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Das jüdische Echo · 1917-11-09 · 45 (9.11.1917) · p. Seite 487

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
45 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
Seite 487 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 487 laufene Begrüßung, die von Dr. Tsehlenow und Dr. Jacobson unterschrieben war: „Wir begrüßen herzlich die zionistische Konferenz. Ohne Übertreibung können wir sagen, daß das ganze Judentum mit Liebe und Bewunderung auf die großzügige nationale Arbeit des polnischen Judentums hinbiickt. Inmitten der schwersten Leiden für das tägliche Brot errichtet das polnische Judentum unter den größten Gefahren und mit großer Aufopferung den zukünftigen Bau unserer Nation. Euere Konferenz ist der beste Be-, weis, daß dem polnischen Judentum als Kulturmacht noch beschieden sein wird, eine große Rolle in dem Aufleben des Judentums im Exil und in Zion zu spielen.“ Die Begrüßung wurde mit lebhafter Begeisterung aufgenommen. Der Gombiner Rabbiner kritisierte in seiner Rede die Beziehungen des Z.K. zu dem „Misrachi“. Nachdem sechs weitere Generalredner die Tätigkeit des Z.K. kritisierten, nahm Julius Berger, als Mitglied des Zentralbüros, das Wort zur Verteidigung des Z.K.; seine Ausführungen wurden beifällig aufgenommen. Auch Rechtsanwalt 01schwanger wies mit großem Geschick die Angriffe auf das Z.K. zurück. Dr. Gottlieb legte Vorschläge der Permanenzkommission zur Bildung von Ausschüssen für Palästinaarbeit, Kultur, Schule, politische, wirtschaftliche, philanthropische und politische Organisation, Propaganda und Presse vor. Darauf fanden die Wahlen für diese Kommissionen statt. Unter anderem wurde folgender Vorschlag mit einer kleinen Mehrheit angenommen: „In Betracht ziehend, daß das Z.K. unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten hatte, drückt die Konferenz dem Z.K. Dank und Anerkennung aus.“ Am dritten Tage wurde unter Vorsitz des Herrn Schalkowitz die Palästänafrage, dann die Schulfrage in längeren Referaten und darauffolgender Aussprache erörtert, ferner referierte Herr Weizmann über die jüdische Turnbewegung. Am vierten Tage wurde unter der Leitung des Herrn Weizmann die Sprachenfrage, dann Organisationsfragen behandelt, wobei es zu scharfen Auseinandersetzungen und Tumulten kam. Am fünften Tage gab Herr Minz einen Überblick über die Tätigkeit des Nationalfond'si, dann hielt Herr Gottlieb eine längere Rede über die Beziehungen des polnischen Staates zu den Juden. Die letzte Sitzung wurde der endgültigen Annahme der in verschiedenen Kommissionen ausgearbeiteten Resolutionen, sowie der Neuwahl der Mitglieder des Z.K. gewidmet. Die Notlage der jüdischen Bevölkerung in Warschau. Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen verschlimmert sich mit jedem Tage. Die bescheidenen Mittel, welche der jüdischen Bevölkerung im Momente des Kriegsausbruchs noch zur Verfügung standen, sind ganz erschöpft, und Leute, die vor dem Kriege über ein Vermögen von sogar 50—60.Tausend Rubel verfügten, sind jetzt ganz mittellos und müssen um Unterstützung bitten. Natürlich ist die Lage derjenigen, die auch früher durch gesellschaftliche Institutionen unterstützt wurden, jetzt, nachdem keine Mittel vorhanden sind, ganz hoffnungslos. Hungerkrankheiten, Epidemien, Typhus, Dissenterie, grassieren fürchterlich unter diesen Familien. Wie die hygienischen und sanitären Bedingungen in den Stadtvierteln, wo diese Leute wohnen, aussehen, kann man sich schwer vorstellen. Zwei bis drei Familien leben in einem Kellerzimmer, ohne Fußböden und ohne Ofen. Wenn ein Mitglied einer Familie erkrankt, ist sofort das ganze Haus mit seiner Einwohnerschaft von einigen Hundert Seelen bedroht. Aus Furcht vor polizeilichen Maßregeln werden epidemische Vorfälle der Polizei nicht angemeldet. Welche Folgen daraus entstehen, kann man sich leicht denken. An epidemischen Krankheiten Gestorbene bleiben bisweilen drei, vier Tage unter den Lebenden liegen, und auf diese Weise werden ganze Häuser infiziert. Es gibt hunderte und tausende von Familien, welche bei Ausbruch des Krieges 5—6 Kinder hatten, von denen jetzt nur zwei bis drei geblieben sind, von denen manche, infolge Mangels an Ernährung, nicht selbständig gehen können, sodaß 5-6jährige Kinder von den Müttern auf den Armen getragen werden müssen. Unter den Notleidenden befindet sich eine große Anzahl von Frauen und Kindern, deren Familienhaupt sich in den Reihen der russischen Armee befindet. Ferner gibt es viele Familien, bei denen die Männer oder Väter sich in Amerika oder in Rußland befinden und für ihre Familien nicht sorgen oder kein Geld schicken können. Die Industrie und der Handel haben aufgehört, viele Arbeiter sind brotlos. Zufolge Mangel an Rohmaterial sind auch die Handwerker jeder Möglichkeit enthoben, ihren Beruf zu betreiben. Die Mittelklasse, bestehend aus Grundbesitzern und Kaufleuten befindet sich ebenfalls in einer sehr kritischen Lage. Man kann ohne zu übertreiben behaupten, daß der jüdische Mittelstand ruiniert ist. Achtbare Leute, die sich schämen, von der Wohltätigkeit zu leben, verkaufen ihr Hausgerät, ihre besseren Kleidungsstücke und endlich sogar die nötigste Wäsche, um ihre Familie ernähren zu können. Es gibt viele Fälle, wo Leute, die bis zum Kriege in 5—6 Zimmern wohnten, jetzt außer einem Bette, Tisch und einigen Stühlen, alles verkauft haben und nun allen ihren Bestrebungen zum Trotz nach 3 Jahren qualvoller Entbehrungen doch gezwungen sind, sich an die Hilfskommission wegen kleiner U^erstützuneen zu wenden. Das Leid dieser Leute, bis sie sich entschließen, das erstemal eine Unterstützung zu fordern, ist unbeschreiblich. Die ungeheuere Not läßt sie jedoch immer mehr in materielles und moralisches Elend sinken, bis sie allmählich verlernen sich zu schämen und aus früher angesehenen und achtbaren Bürgern einfache Schnorrer werden. Dieser moralische Untergang ist vielleicht noch schrecklicher als der materielle. Von der jüdischen Bevölkerung in Warschau, bestehend aus ca. 340 000 Juden, leben jetzt 220 000 Am Samstag, den 17. November findet im Saale des Edenhotels ein Vortrag von Major F. C. Endres über: ““ e " ..C 9 statt. Eintritt frei. Karten für reservierte Plätze erhältlich in der Exped. dieses Blattes, Herzog Maxstraße 4. C/:$-/:.+C

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