Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 50 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 535 Müttern und Schwestern an, indem sie — zuerst in toller Hast nach einem trockenen Brotbissen für sich und ihre Nächsten — ihre Frauenehre preisgeben und das bisherige Sanktuarium des jüdischen Lebens verpesten. Alles dies, währenddem die jüdischen Söhne in der Feuerlinie sich verbluten und allerhand Auszeichnungen erringen, indem sie mit Heldenmut und patriotischer Selbstverleugnung gegen ihre eigenen — ach wie oftmals! — Brüder — „aus dem Feindeslager“ losschlagen. Zur selben Zeit aber sammeln die Christlichsozialen und Deutschnationalen, unterstützt von den polnischen und israelitischen Klubgenossen des Dr. Banas und Wiites aus dem Polenk'"b, Materialien gegen die jüdischen Drückeberger und Hochverräter, Krieg'siwucherer und Heeresftieferanten... Und dennoch! Es genügt, einen beliebigen Ausweis der Nationalfondsspenden zu überblicken, um zu ersehen, daß der Glaube an ein besseres Morgen noch stärker ist, als die Verzweiflung von Heute. So gibt der Mann, dem es geglückt ist, aus seiner Verbannung nach dem Familienherde zurückzukehren. seiner Freude Ausdruck, indem er für die der Vorbereitung unseres jüdischen Heims dienenden Institutionen Beträge zuweist; die Hinterbliebenen ehren das Andenken ihrer am Schlachtfelde gefallenen Angehörigen durch Pflanzung von Ölbäumen auf deren Namen in Palästina, und unsere Heroen in den Schützengräben senden bei jeder Gelegenheit — sei es bei persönlicher Auszeichnung, sei es aus Anlaß des Sieges unserer Truppen — kleine und größere Spenden für den Nationalfond: Dokumente unerschütterlicher Staatstreue aber gleichzeitig auch jüdischnationaler Begeisterung, in der sie dem unbändigen Rasen des blind dahinstampfenden Ungeheuers Krieg trotzig die Stirn bieten. Im Einklang mit dieser herrlichen Begeisterung bleibt auch die Liebe zur nationalen Idee, welche dort zutage tritt, wo die Ketten der Entrechtung gesprengt wurden und entweder — wie in den besetzten Gebieten Polens — der Freiheitsgedanke nicht mehr gefesselt wird, oder — wie im revolutionären Rußland — das Dichterwort leibliche Gestalt angenommen hat; „Und frei erklär’ ich alle meine Knechte!“ Eine Welle nationaler Kraft durchflutet allüberall dort den Organismus des jüdischen Volkes, Kulturvereine und hebräische Institute werden gegründet, Versammlungen und Konferenzen entfalten immer sichtbarer und immer stolzer die blauweiße Fahne. Flugschriften, Zeitungen und in Riesenauflagen gedruckte Reden zionistischer Anführer tragen den Gedanken der. Wiederaufrichtung Israels in die entlegensten Winkel des Reiches. Und wer sich heute Jude nennt, gibt diesem Gedanken — wie es in der polnischen Okkupation der Fall ist —• durch die Beteiligung am Plebiszit Ausdruck, oder rüstet sich — wie in Rußland — zum Juden-Kongreß, um sein nationales Bekenntnis der eigenen Regierung und der ganzen Menschheit gegenüber zu verkünden. — So können wir, gestützt auf diese Erscheinungen, die Behauptung wagen; Das jüdische V o k blutet und ringt um sein Dasein, aber d i e jüdische Nation ist erwacht und reckt ihre Glieder zu frischem Leben. Aus dieser Feststellung ergeben sich nun die Weisungen des „kategorischen Imperativs“ betreffs der Art und Form des einzuberufenden Juden-Kongresses in Österreich. Bei allem großen Verständnis für die Notlage der jüdischen Massen verkennen wir nicht den Umstand, daß diese Notlage — allerdings verschärft durch das Wüten der Kriegsfurie, — immerhin jedoch in den allgemeinen Bedingungen der Diaspora ihre Begründung findet. Und da kann eine politische Partei, wie es die zionistische ist, deren Grundtendenz auf dem Programme der Bekämpfung der Diaspora basiert, unmöglich einen jüdischen Kongreß beschicken, umsoweniger einen solchen vorbereiten, der den Märtyrern der Diaspora nicht auch zumindest einen Lichtblick aus der Finsternis des Golus zur Sonne der Freiheit vorzeigen würde. Wir selbst waren es ja, die das Volk gelehrt haben, nicht von Stunde auf Stunde, sondern nach dem Maßstabe von Generationen zu denken; und so geht es umisoweniger an, daß wir im jetzigen historischen Momente über die Forderungen des Augenblicks die Ewigkeitsideale unserer Nation übersehen könnten. Die tschechischen und polnischen Sozialdemokraten in Österreich, die deutschen Arbeiter in Deutschland, und die oppositionellen Gruppen in den Vierverbandsmächten schoben gleich zu Anfang des Krieges ihr Minimalprogramm beiseite, um den m a x Ü m a 1 e’n Nationalforderungen aller Nationalparteien zum Siege zu verhelfen. Ganz im Gegenteil müßten wir — nach den Vorschlägen mancher unserer „Einheitswerber“ — das Nationalprogramm wirtschaftlichen Erfolgen zuliebe ganz unterdrücken. Wobei wir jedoch 1— mit Rücksicht auf die herrschende Strömung von oben, wie auf die leider wohlbekannte Nachgiebigkeit der offiziellen „Stützen unserer Gesellschaft“, die ja ebenso an der Kongreßtagung wie an der daraus hervorzugehenden Vertretung (und übrigens auch auf Grund formalen Rechtes) ihre Machtstellung beanspruchen würden, uns keiner Täuschung darüber hingeben können, daß jene Erfolge zumeist bloß — Scheinerfolge sein dürften. 3Jtuncf}ner 0teuefte 0lad?rid)ten w,m.i IJm'WJlUAIWyWWl u •MiM/mia, (Profite,tägl.2mal erfdjeinenbe 3eitung ©üb* unt> 2)titte(beutfd)* lanb$. ^auffräffigerLeferfretä unf> über ©euhdjlunb^Orenjen f)inau$» geljenbe Verbreitung. ©rofserfauf» männ.u.get»erbl.©feflenmarft Slnerfannt fefjr erfolgreich für SInseigen aller SIrt. Slnjeigenpretö unb 2tad)lafi nach Sarif. Eejugfyreiö monajl. 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