Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 540 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Das Jüdische Echo Nr. 50 mit Recht unter dem Verdacht der Reaktion; was ein furchtbarer Schaden ist. Hier ist es, daß der Gedanke des Zionismus eingreift, und ihm kann die staatsbürgerliche Lösung nicht die rechte sein. „Wir wollen,“ lese ich bei einem Zionisten, „die Rettung unseres bedrohten Volkstums.“ Aber nur allzugut weiß er ja. daß es nicht zum wenigsten durch die Assimilation bedroht ist; und zwar sowohl durch ihre halbschichtige Abart, die da sagt; wir werden Gold in die Kasse zahlen, Zeitschriften und Vereine gründen, damit andere nach Zion wandern; als durch die schnelle, oberflächliche, streberische, die auch den deutschen Juden schlecht bekommt; die Sanatorien wissen ein Lied davon zu singen. Es läge durchaus in der Konsequenz des Zionismus, wenn er die polnische Grenze gegen Westen dichter wünschte, als der staatsbürgerliche Gedanke es darf. Aber dann hätte er ein Recht, mit Nachdruck daran zu erinnern, daß die Deutschen, als ihre Heere polnischen Boden betraten, ein Versprechen gegeben und eine Verpflichtung auf sich genommen haben; und daß beide, Versprechen und Verpflichtung, weder durch den Untergang des Zarentums noch durch die Errichtung eines selbständigen Polens in Wirklichkeit gelöst oder gar hinfällig geworden sind. Das Wort eines Volkes, in solcher Schicksalsstunde gegeben, verträgt kein Drehen und kein Deuteln. Wagt man die relative Abschließung der polnischen Juden — ein Wagnis auch im kältesten politischen Sinn —, so kann nur eine mit ungeheurem Ernst gemeinte Sorge und Hut den Eingriff in das Staatsbürgerliche ausgleichen. Eine über die Kultusgemeinde hinausgehende Selbstverwaltung wäre zu fordern, mit einem Minister für die jüdischen Angelegenheiten (das hat es schon einmal gegeben); Schulen wären zu gründen; Hausindustrien zu schaffen; Versuche innerer Kolonisation mit Hilfe deutsch-jüdischer Ackerbauer zu machen; und mit allen sonstigen Mitteln ein Leben zu fördern, das aus sich selber spielte und seine Talente für sich selber zu Wachstum und Fruchtbarkeit gewönne, statt, wie jetzt, sie zum größeren Teil zu verlieren. Ist soviel guter Wille bei irgendeiner Staatsmacht zu träumen? Ich fürchte: nur zu träumen. Wenn aber eine derartige Lösung versucht würde, und wenn sie gelänge, so würde trotzdem der Zionismus sich wieder gestehen müssen, daß sie nur partiell sei, wie die in Palästina. Und wenn er dann erst recht, erst richtig nach seiner Einheit begierig wäre, wo fände er sie? Nicht im Volk; das lehrt ihn die nicht aufzuhebende Zerstreuung. Nicht in der Rasse; denn die ist eine natürliche des Lebens, wie andre, und kann sein geistiges Ziel nicht sein. Bei Carolath gibt es eine Linde, die mit dem Wipfel in den Erdboden gepflanzt und mit dem Wurzelstock in -den Himmel' gestellt wurde: sie wuchs und treibt Blätter, aber ihre Krone ist ein schlangenknotenwidriges Geflechte und ohne Ähnlichkeit mit der grünen Wolke des ehrlich gewachsenen Baums. Keine natürliche Bedingung des menschlichen Daseins kann ungestraft zu seinem Ziele gemacht werden; alles, was gegen dieses Gesetz sich unterfängt, ist schlechter, schlecht verkappter Materialismus. Mögen wenigstens die neumodischen jüdischen Chamberlains sich das gesagt sein lassen. Und so bleibe als drittes nur die Religion; und damit hat die Politik ein Ende. Es ist der Zionismus, der diese Forderung stellt, und der sie nicht etwa als schon erfüllt ansehen kann. Ihm kann Religion nicht genügen als das ethnographische Gebilde, das wir kennen; nicht als die ästhetische Befriedigung, die sich mit frömmelndem Augenaufschlag einfindet, daß es doch so schön und erhaben und jeder Verdauung förderlich sei, zu glauben. Die Einheit der Juden durch, Religion, die aus der Mahnung des Zionismus folgen muß, liegt nicht in der Vergangenheit; sie ist eine Aufgabe; eine Aufgabe auch als Form, — vielleicht als Kirche. Die Rabbinerkonferenz in Warschau. Vom 3. bis 6. Dezember fand in Warschau eine Konferenz der polnischen Rabbiner statt, an der über 126 Rabbiner, Vertreter von größeren polnischen Gemeinden teilnahmen. Bei Eröffnung der Sitzung erschien im Saal der Vertreter der polnischen Regierung, Vizemarschall M i 1 u k o w s k i- P’o m o r s k i, zu dessen Begrüßung der Radomer Rabbiner eine Ansprache in polnischer Sprache hielt, worauf die Konferenz eröffnet wurde. Milukowski-Pomorski, als Direktor der Abteilung für Religion und Bildung, dankte für die Begrüßung und erklärte, daß er vom polnischen Premier-Minister bevollmächtigt sei, auf der Konferenz die polnische Regierung zu vertreten, die einen besonderen Wert auf die Regelung der Judenfrage in Geist und Form legt und eine beiderseitige Verständigung im Interesse der gemeinsamen Ziele des Reiches anstrebt. Solange das polnische Reich paralysiert war, konnte es nicht wie andere Kulturländer die Judenfrage regeln. Aber der Morgenstern, der jetzt an dem politischen Horizont aufgegangen ist und auf das polnische Reich herableuchten wird, muß alle Bürger ohne Unterschied der Religion erleuchten. Alle Bürger müssen an der Stärkung des polnischen Reiches und der Verwirklichung seiner Ideale mitarbeiten. Auf eine weitere Begrüßungsrede des Kalischer Rabbiners erwiderte der Regierungsvertreter, daß die polnische Regierung in direkte Beziehung zu den geistigen Führern des jüdischen Volkes zu treten wünsche ohne jegliche Vermittlung abseits stehender Persönlichkeiten. Nachdem Milukowski-Pomorski unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, wurden weitere Begrüßungsreden von einigen Rabbinern gehalten, worauf die Vorstandswahlen zum Präsidium vorgenommen wurden. Als ein Antrag zur Ernennung der Rabbiner Kohn und Karlebach zu Ehrenpräsidenten einge- FREY & Co. Bankgeschäft München, Residenistraße 3 _ _ (Eingang Hofgraben) Tel. 27946 Erledigung aller ins Bankfach einschlägigen Geschäfte