für die Stimmung des jüdischen Volkes. Das Vertrauen, das die jüdische Masse in die zionistische Bewegung als der zielbewußten organisatorischen Verkörperung ihrer Zukunftshoffnungen setzt, darf uns mit Zuversicht erfüllen. Es legt uns aber auch ernste und schwere Pflichten auf. Die täglichen Sorgen der Masse, ihr Kampf ums Dasein, ihre Angst vor der geistigen Entfremdung ihrer Kinder, müssen unsere Sorge, unser Kampf, unsere Angst werden. Neben der Arbeit für Palästina müssen mehr als bisher die Probleme der jüdischen Diaspora, die brennenden Fragen der jüdischen Eigenart, in den Vordergrund treten. Unsere Aufgabe wird es sein, alle diese Fragen im Hinblick auf das palästinensische Ziel , im Geiste eines wirklich zionistischen Nationalismus zu lösen. Das deutsche Judentum steht hier vor einer großen Aufgabe. Denn gerade ihm wird die Zukunft mit Recht die Verantwortung aufbürden, wenn die jüdische Frage in Polen, in Littauen und in Rumänien einer organischen Lösung nicht zugeführt werden wird. Und wir deutschen Zionisten haben die Pflicht, alles zu versuchen, um dieser Aufgabe, die dem deutshcen Judentum zugefallen ist, zu lösen. Mancher Anfang ist in den letzten zwei Jahren getan. Vieles bleibt noch durchzuführen. Zu den Widerständen von außen gesellt sich die Abneigung so vieler jüdischer Kreise in Deutschland, das polnisch-jüdische Problem in seinem nationalen Charakter zu begreifen. Wir bedauern auf das lebhafteste, daß die nationalen Wünsche der Juden in Polen gerade von deutsch-jüdischer Seite immer wieder durchkreuzt werden. Deutsche Orthodoxe und Liberale haben hier ein unnatürliches Bündnis geschlossen und führen — ohne es zu wollen — die Geschäfte kleiner, dem Judentum entfremdeter jüdischer Kreise in Warschau. In dem Augenblick in dem zum erstenmal im polnischen Volke sich ein leises Verständnis für die Bedürfnisse der Juden zu regen scheint, muß ernstlich vor dem Versuche gewarnt werden, dem polnischen Judentum eine ihm wesensfremde Entwicklung aufzunötigen. _ Das jüdische Leben hat in diesen drei Kriegsjahren eine schnelle und radikale Entwicklung durchgemacht. Krieg und Revolution haben der jüdischen Masse das Bewußtsein ihrer Eigenart gegeben und ihre Verbundenheit mit Palästina gestärkt. Der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung ist im entscheidenden Punkt beendet. In weiten Kreisen ist die Angst, Erfolge in der Gleichberechtigungsfrage durch offenes Bekenntnis zum jüdischen Volke zu gefährden, geschwunden. Die Entwicklung der Welt zur Demokratie und zur Anerkennung der Nationalitäten, die schweren Blutopfer, die die Juden überall willig gebracht, machen solche Besorgnisse wahrlich überflüssig. Das Verständnis für die politischen Zusammenhänge der jüdischen Frage ist mit der fortschreitenden Politisierung der Welt gestiegen. So mußte sich auch in vielen führenden jüdischen Kreisen der Widerstand gegen die palästinensischen und nationalen Aspirationen der jüdischen Masse abschwächen. Für diese Entwicklung sind Länder wie Amerika, Canada, Südafrika, England, Rußland, Italien charakteristisch. Es gilt für sie, wieder den Anschluß an das Gesamtjudentum zu finden. In den letzten vierzig Jahren hatte das deutsche Judentum in allen Fragen der jüdischen Gesamtheit, in der Auswanderungsfrage, in der Palästinafrage, eine führende Rolle gespielt. Es wird sich fragen, ob es die Fähigkeit haben wird, sich auf die veränderte Lage in der jüdischen Welt einzustellen und seine starken Kräfte auch weiterhin der jüdischen Gesamtheit zur Verfügung zu stellen. Wir Zionisten wollen unseren Teil dazu beitragen. M,ehr als je drängt die Zeit zur Einigkeit im Judentum. Die jüdischen Probleme sind klarer, der jüdische Wille ist eindeutiger geworden. Alle Voraussetzungen zur Zusammenarbeit sind gegeben. In Rußland und Amerika, den beiden größten Zentren des jüdischen Volkes, ist die Einigung unter dem Banner der Kongreßbewegung vollzogen. Wir hoffen, daß auch die deutsche Judenheit bald für eine solche Einigung reif sein und eine deutsch-jüdischen Verhältnissen angepaßte Kongreßbewegung sehen wird. Die Aufgaben, die dem deutschen Zionismus obliegen, sind gewaltig. Wir müssen aber große und bisher unbekannte Anforderungen an Ihre Arbeitsfreudigkeit und Opferwilligket stellen. Wir sehen aber die Saat aufsprießen, die wir in zwanzigjähriger mühsamer Kleinarbeit gesät haben, und wir dürfen hoffen, auch ihre Früchte noch genießen zu können. Dieses Bewußtsein mag uns über manche schwere Stunde hinweghelfen, die noch kommen wird und wird uns die Kraft geben, die Aufgaben, die eine schwere Zeit stellt, ehrlich und treu zu erfüllen. Resolutionen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland auf der Zentralkomiteesitzung. 1. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland spricht dem Aktionskomitee der Zionstischen Organsation ihr volles Vertrauen und ihre Anerkennung für die erfolgreiche Tätigkeit des Aktionskomitees aus. 2. Die Z. V. f. D. stellt mit besonderer Befriedigung fest, daß es dem Aktionskomitee der Zio-