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Das jüdische Echo · 1917-12-14 · 50 (14.12.1917) · p. Seite 538

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
50 (14.12.1917)
Date
1917-12-14
Page
Seite 538 (sequence 6)
Language
German
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538 Das Jüdische Echo Nr. 50 aber wäre für das deutsche politische Interesse eine zionistische Kolonie dort immer noch ein Vorteil; ein kleiner, vielleicht ein winziger Vorteil, doch ein Vorteil; denn es wäre in die englische Kette immerhin ein Element von wahrscheinlicher Unruhe eingeschaltet. Es scheint mir nicht einmal allzu phantastisch, sich vorzustellen, von welcher Art die Unruhe sein würde: von der religiösen. Der Boden, der mehr als einmal geborsten ist, könnte leicht wieder trächtig werden; und durch christliche Sekten. Islam und zionistisches Judentum, zwischen denen es kochen wird, könnte noch einmal der synkretistische Sturm fahren. Eine politische Gefahr würde das immer nur für eine Macht bedeuten, die eine geographische Kontinuität ihrer Herrschaft zu bewahren hat; für keine andere. Aber England wird nicht in die Lage kommen, sein Geschenk zu machen. Denn ein Geschenk wäre es doch, nicht wahr? wenn es auch Narren gibt, die von einem Recht der Juden auf Palästina reden; als ob sie das Land nicht durch dieselbe Macht verloren hätten, durch die es gewonnen war, nämlich durch Krieg, Raub und Eroberung. Ein Geschenk in jedem Fall, würde es aus Englands, des alttestamentarischen, bibelfesten Englands Hand, zu einer Parodie seiner selbst. Und das wissen die Zionisten bei uns, wahrscheinlich aber auch die in Amerika; sie wissen, daß die Entwicklung, auf die sie hoffen, nur unter dem Halbmond soviel idelle Freiheit gewinnen kann, wie ihr großer Gedanke braucht und verdient, mögen auch die materiellen Bedingungen für eine Weile noch gedrückt und gefahrvoll sein. Es ist sehr gut, daß der Krieg den Zionismus mit politischen Versuchungen bedrängt hat. Nichts kann ihm förderlicher werden, als daß er sich immer deutlicher bewußt wird, etwas Praktisches, Gestalter eines Stückes Leben, bedingt, begrenzt zu sein und nicht dazu da. ein Weh und Ach aus einem Punkte zu kurieren. Ich rechne es nicht hoch an, daß er dadurch auch einer gewissen überfeinen Kritik ledig wird, die ihm romantische Rückständigkeit vorwirft. Immer wo etwas getan wird, sind auch die Leute nicht weit, die hoch darüber hinaus sind und doch so hoch leider nicht, daß sie ihres erhabenen Weges gingen unbekümmert um die sich in der niedrigeren Region Abmühenden. So gibt es unter Juden freie Geister, die den Zionismus als einen Verrat am selbigen, von Staat und Volk und ähnlichem Gespenstwesen freien Geist zu verachten und zu. verhöhnen wissen. Wären sie nur recht von allen Fesseln frei! so würden sie auf die Fessel nicht speien. Aber sie kommen mir vor wie ein Mensch, der einmal dem Düngen und Pflügen und Sähen und Mähen zusieht und aller sonstigen Mühsal, bis das Korn zu Mehl und das Mehl zu Brot wird: er zuckt die 1 IKgl ‘Bayer. ‘Porzellan* I 1 Pllanufaliur ‘Rymphenburg | g ffauptniederlage <T7{ünchen: Odeonspfat; 1 g 9 I 3 iKunstu. ßuxusgegenstände, Tafe[*, bessert», jg W ‘'Kaffee* u. Teegeschirre, Figuren, Gruppen eie. £ Bnacf affen Hympüenburger Original- IKodeffen. ff Außerdem neue Formen und Flodette nach GnU ® würfen erster Flünchner GCünstfer. g Achseln, er weiß es besser, man braucht nur in den nächsten Bäckerladen zu gehen und kauft eine Semmel. Wie manche Gedankenwelt, bestrickend, unentrinnbares Netz, solange das Buch aufgeschlagen ist, versinkt in den Abgrund, so wie es zugeklappt wird! Denn die Natur und die Not sprechen dann sogleich wieder ihre vernehmliche, weise und unwiderlegbare Sprache, mächtiger als die des edlen Müßigganges der Gedanken, geschweige des unedlen. Der Zionismus, Urbarmachung eines Stückes Erd- und Menschenboden, Arbeit, Entsagung, Hingebung, Vertrauen und verschwenderische Saat in die Zukunft, — es gehört schon die grinsende Verwesung dazu, andere Gefühle gegen ihn zu haben und zu erweisen, als die der bewundernden, verehrenden, helfenden, nacheifernden Teilnahme. Aber freilich, nur als Tat ist der Zionismus ein vollkommener — Gedanke. Insofern er Weltanschauung oder Philosophie oder Religion sein will, gibt es eine einzige kleine Tatsache, die jeden, der nicht viel Zeit hat, der Mühe überhebt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es ist dieselbe Tatsache, die ihn zu einem praktischen, einem politischen Ding macht; die nämlich, daß er fragmentarisch bleiben muß. Brod führt eine Schätzung von Ballod an, wonach die Gesamtkapazität Palästinas (an Menschen) ungefähr sechs Millionen betrage; er hätte — fast bin ich versucht, zu sagen: ehrlicherweise — hinzufügen müssen, daß andre Schätzungen weit niedriger greifen; Prof. Philippson, zum Beispiel, glaubt sogar, daß noch für lange Zeit die ganze Türkei nicht was Rechtes an ackerbauenden Menschen werde aufnehmen können, und um solche handelt es sich dem Landbesiedelnden Zionismus zuerst. Aber selbst die sechs Millionen Professor Ballods angenommen, so sind sie noch nicht die Hälfte aller Juden; da sie sich in eigenen Sitzen mindestens so stark vermehren werden, wie in russischen Pogrom- und in polnischen Elendsbezirken, so wird aus Palästina auch wieder ausgewandert werden; es ist des Golus kein Ende. Über das Dilemma des kleinen Landes und der zu großen Menschenanzahl hilft kein Brückenschlag hinweg, am wenigsten ein jüdisch-imperialistischer Traum. Näher kommt den voraussichtlichen wirklichen Verhältnissen die Anschauung*, daß in Palästina sich ein vorbildlich vorbildendes Muster jüdischen Lebens, die viel gesuchte innere Einheit des heute nicht nur äußerlich unendlich zerklüfteten Judentums ausformen werde. Doch auch dann wird alles auf die nachbildende Kraft und den Willen der in der Welt zerstreuten Juden ankommen; und es bleibt dabei, daß der Zionismus zwar für einen, den kleineren Teil der Juden das Problem löst, es für den größeren aber verschärft. Auch dieses ist ein nicht hoch genug zu schätzender Vorteil, und rechnet zu den Verdiensten des Zionismus. Er ist damit das Gegenspiel zu der anderen Verschärfung, die durch den Krieg und durch einige seiner politischen Folgen gemacht wurde. Als unsere Heere Polen eroberten und sich ausdrücklich, mit Worten der Selbstverpflichtung, als Befreier bekannten, fühlten die deutschen Juden, daß ihre Lage ein neues Gesicht bekommen könnte; und einige fühlten es, man mag es verachten (ich tue es trotzdem nicht), mit Beklommenheit. Sie wußten sich assimiliert in Kleider- und Lebenstracht, und nicht zum wenigsten durch ihre geringe Zahl, ein knappes Prozent der gesamten Bevölkerung Deutschlands. Nun schien mit einem Schlage ■i ' ’i

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