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Das jüdische Echo · 1917-11-09 · 45 (9.11.1917) · p. Seite 489

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 489 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Das Jüdisch« Echo 489 §m Pöenmnc liiMfdje Iranlmtljauö iu letufttlm m7»fr Orgottifotio« rein europäifd) Sfolierpufer fürAnftechenbe ©efcfjäftsleitung: Frankfurt o. Al. #ödjfte Anerkennung aller 33el)örben spoftfdjecfcfconto 9tr. 7785 S'rkft. a. Al. Aufnahme nnterfdjtebslos für AIIe #ält fiel) für gerotffenljafte Ueberna^tne non Stiftungen empfohlen! betten — 3intmer — Soweit _ ©ebenktafel — Stiftungen. Alan forbere bie Aebtngungen ein. Briefe 3« ^ten nach Aöberbergroeg 63. Heinrich Gräiz. (Vortrag gehalten von Jakob Fränkel im Nationaljüdischen Verband München.) (Fortsetzung.) Der Ruf des Gelehrten hatte sich inzwischen so fest begründet, daß Dr. Frankl bei der Gründung des theologischen Seminars in Breslau ihn zum Mitarbeiter berief. Bei seinem Auftreten in Breslau verließ der erste Teil (der 4. Band) „Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart“ die Presse. Durch diesen Titel wollte er zugleich ankündigen, daß Plan und Umriß zu einer Gesiamtgeschichte in seinem Geiste feststehe, und daß er eben nur mit dem 4. Band, der „die Geschichte vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmuds“ behandelt, das erstgeborne Buch herausgebe. Anhänger der Reform wie der Orthodoxie setzten bald nach Erscheinen des Werkes mit einer scharfen Kritik ein. Nichtsdestoweniger hat die jüdische Wissenschaft damals in Grätz einen hervorragenden Forscher gewonnen, der über eine staunenswerte Gelehrsamkeit und Originalität verfügte. Seine Vertrautheit mit Talmud und Midrasch, wie nicht minder mit den Schriften der Kirchenväter, wußte er trefflich zur Geltung zu bringen, und wenn ihm vielleicht, wie die beiderseitigen Kritiker vorgeben, Verfehlungen und Vorstöße vorkamen, so änderte das doch nichts an der Tatsache, daß er Großes geleistet hat. Durch die Stellung in Breslau war seine Existenz gesichert und ihm in dem am 10. August 1854 eröffneten „Jüdisch-Theologischen Seminar“ in Breslau die erwünschte Lebensstellung gewährleistet. Trotz seiner Amtspflichten am Seminar konnte er eifrig das Werk fördern, das er sich als Lebensziel vorgesetzt hatte und das nun in regelmäßiger, ungestörter Folge seiner Vollendung entgegenging. Was es heißen will, ein solches vielbändiges Werk zu schaffen, kann ein Laie kaum bemessen. Drei Jahrtausende umspannende, über alle Erdteile sich erstreckende Geschichte des jüdischen Volkes von seinen Ursiprüngen bis auf die neueste Zeit herab hat uns Grätz klar gelegt. Er hat den richtigen Standpunkt, von dem aus der geschichtliche Verlauf des Judentums beurteilt werden muß, zwar nicht geschaffen, aber doch zuerst hergerichtet und durchgeführt; er hat allenthalben das Gesichtsfeld freigelegt, um die verschiedenen und vielgestaltigen Phasen dieses Verlaufs überblicken zu können. Jost hatte bereits 1820 mit einer „Geschichte der Israeliten seit der Zeit der Makkabäer“ begonnen und sie später fortgeführt; allein Jost hat, wie seine Kritiker äußern, voller Verehrung für das Römertum. von christlichen Anschauungen durchsetzt, sich gefürchtet, dem Judentum und dem Rabbinismus vollauf gerecht zu werden. Grätz war von derartigen Rücksichten und Bedenken durchaus frei; irgendwelche Furcht oder Scheu vor der Bildung eines Urteils hat er niemals gekannt. Wie klar sich Grätz bei seinem Plan, eine jüdische Geschichte zu schreiben, war, zeigt ein Vorfall, der sich im Hause des Dr. M. Sachs in Berlin abspielte. Dort traf Grätz mit Zunz zusammen. Der Hausherr stellte beide vor und bemerkte dabei, daß Grätz eine jüdische Geschichte schreiben wolle. Zunz erwiderte, anspielend auf verschiedene damals erschienene Machwerke, die sich jüdische Geschichte nannten, spitz: „Wieder eine Geschichte der Juden?“ „Allerdings,“ antwortete Grätz scharf, „aber diesmal eine jüdische Geschichte.“ Grätz hat nicht nur neue Quellen erschlossen, er hat den bereits erschlossenen nicht selten neue Gesichtspunkte abgewonnen. Er verstand es, wie Bloch in seiner Schrift über Grätz hervorhebt, jüdischen Berichten, die fast verblaßt schienen oder gar unglaubwürdig klangen, durch Aufspürung schwer erkennbarer Parallelen und Belege bei nichtjüdischen Schriftstellern den farbenfrischen Hintergrund oder die lebensvolle Wirklichkeit oder doch den tatsächlichen Kern zu rekonstruieren, und suchte bald mit mehr bald mit weniger Glück überall Mittelglieder und Ergänzungsstücke herauisizufinden und einzufügen. Als sein höchstes, von keinem anderen erreichtes Verdienst muß gerühmt werden, daß er durch sein gemeinfaßliches, hinreißendes Wort sich in alle Schichten seiner Glaubensgenossen Eingang verschaffte, iin ihnen daisi Btewußtseiin einer trotz aller Verfolgungen und Erniedrigungen ruhmvollen Vergangenheit wieder angeregt und den Glauben an die geistige Zukunft Israels neu geweckt hat. Er konnte den für einen jüdischen Schriftsteller seltenen Erfolg verzeichnen, daß sein Lebenswerk in kurzer Zeit vier Auflagen erlebte und ins Französische, Englische, Russische und — was uns am Wertvollsten erscheint — ins Hebräische übersetzt wurde, Grätz’s Forschungen als Exeget ließen ihn zu Resultaten kommen, die einen schneidenden Gegensatz zu allen landläufigen Begriffen bilden; diese Resultate wurden vielfach entschieden abgelehnt, ohne daß er sich in seinem weiteren exegetischen Vorgehen beirren ließ. (Schluß folgt.)

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