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Das jüdische Echo · 1917-11-16 · 46 (16.11.1917) · p. Seite 494

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
46 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
Seite 494 (sequence 10)
Language
German
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494 Das Jüdische Echo M*. 46 Der historische Jud Süß. Von Marie von Bunsen. Im Mittelpunkt von Stuttgart erhebt sich ein dunkles stattliches Haus. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts brannte dort ein „ewiges Licht“ zum Gedächtnis des ehemaligen Besitzers, des Geheimen Finanzrates Josef Süß Oppenheimer, Jud Süß genannt. Hier lebte er zwei Jahre lang in Pracht und Glanz, bewirtete an seiner erlesenen Tafel) Fürsten, Grafen und herzogliche Beamte mit ihren Frauen und Töchtern, ihnen gab er hier blendende Feste, beschenkte sie mit Juwelen. In der denkwürdigen Nacht vom 12./13. März 1737 nahm die Herrlichkeit ein Ende. Vielleicht befand sich die Stuttgarter Bevölkerung nie vorher und nie nachher in einer solchen Erregung, Auf das Bestimmteste erwartete man einen Staatsstreich, dieser würde, so flüsterte man sich zu, die alten Landesrechte aufheben, die uneingeschränkte Fürstenmacht einführen und sie, die überzeugtesten aller Protestanten, den Jesuiten übergeben. Die Anzeichen waren überaus bedrohlich; Truppen des bambergischen Bischofs harrten an der Grenze, Ludwigsburg war von Soldaten angefüllt, die jungen Prinzen hatte man fortgeschickt, in einem fort eilten herzogliche Läufer zwischen Ludwigsburg und Stuttgart. Der Bürgerschaft wurde das Waffentragen untersagt, ein Gesandter des Wiener Hofes unterhandelte mit Karl Alexander, wurde mit Festen gefeiert; die mit Vorstellungen kommende Deputation der Landschaft hatte soeben einen furchtbaren Auftritt mit dem bis zur rasenden Wut erzürnten Landesherrn erdulden müssen. So verordnete die Kirchenbehörd.e eine Buß- und Betwoche, den ganzen Sonntag über drängte man sich zum Abendmahl, wogegen auf dem Schloßdach von Ludwigsburg ein dem Herzog empfohlener Sterndeuter in einem weißen Hemd grauenhaft seltsame Beschwörungen verrichtete. Die Angst hatte am 12. ihren Höhepunkt, erreicht; unheimlicher Frühlingssturm tobte, bald brannte die Sonne, bald gingen Hagelschlo*sen hernieder, Stoßwinde rissen an Fenstern und Türen. In den goldverschnörkelten Sälen des Ludwigsburger Schlosses wurde dem österreichischen Reichsgrafen Palffy zu Ehren getanzt, Jud Süß, der allgewaltige Günstling saß am herzoglichen Spieltisch und verlor. Frühzeitig zog Karl Alexander sich zurück, er hatte sich eine Hofsängerin, eine seiner Geliebten kommen lassen und ließ sich vom Leibdiener den bei solchen Gelegenheiten üblichen Stimulanztrunk reichen. Dieser soll — absichtlich — in doppelter Stärke gebraut worden sein, der Herzog sank röchelnd, purpurdunkel, vom Schlaganfall betroffen, in seinen Lehnstuhl zurück. Kurz darauf erschien schlotternd bleich der Hofmarsch/all im Ballsaal, inmitten des Geigenklanges, des Knisterns der Brokatröcke schlug er mit seinem Stab auf das Parkett, rief: Der Herzog ist tot! Der Oberstallmeister von Röder und Jud Süß jagten im Hofwagen nach Stuttgart, um der Herzogin das Geschehene zu melden. Als Süß darauf das Schloß verlassen wollte, um nach seiner nahen Wohnung, eben diesem alten Herrschaftshaus, hinüber zu gehen, wurde er von dem wachhabenden Offizier verhaftet; unter starker Bewachung betrat er dieses Portal, über dem im Dachgiebel ein Türke einen abgehauenen Kopf an den Haaren hält. Süß hat damals schwerlich das Hoffnungslose seiner Lage erkannt, mußte sich jedoch des wahnwitzigsten Leichtsinns zeihen. Daß die württembergische Herrlichkeit ein Ende nehmen müsse, ahnte er, daß der Herzog, so sehr er ihn begünstigte und verwöhnte, trotzdem ihn nur ausnützen wollte, und ihn schonungslos eines Tages fallen lassen würde, mußte ihm klar sein. So hatte er auch immer einen zeitigen Rückzug geplant. Wertpapiere und Juwelen trug er im Hemd eingenäht. Noch hätte er sich von Ludwigsburg aus flüchten können, wollte jedoch in seinem Stuttgarter Palast retten und bergem Nun war er, der gehaßteste Mann im Land, schutzlos seinen Feinden ausgeliefert, und vor seinem Fenster schrie das Volk: Der Jud soll hängen. Josef Süß Oppenheimer war noch nicht 40 Jahre alt, war so vornehm gewachsen, so stattlich, so schön, ein so vollendeter Hofherr in seinem Auftreten, in seiner Sprache, daß man in ihm nicht den leiblichen Sohn des Krämers Isachar Süßkind Oppenheimer sehen wollte, ihm als Vater einen freiherrlichen Generalfeldmarschall gab. Dies ist unhaltbare Legende, immerhin war seine Mutter, die Tochter eines Frankfurter Vorbeters, ebenso reizvoll als leichtsinnig, und vieles in seinem Wesen läßt sich vielleicht eher aus der Mischrasse als aus der reinen Rasse erklären. Obwohl ungläubig, ein spöttelnder Genußmensch, hat er sich immer als Jude betrachtet, und als der Tod ihm entgegenstarrte, wandte er sich zu seinem alten Gott. Er war viel in der Welt umhergekommen, war ziemlich gebildet, von Jugend an gelang es dem anziehenden, gewandten Menschen, sich einen vornehmen Umgangskreis zu verschaffen. In allen Geldgeschäften, in den neuesten, gewagtesten Finanzkniffen jener Zeit war er mit allen Hunden gehetzt, Schlechtes ließ sich ihm anscheinend nicht nachsagen. Von dem zur Regierung gekommenen Herzog wurde er als willkommenes Werkzeug herangezogen. Karl Alexander hatte sich einen glänzenden Feldherrnruf erworben, war nach dem Prinzen Eugen der gefeiertste, fürstliche Heerführer seiner Zeit. Noch immer ein schöner Herr mit ebenmäßigen Zügen, mit langem blondem Haar, war er liebenswürdig und von guten Absichten erfüllt. Doch fehlten ihm alle Regierungskenntnisse, bedenklich stand er unter dem Jesuiteneinfluß und hatte selbstherrlichen Wahn. Geld mußte er haben, dazu war Jud Süß der Berufene. Obwohl bisher dessen Stammesgenossen sorgfältigst aus dem Lande ferngehalten wurden, zog er den Israeliten zu den Staatsgeschäften heran, verlieh ihm Titel und Ehren. Ohne ein eigentliches Amt, war Jud Süß Angelpunkt der Regierung, die ausführenden Beamten waren ihm ergeben, bereicherten sich ebenso gewissenlos, als er dies tat. In schamlosester Weise hat der Geheime Finanzrat mit seinen Helfershelfern während der nur drei Jahre dauernden Hferrsfchaft des Herzogs Karl Alexander das Land ausgeplündert, die Münze verschlechtert, das Recht gebeugt, in weitestem Maß bestochen, die Ämter verschachert. Als vornehmer Herr trat er auf, wirkte auf Männer wie auf Frauen stark durch seine Erscheinung, durch seine Umgangsformen. Er schenkte mit freigebigster Hand, verstand sich auf geschmackvollen Pomp. Herrisch und hochfahrend, eitel und stolz, umgab er sich mit einem Hofstaat; es war fast leichter, zu Serenissimus zu gelangen als zu ihm. Bestimmt erwartete er, geadelt zu werden, der Herzog hatte Schritte in Wien bereits eingeleitet. Trotz der vornehmen Ader verschmähte er aber nicht die kleinen Mittel. Mochte

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