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Das jüdische Echo · 1917-12-14 · 50 (14.12.1917) · p. Seite 542

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
50 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
Seite 542 (sequence 10)
Language
German
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542 Das Jüdische Echo Nr. 50 Mutter, kein Haus und kein Heim, kein Stückchen Brot und keinen Tropfen Suppe haben, daß keine Menschenseele sich um sie kümmert und daß sie hier auf der Straße liegen um zu verhungern. Das weggeworfene leere Stückchen Maiskolbe war das einzige, was die Kinder an diesem Tage zu essen hatten! Einige Häuser weiter, in einem anderen Winkel, lag der kleinste Bruder, ein Kind von 3 Jahren. Er lag ganz still, war schon zu schwach, um zu weinen. Und der große Junge erzählte uns, daß der Vater schon lange weg sei. im Krieg, und daß die Mutter gestorben sei und daß niemand da sei, der ihnen ein Stückchen Brot oder einen Platz zum Schlafen gäbe! Und wir erfahren, daß die Kinder Calderon heißen, und das klingt wie ein grausamer Spott, denn das ist der Name eines Dichters aus der glücklichsten und schönsten Zeit Spaniens. Wir richten die Kinder von der Erde auf, nehmen sie mit und finden noch eine offene Bude, wo wir ihnen Brot kaufen. Wie sie darüber herfallen, mit welchem Hunger sie das Brot verschlingen, das habt Ihr. Glücklichen, noch niemals gesehen! Und dann — gehen sie wieder in ihren Winkel an dem schmutzigen Haus und legen sich auf den Steinen schlafen —• denn sie haben ja kein Heim und kein Dach und keine Mutter, die ihnen ein besseres Lager bereiten könnte. — Wir aber setzen unseren Weg fort und finden an einem Abend auf einer kurzen Strecke 7 solcher verlassener Waisenkinder, verhungernd, frierend, halbnackt im Schmutz der Gassen liegen! Da ist alle Freude aus unserem Herzen verschwunden, das Entzücken über den herrlichen Sonnenuntergang, über den Anblick der Berge, die in Gold und Purpur schimmerten wie die Tore des Paradieses. Wir haben das Schrecklichste gesehen, das es geben kann; hilflose kleine Wesen, die auch ein Recht haben auf Sonnenlicht und Wärme, auf Trank und Speise, auf Liebe und Sorgfalt und die in Elend und Verlassenheit verhungern und verkommen müssen. Hunderte und Hunderte solcher Kinder gibt es in Jerusalem. Die wenigen Waisenhäuser sind längst überfüllt und sind derart, daß es die Kinder dort nicht viel besser haben als auf der Straße. Aber wir müssen ihnen helfen! Jerusalem muß ein großes Waisenhaus haben, das solche kleine unglückliche Ge- Panorama International ^^Caufingerstraße^W^^ Vom 16 mit 22. XII. Panorama I: Insel Java Panorama II: Schweiz NEU NEU HanilscliriiUeülung 10 Zeilen mit Tinte geschrieben und Geburtsdatum Hk. 9.00 per Nachnahme. Gebe auch Unterricht in Graphologie Therese Hilsenbeck, Tattenbach Straße 5/1, Flügelbau. LUITPOLD Q72uncfrG7^. SßpiGnnGFSip schöpfe aufnehmen kann. Und dazu sollt Ihr, meine kleinen Freunde, die Ihr im Geiste diesen Spaziergang, der so traurig endete, mitgemacht habt, beitragen. Ihr seid glücklich, Ihr lebt ohne Sorge und Not. So helft unsern armen Waisenkindern, soviel es in Eueren Kräften steht! Sammelt für ein Heim, in das wir sie unterbringen und ihnen Nahrung und Erziehung geben können! Veranstaltet jetzt zu Chanukkah überall kleinere oder größere Feiern, deren Ertrag für diesen Zweck bestimmt sein soll. Eure Eltern, Verwandte und Freunde werden Euch helfen. Wie wird es schön sein, wenn jüdische Kinder draußen ein so großes Werk für die armen jüdischen Kinder hier in Erez- Irael, in Jerusalem ausgeführt haben. Und Ihr werdet alle mit allen Eueren Kräften und mit Liebe und Eifer an dies Werk gehen, nicht wahr, meine kleinen Freunde? Ich sende Euch allen meine herzlichsten Zionsgrüße. Eure Dina Clemence Mayer. Zur Lage der russischen Juden. Von S. Abramowitz (Mendele Mocher Seforim), Odessa. Folgender dem Odessaer jüdischen Blatte „Unser Leben“ entnommener Aufsatz des gefeierten Nestors der jüdischen Literatur ist äußerst kennzeichnend für die berauschende Wirkung der Judenbefreiung auf die besten Söhne des Judentums in Rußland. Das Zurückdrängen der von der ganzen zivilisierten Welt in der letzten Zeit angeschnittenen Palästinafrage seitens solcher russischen Juden erscheint uns dennoch nicht ganz gerechtfertigt. An meine lieben Juden und Bürger des großen befreiten und die Welt befreienden Rußlands! Bei der Betrachtung euerer Lage während der Befreiung von der gräßlichen jahrhundertelangen Knechtschaft und der großen Gefahr, die nach der Befreiung besonders über euch, jüdische Kinder, geschwebt hat, kommt mir unwillkürlich ein Vergleich euerer jetzigen Lage mit der Lage der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten, da ihnen die Gefahr drohte, wieder in die Hände ihrer Feinde zu geraten, wieder Knechte zu werden und aufs neue in das Joch gespannt zu werden. Ich SQhe in Gedanken lebhaft das Bild jener Zeit: eine Landschaft mit kämpfenden Truppen; ein rauschendes Meer, das vom Geschrei und Geheul tausender von Menschen übertönt wird. Da wimmelt es von Juden, die miteinander streiten und sich wie verrückt gebärden. Ein niedergeschlagens, verkrüppeltes und abgehärmtes Volk, das jahrhundertelang in tiefster Sklaverei schmachtete, steht wie eine scheue Schafherde mit gesenkten Köpfen und in Verzweiflung gefalteten Händen. Sie spähen nach einem Fleck, wohin sie sich flüchten und ihr Leben retten könnten, aber vergebens ist ihre Mühe. Vorn das Meer, hinten im Rücken stark bewaffnete Heerscharen, beritten und zu Fuß, die mit Spieß und Bogen den Juden nachstellen. Ein Tumult, ein Gewirr und Gemurr ringsumher. Das Volk flieht kopflos nach allen Seiten. Da ertönen einige Stimmen aus der Menge: Soll dieser unser Führer sein? Ans Meer hat er uns gebracht. Sag uns nun, Rabbi Mosche, wo

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