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Das jüdische Echo · 1917-11-30 · 48 (30.11.1917) · p. Seite 516

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
48 (30.11.1917)
Date
1917-11-30
Page
Seite 516 (sequence 4)
Language
German
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516 Das Jüdische Echo Nr. 48 er sich einen Freund der Juden nennt —, den Gebrauch dieser „Postmarken“ verboten und ebenso die 150 Gendarmen, Dorf- und Stadtwächter, die ihm als Beginn einer eigenen Armee verdächtig schienen. Diese Haltung des Gaststaates ist für die Zionisten so gefährlich, weil sie neu ist, weil ihre fünfunddreißigjährige Arbeit sich auf eine Duldung aufgebaut hat, die, unter Abdul Hamid unausgesprochen. aber durch die korruptiven Mittel der alten Türkei faktisch erreicht, unter dem neuen Regime durch die allgemeine Freiheit und Gleichsetzung aller ottomanischen Völker garantiert wurde. Und jetzt, da sich der Völkerkrieg immer mehr auf das Problem der Nationalitäten zu vereinfachen scheint und die Inkongruenz des Bodens mit den darauf wohnenden Völkern ihre demütigenden und entrechtenden Wirkungen verlieren soll, gerade jetzt wird dieser kleinsten der ottomanischen Nationen Freiheit und die Möglichkeit fruchtbarer Entwicklung gefährdet, nachdem sie sich als staatstreu stets bewährt hat. Sind aber die Juden, die doch auch in Palästina keinen Staat bilden, noch bilden wollen, eine Nation? Sie sind ein Exponent davon. Denn von den fast 14 Millionen Juden, die seit den Tagen des Titus in allen Teilen der Welt, zu zwei Dritteln aber in Osteuropa zerstreut leben, sind bis heute nur 12 000 in diesen Kolonien, und diese sind auf P/2 v. H. der gesamten Oberfläche Palästinas angesiedelt worden, und zählt man dazu die 85 000 Juden, die neben 600 000 Arabern sonst dort leben, so muß man diese Zahlen, wenn man die Alten abrechnet, die nach Jerusalem gezogen sind, um dort zu sterben, auf 50 000, gegen 500 000 arbeitsfähige Araber modifizieren. (Auch in den letzten Jahren vor dem Kriege, in denen die Einwanderung zunahm, war nur mit einem jährlichen Zuwachs von 2000 bis 3000 Seelen zu rechnen.) Die Gefahr einer jüdischen Invasion kann dem türkischen Reiche um so weniger drohen, als jene Küstenstriche schwer bebaubar und die Kosten einer Niederlassung zu hoch sind, um dem Gros der auswanderndem Juden hier so schnelle und lockende Bedingungen zu eröffnen wie etwa in Amerika. Im Grunde müßte diese Einwanderung einem Staate viel eher erwünscht sein, dessen Menschenmangel zwar bekannt ist, dessen Zahlen aber die meisten Deutschen, selbst nach dreijähriger vielseitiger Aufklärung überraschen mögen. Oder weiß man bei uns allgemein, daß — nach der Statistik des hiesigen Ackerbauministeriums — noch nicht 9 v. H. der Oberfläche in der europäischen und noch weniger in der asiatischen Türkei bebaut sind? Daß in Palästina 27 Menschen, im Jordantale vier Menschen auf dem Quadratkilometer wohnen, während in dem bewässerten Teile des benachbarten Ägyptens sich 10 000 auf denselben Raum zusammendrängen? Wie Argentinien, wie Kanada ruft die Türkei nach Menschen. Unter allen, die hier einwandern könnten, treten die Juden als einzige ohne staatliche Erinnerungen auf, sie allein lassen im Rücken kein Gemeinwesen zurück. Ist aber an diesen Zigeunern der Kulturgeschichte nichts Staat, so ist doch vieles an ihnen und das Entscheidende Nation, denn wenn sich in diesen aufblühenden Kolonien Palästinas Juden aus allen Ländern treffen, so sind sie, indem sie den Fuß vom Bord des Schiffes setzen, das sie an den uralten Strand ihrer Väter trug, untereinander verbunden durch eine nur ihnen gehörige Sprache, durch eine unter ihnen eigentümliche Religion, Kultur, Literatur. Darum sind sie allein unter allen Nationen, die jetzt um ihre Anerkennung kämpfen, als Nation verwendbar, ohne als Staat zu stören. Sie allein unter denen, die jetzt kämpfen, oder den Kampf anderer zur Austragung ihrer alten Forderungen benutzen, sind in Wahrheit bereit, die Nationalität eines Schutzstaates anzunehmen, ihm alle staatlichen Pflichten zu erfüllen und doch dafür nichts zu fordern als Land, um es zu bebauen, und eine Stätte freier Duldung, auf der sie ihren Bräuchen und ihrer Sprache, ihren Künsten und Wissenschaften leben können, die sie sich, unter jahrhundertelangem Drucke, heimlich, befehdet, verachtet, im Innern des russischen Reiches erhalten haben. In ironischer Umkehr der Gedankenketten hat der Zionismus seine größten Freunde unter den Feinden der Juden, die sie in jedem Falle aus Europa weghaben wollen. Und bedenkt man, daß auch Christen aus reiner Sympathie für diese logische und fruchtbare Bewegung sich in ganzen Gruppen zu ihr bekennen, so erweist sie sich deutlich als ein Problem, das Semiten, Philosemiten und Antisemiten, das alle angeht, die die Völkerverschiebung von morgen verfolgen. Auch in solchem Sinn ist der Zionismus, der heut vom Kampf der Nationalitäten neue Impulse als Theorie empfing, in eminent praktischem Verstände ein europäisches Problem. Schon werden auf feindlicher Seite Bemühungen deutlich, sich dieser Bewegung zu versichern, die, durch ihre großen geistigen und finanziellen Verbindungen mit wichtigen Faktoren aller Länder, als eine Macht politisch erkannt, gebraucht, vielleicht mißbraucht werden soll. In Rußland hat die Revolution auch diese Denker und Organisatoren befreit und in einem halben Jahre die Zionisten verzehnfacht. In R o m hat der Papst, als Haupt der Christenheit, •Die „WIRKLICHKEIT” Deutsche Zeitschrift für Ordnung und Recht. Die „Wirklichkeit" ist die einzige politische Wochenschrift, welche von sich S’gen kann, daß sie schon mit dem Beginn ihres Erscheinens zu den angesehensten politischen Zeitschriften des deutschen Sprachgebietes gehörte. Die „Wirklichkeit" ist eine von allen Parteien und Interessenvertretungen unabhängige, nicht belehrende, sondern unterrichtende politische Wochenschrift. Sie sieht ihre Aufgabe darin, alle politischen Vorgänge und Entwicklungen zu Das Einzelheft kostet 50 Pf., der Bezugspreis des Vierteljahres beträgt M. 5.—. Man verlange kostenlos Probehefte beim Verla'’, München, Friedrichstr. 2. Bestellungen nimmt entgegen jede Postanstalt (Zeitungsverzeichnis München 1216 a), der Buchhandel und der Verlag Herausgeber: Karl Graf v. Bothmer, München, nehmen wie sie sind, den Sinn für das geschichtlich Gewordene zu pflegen und unser politisches Denken frei zu machen von allen ungesunden utopischen Einflüssen. Die „Wirklichkeit" hat sich in der politisch interessierten Welt heute schon einen sicheren Markt geschaffen und ist für jeden Staatsbürger, der die Kenntnis des politischen Lebens als unerlässlich begriffen hat, unentbehrlich geworden.

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