Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 482 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138219--01745-9074569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
482 Das Jüdische Echo Nr. 44 m Ämritif Miiifdit ironltftiliaas j« Iftuftl« "V Qrgantfatton rein europätfef) Sfolierpuferfür3lnfte<fcenbe ©efdjaftslettung: ^ranhfuria.9)1. Stöchfte 3lnerhennung alter Q3et)örben Sßoftfcf)ec&&onto 9tr. 7785 3hfcft. a. 3tt. 3Iufnaf)ttte unterfdjtebstos für %l I e #ält fid) für gewiffen^afte Ueberna^nte non Stiftungen empfohlen! betten — 3itnmer — 3a^rgeit — ©ebenhtafet — Stiftungen. SDtan forbere bie $3ebingungen ein. Briefe p ridjtcn nad) 9tüberbergmeg 63 unabhängige Welt, als ob sie auf ihrem eignen Planeten stände, die Armut, der Schmutz, die Gedrücktheit sind Bestandteile der Gasse, die zu ihr gehören wie der Stickstoff zur Luft. Und innerhalb dieser Welt spiegelt sich nun das ganze bunte Theater des Lebens ab: hier gibt es Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Fromme und Gauner, Naive und Gerissene. In dieser bun-r ten Welt stochert der Dichter behaglich herum wie in einem Ameisenhaufen und freut sich der lebhaften Bewegung. Weil aber in ihm selbst eine Fülle von Weisheit, von Lebensfreude und ein grundgütiges Herz leben, darum werden ihm unter den Händen diese pfiffigen Gassenjungen, verheulten Weiber und gemütlichen Schwätzer zu Verkündern tiefster Weisheit, zu liebevollen Müttern und Anklägern wider die Selbstsüchtigen, darum vergißt man die Not und die Häßlichkeit dieser armseligen Welt und darf lachen mit jenem befreienden Lachen, das sogar dem lieben Herrgott noch „menschlicher“ erscheinen mag als alle Tränen des Mitleids. Ich weiß kaum einen zweiten, der sich und den Leser mit seinem Lachen so hoch über den Alltag zu erheben vermag wie Scholem Alechem — man müßte denn schon bis auf den alten Oliver Goldsmith zurückgreifen. Merkwürdig ist der Gegensatz zwischen dem christlichen und dem jüdischen Buch: das christliche deckt alle Schatten auf, die das Leben der Ghettomenschen verdunkeln und1 verneint diese Dunkelheit, das jüdische in seiner frohen Lebensbejahung sieht von der ganzen Ghetto weit nichts andres als die neckischen Sonnenfunken, die über all die grauen Gassen, verfallenen Häuser und zerlumpten, ausgemergelten Juden dahinhuschen. Helene Hanna Cohn. Feuilleton Jüdisches Theater. Von Hans Goslar, z. Zt. im Osten. Von dem Autor wird uns der nachfolgende Aufsatz über den „Verein jüdisches dramatisches Schauspielhaus in Wilna“, der in gekürzter Form mit zahlreichen charakteristischen Illustrationen in den „Zeitbildern“ der Vossischen Zeitung veröffentlicht wurde, im Original zur Verfügung gestellt. Jeder kulturhistorisch interessierte Kunst- und Theaterfreund; den Kfiegsschicksale in das Etappengebiet des Ostens verschlagen haben, wird es als ungeahnte künstlerische Bereicherung empfunden haben, wenn ihn ein freundlicher Zufall mit Aufführungen des „Vereins jüdischer dramatischer Schauspieler in Wilna“ bekannt gemacht hat. Die Begabung des Juden für die Bühne ist bekannt. Kein Wunder, daß unter den ostjüdischen Massen, in denen sich alle rassenhaften Eigenarten in einem durchaus eigenen Milieu in ganz anderer Weise ausbilden und entwickeln konnten, als bei den assimilierten und in ihrer Stammesart verwässerten Westjuden, selbst in kleinen Städtchen sich Gruppen zusammenfinden, die als „Liebhaber jüdischer Kunst“ volkstümliche jüdische Autoren, zuweilen auch jüdische Übersetzungen deutscher Bühnenwerke zur Aufführung bringen. Häufig kann man unter den Mitwirkenden junge Leute beiderlei Geschlechts von ursprünglicher und sehr starker künstlerischer Begabung finden, bei denen übrigens zumeist das Schauspielerisch- Künstlerische nicht etwa nur eine „Ader“, einen Einschllag in einem sonst geistig durchschnittsmäßig entwickelten Organismus darstellt, sondern eine in diesem Rahmen nicht exzeptionell, vielmehr durchaus harmonisch wirkende Teilerscheinung eines hochstehenden und schöpferisch begabten Intellektualismus wiederspiegelt. Stilechtes jüdisches Theater mit all seinen rassigen und milieuhaften Eigenarten in Reinkultur findet man vor allem in der Stadt, deren reges und von vielen Seiten befruchtetes intellektuelles Leben durch das Zusammenfließen verschiedener alter Kulturen ein besonders reizvolles Gepräge erhalten hat, und in der insbesondere jüdisches Geistesleben mit seinen Ausstrahlungen bis in die dumpfigsten Kellerwohnungen der engsten Gassen der Proletarier- und Armenviertel hineindringt, — in Wilna. In dieser Stadt, die unzählige architektonische Schönheiten mit einer beneidenswerten Lage an der silberhellen, jugendlich-übermütigen Wilja und einem widerspruchsvollen, vier Nationalitäten in sich vereinigenden Volksgewimmel glücklich vermählt, haben sich vor drei Jahren junge jüdische Idealisten zusammengefunden, um eine nationale jüdische Bühne zu begründen, die für ihre künstlerische Organisation sich das Idealbild des Stanislawskischen Moskauer Künstlertheaters als ragendes Panier aufgestellt hat. Wer vernimmt, daß der größte Teil der Mitglieder des Wilnaer jüdischen Theaters ohne fachtechnisch-bühnenmäßige Schulung ist, daß seine erste jugendliche Liebhaberin sogleich nach der Absolvierung des Mädchengymnasiums und nach einigen Liebhaberaufführungen sich zugleich mit den übrigen Vereinsmitgliedern der neugeschaffenen eigenen Bühne widmete, wird! ein skeptisches