Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 3 Rabbiner auch die „nicht politisierte, wirtschaftlich und politisch unreife“ polnische Masse begreift, und die Auslieferung der religiösen Organe an die Assimilanten durch das Kuriensystem. Das Schriftstück des Dr. Kohn wird durch Inhalt wie durch Form (es ist durchweg im „Wir- Ton gehalten), als ein Versuch gekennzeichnet, das Vorgehen der Herren des Landes, das vielfach im In- und Ausland auf schärfsten Widerspruch gestoßen ist, in allen Punkten zu rechtfertigen. Die Herren des Landes werden vielleicht ihrem Verteidiger hierfür den entsprechenden Dank wissen. Die polnischen Juden dagegen werden es als ein ganz besondres neues Unglück betrachten, daß es gerade ihr „Seelsorger“ sein muß, der ihre Behandlung rechtfertigt und für einen großen Teil ihrer Leiden ihnen selbst die Schuld gibt. Das Elaborat des Rabbiners Dr. Pinchas Kohn. Zur Kenntnis der polnischen Judenfrage gehört folgende Voraussetzung: I. Die Parteien innerhalb der polnischen Judenheit. a) Assimilatoren, ausgesprochen polnisch orientiert, religiös indifferent, politisch meist den sogenannten Progreßparteien angehörig, selbst dem revolutionären Rußland gegenüber nichtrussophil, Träger der polnischen Traditionen aus der polnischen Revolutionszeit von 1863 (ca. 5 Prozent der Bevölkerung). b) Die konservative Masse, bisher unpolitisch, nun durch mich politisiert und zwar im propolnischen Sinne. Ihr erstes Motiv ist immer die religiöse Frage. Sie ist der deutschen Verwaltung gegenüber der am besten oder leichtesten zu behandelnde Teil (ca. 75 Prozent). c) Die Nationalisten, auch Volkisten oder Jiddischsten genannt, erstreben nationale Anerkennung und Obstruktion, scharfer Gegensatz zu den Polen. Intransigenz und Sonderstellung gegenüber vielen Maßnahmen der deutschen Verwaltung, verfügen über eine verbreitete Presse im Revolverton (Prozentsatz nicht zu bestimmen). d) Die Zionisten mit den Misrachisten (orthodoxe Zionisten) neben Palästinaprogramm auch nationale Wünsche z. B. Hebräisch als Unterrichtssprache. Schwer zu behandelnder Teil, noch ohne politisch reife Führer (ca. 10 Prozent). e) Die sozialdemokratischen Parteien: aa) der Bund, ohne religiöses Programm. bb) Poale-Zion, zionistisch gerichtete Arbeiterpartei mit nationalen Forderungen. Außer diesen Parteien gibt es noch den sehr scharfen Gegensatz zwischen polnischen und litauischen Juden, letztere werden von den Polen als Russifikatoren betrachtet und als russische Provokatoren. Sie sind auch Vertreter der nationalen Forderungen und Gegenstand des Hasses seitens vieler polnischer Juden. Der Orthodoxe sieht in ihnen den skeptischen Freigeist, der Assimilator den Feind der Polen. Sie selbst hegen eine große Verachtung gegen den nach ihrer Meinung minderwertigen polnischen Juden. Der Litauer ist tatsächlich ganz Kopf und ein zersetzendes Element. II. Die früher freundlichere Stimmung der Polen gegen die Juden verkehrte sich mit der von russischer Seite bewußt inszenierten, starken litauischen Einwanderung ins Gegenteil. Sie erblicken in jedem russischen Wort eines Litauers eine Provokation. Als dann bei den Dumawahlen 1905 anstatt des polnischen Kandidaten der sozialistische Jagiello mit Hilfe der jüdischen Stimmen im die Duma entsandt wurde, trat Boykott und Antisemitismus in der schlimmsten Form auf. Die Geistlichkeit stellte sich an die Spitze der antijüdischen Kooperative (etwa Konsumgenossenschaft). Stärkere Beschäftigung mit dem Handel schuf polnische Mittelstandsbewegung mit stark antisemitischem Einschlag. III. Weil anfangs die Juden die einziehenden Heere als Befreier vom zaristischen Joche betrachteten. wurden sie von den Polen den Russen als Spione denunziert und es gab eine Reihe grausamster Exekutionen und Evakuationen. Hierin liegt eine Hauptquelle der jetzigen wirtschaftlichen Depression, weil das Eigentum der Evakuierten als Freibeute galt und heute noch etwa 60 000 Evakuierte in Wjarschau sind, die des Heimes und Herdes entraten. Die Rückkehrenden finden leere vier Mauern oder gar eine Trümmerstätte. Diese Situation fanden die Deutschen bei ihrem Einzug vor. Es gab anfangs eine Zeit, in der man glaubte, die Juden für deutsche Interessen reklamieren zu sollen. Eine Fortsetzung dieser Politik wäre unheilvoll für Deutschland und für die Juden geworden. Deutschland hätte auf alle Fälle den Schutz der fast drei Millionen Juden der polnischen Gebiete übernehmen müssen, aber das hätte zu starken innerpolitischen Reibungen in Deutschland geführt. Den Polen aber wären die Juden so verhaßt geworden, daß Sie schlechterdings in Polen nicht hätten leben können und Deutschland moralisch verpflichtet gewesen wäre, ihnen eine neue Heimat zu geben. Es wurde denn auch alsbald diese Politik verlassen, die ja ohnehin von den Polen als direkt polenfeindlich erachtet und stigmatisiert wurde. Als dann erst der Plan eines selbständigen Polens (etwa im Juli 1916) festere Form annahm, schlug die deutsche Politik in der Judenfrage eine Bahn ein, die juridisch zwar im Rahmen der allgemeinen Politik bedingt war, die aber trotzdem die allgemein menschlichen Gesichtspunkte niemals außer Acht ließ. Das Hauptprinzip war: wenn die Lösung der Judenfrage von Dauer sein solle und segensreiche Kostümfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 königl. bayer., königl. Württemberg-, grosaherzogl. badiaebe Hoflieferanten Bankkonto: K. Filialbank, München und Bankhaus Martini u. Simader, München. — Postscheckkonto: Nr. 3613 München. 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