Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 537 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 537 Ute lUjfinriiK Ifibifdit iiraitlifnliims „Sit)nnrf-3rtirti“ in ittuMm örgonifotioit rein europiüfd) 3f olterpuf er für Slnftechenbe ©efcfjäftsleitung: Frankfurt a 3Jt. <J)öd)fte Sliterkettitung aller SJeljörbett Sßoftfdiec&fumto 3?r. 7785 3rhft. o. 3)1. 3lufnaf)tne unterfdjiebslos für 3Ule #ült fid) für geroiffenijofte Uebernafptie non Stiftungen empfohlen! betten — 3immer — So^rgeit — ©ebenfctofel -- Stiftungen. 50lon forbere bie 33ebingungen ein. Briefe gu rieten nod) 3töberhergn)eg 63 den zu ziehen sein, und solche werden morgen zu Machtgrenzen, und diese wiederum, übermorgen, zu neuen Rechtsgrenzen; denn zwischen allem, was Staat und dem Staate ähnlich ist, gibt es nichts anderes als Gegnerschaft, als wovon Freundschaft und Feindschaft nur die nach den Umständen wechselnde Erscheinung sind. Selbst wenn der Zionismus sich ganz und gar und mit unbedingter Ausschließlichkeit religiös besänne und ein Mönchstum, ein Berg Athos zu sein begehrte, so würde seine Niederlassung eine politische Seite haben, die er als solche, als eine politische betreiben müßte. Ich verstehe nicht, warum er sich dagegen innerlich sträuben sollte; ich hoffe, er verträgt die Säkularisation; es scheint mir, daß man andernfalls nicht an den Ernst seines Glaubens glauben, sondern an dem Ernst seines Willens zweifeln müßte. „Wer nach den neuentdeckten Inseln fahren will, nutzet die Winde, wo sie wehen,“ sagt Florian Geyer. Gerade weil für die Stellung der Juden nicht klar und einfach aüszumachen ist, ob der Begriff der Rasse oder der Nation oder der Religion oder eine Mischung davon zu irgendwelchen Teilen sie bestimmt, ist alles willkommen zu heißen, was dazu zwingt, die zarten Dinge praktisch zu nehmen; im Praktischen ist alles Unfaßbare sogleich faßbar, und praktisch und politisch — ist Maus wie Mutter, wie man’s heißt. Etwas anderes wäre es, wenn die Einstellung des Zionismus in die. Politik nicht sowohl prinzipiell, als in der gegenwärtigen Zeitlage heikel empfunden würde; für Menschen, auf die ohnehin unfreundlich auf gepaßt wird, als eine Verlegenheit darum, weil die vorausgesetzte Einheit der Juden inmitten der einander bekriegenden Völker — wie andere die Grenzen überfliegenden Einheiten, zum Beispiel in der Religion — einstweilen mit leidlichem Vertrauen hingenommen wurde, in dem Augenblick aber höchst verdächtig werden konnte, wo sie von einer der beiden gewaltigen Parteien politisch angespannt und ausgenutzt zu werden drohte. Was aber hülfe in diesem Falle, den Kopf in den Sand zu stecken? Man muß ihn vielmehr nun erst recht erheben, schon weil das die des Kopfes einzig würdige Haltung ist. Ich weiß nicht, ob es meine Kompetenz verstärkt oder erschüttert, daß ich nur so ein Zionist in partibus bin, aber allerdings einer bin, solange ich denken kann und ehe das Wort an mein Ohr schlug. Jedoch nicht von weitem wurde mir das zum Widefspruch, nicht einmal zur Beunruhigung des Bewußtseins, daß ich auf deutscher Erde geboren bin und daß mir alles, was ich zu vernehmen imstande war, die deutsche Sprache gesagt hat; selbst dann nicht, als der gehässige Leichtsinn der Schule das noch wehrlose Gefühl hiätte entzweien können. In meiner Kindheit waren wir, die einzige jüdische Familie im Ort und nach der Strenge des Ritualgesetzes uns verhaltend, in unsere christliche, deutsche Umgebung vollkommen ein- und hineingelebt durch unsere jüdische Gegensätzigkeit, nicht trotz ihrer. Ist das mein besonderer Fall, so kann ich nichts wider ihn; ist er heute nicht mehr möglich, so trägt die Schuld daran nicht etwa eine neu erstandene Strenge der Idee auf beiden Seiten, sondern die Vergröberung, ja der Zufall alles Anonymen, Ruhesamen im Gemüt. Aber ich glaube das nicht; sondern vertraue darauf, daß mancher Jude mich hier versteht und nicht minder ein deutscher, der sein Volk belauscht hat und es wirklich, das heißt nicht bloß durch seine Repräsentanten kennt. Es ist nichts Unnatürliches darin, seine Bahn mit zwei Mittelpunkten zu laufen; einige Kometen tun es und die Planeten alle. Unvereinbar Scheinendes zu vereinen, darin besteht im Grunde das ganze geistige Geschäft; sind doch selbst das private, individuelle Leben und das der Gemeinschaft, auch der nationalen und auch sogar der religiösen, Gegensätze. Wie es keine Lage des Menschen gibt, die er sich nicht in Schande; keine, die er sich nicht in Ehre verwandeln könnte, so gibt es auch keine, die nicht Schwäche werden kann oder Kraft. Und so, als Jude deutsch „orientiert“ — um diese Redensart einmal zu gebrauchen, hier wo sie am widersinnigsten klingt —, habe ich den Zionismus von jeher auch als ein deutsches Interesse gedacht. Palästina, zugleich Vereinigung und Trennung, Brücke und Kluft zwischen Afrika und Asien, müßte, so schien mir, wenn es durch die jüdische Kolonisation von einem neuen Leben angefüllt wäre, genug, um einen neuen, gebürtigen Willen in die Welt zu setzen, mit zum Hindernis werden können, daß die beiden Ströme dr englischen Macht, der indische und der afrikanische, zusammenflössen. Wenn jetzt von Amerika her dem Zionismus rattenfängerisch gepfiffen wird, und wenn man damit etwas anderes will, als unbedenklich Unbedenkliche ködern, wenn man es also verhältnismäßig ernst und ehrlich meint, was ich auch „verhältnismäßig“ nicht glaube, so täuscht man sich. Nehmen wir einmal an, Amerika, das heißt England, vermöchte es, durch diesen Krieg den Zionismus in Palästina zu etablieren, so wäre es ja dazu doch nur imstande, wenn es in einem so hohen Grade siegte, daß es auch auf jede andre ihm beliebige Weise Palästina in seine weiten mazedonischen Pluderhosen stecken könnte. Dann