Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 44 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- Seite 479 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 479 israelitischen Richtern gesammelt hat, sind sicherlich nicht derartig gewesen, daß sie ihn von der Beförderung jüdischer Richter zu den erwähnten höheren Stellen labschrecken könnten. Endlich dürfte auch die Art und Weise seiner bisherigen parlamentarischen Betätigung dafür bürgen, daß er nicht abgeneigt sein wird, dem verfassungsmäßigen, hinsichtlich der Israeliten bisher auf dem Papiere stehenden Grundsatz der gleichen Zugänglichkeit der öffentlichen Ämter für alle dazu Befähigten auch zugunsten der jüdischen Richter in der Praxis zur Durchführung zu verhelfen. In Zukunft werden sie also über eine aus konfessionellen Gründen ihnen widerfahrende Zurücksetzung voraussichtlich nicht zu klagen brauchen. Der antisemitische Abgeordnete Werner hatte sich im Reichstag über die Einrichtung des jüdischen Referates in Ober-Ost beschwert, in dem er eine Bevorzung der Juden gegenüber den Deutschen sah. Auf eine Interpellation hat der Reichskanzler folgende Antwort erteilt: „Bei der politischen Abteilung des Stabes Ober-Ost ist ein Referat für jüdische Angelegenheiten eingerichtet, weil die Eigenart der Ost-Juden besondere Kenntnisse erfordert. Deutsche Rechte und Interessen werden durch jeden Mann des Ostheeres und besonders durch die Militärverwaltung gewahrt. Außerdem ist schon lange bei Ober-Ost ein besonderer Referent für Angelegenheiten Deutscher vorhanden.“ Wie der Antisemitismus arbeitet. Unter der Überschrift: „Wo die Juden Eiserne Kreuze erwerben“, schreibt der „Bayer. Volksfreund“: „Wie die „Jüdische Volkszeitung“ berichtet, erhielten in Deutschland bis jetzt 124 Mosaisten das Eiserne Kreuz erster Klasse, 9581 Juden das Eiserne Kreuz zweiter Klasse, 3208 Juden und Jüdinnen andere Auszeichnungen von deutschen Fürsten sowie Orden von den verbündeten Mächten. Es wurden ferner bis dahin 844 Juden in Preußen, 645 in Bayern, 28 in Württemberg, 27 in Sachsen, also 1544 zu Leutnantsi, Oberleutnants und Hauptleuten befördert. Bis zu diesem Tage sind 3409 jüdische Heeresangehörige gefallen oder infolge einer Krankheit gestorben. Bei den nichtmosaischen ist die Zahl der Gefallenen größer als die Zahl der verliehenen Kreuze, während bei den Juden den 9620 Kreuzen nur 3395 Todesfälle gegenüberstehen. In Württemberg stellte sich heraus, daß von 28 Kreuzen an Juden nur zwei für Leistungen an der Front, die anderen 26 für solche hinter der Front verliehen worden sind.“ Ob diese Zahlen richtig sind, wissen wir nicht. Wir machen nur den „Volksfreund“ darauf aufmerksam, daß auch die Erwerbung des Eisernen Kreuzes etwas voraussetzt, was die Juden zum Schmerz ihrer Feinde besitzen: Intelligenz. Ganz besonders interessant ist aber der Schlußsatz der Notiz, der weder besagt, um was für „Kreuze“ es sich handelt, noch verrät, nach welchen Gesichtspunkten der Berichterstatter gerade diese 28 „Kreuze“ zusammenstellen konnte. Die Berner Friedenskonfernz und die Judenfrage. Das jüdische Korrespondenzbureau in Bern meldet: Am 12. November findet in Bern eine Friedenskonferenz statt, einberufen von der „Zentralen Organisation für einen dauerhaften Frieden“. Hervorragende Politiker aus allen Ländern, wie der Generalsekretär der interparlamentarischen Union, Christian Lange aus Norwegen, der Leiter der schwedischen Liberalen, Baron Adelsward, die deutschen Reichstagsabg'cordritten Scheidemann, Bernstein, Gothein, Erzberger, der bekannte österreichische Völkerrechtslehrer Lammasch, der ungarische Parteiführer Graf Karolyi, die italienischen Professoren Ghisleri und Michels, der Cambridger Gelehrte Dickinson und natürlich eine Anzahl Schweizer werden an dieser Konferenz teilnehmen. Wie wir erfahren, wurde Herr Dr. Jakob Klatzkin von der Zentralleitung der „Organisation pour une pax durable“ eingeladen, im Anschluß an den Entwurf des Prof. Koht über die nationalen Minderheiten ein wissenschaftlich begründetes Expose über die nationalen Forderungen der Juden zu geben. Dieses Expose käme für die zweite Studienkommission (unter Vorsitz des Prof. Koth) der Berner Konfernz in Betracht. Konferenz der nationalen sozialistischen Parteien Rußlands. Ende August fand in Petersburg eine vom Rat der nationalen sozialistischen Parteien einberufene Konferenz der ihm angeschlossenen Parteigruppen statt. Auf der Konferenz waren die folgenden Parteien durch je drei Delegierte vertreten: Die weißrussische „sozialistische Gromada“. die lettische sozialistisch-revolutionäre Partei, die lithauische sozialistische Partei, die Partei der lithauischen Volkssozialisten, die grusinische sozialistisch föderalistische Partei, die jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei (Poale Zion), die vereinigte sozial-revolutionäre Partei, die esthische sozial-revolutionäre Partei, die polnische sozialistische Partei (revolutionäre Fraktion) und die Partei der russischen Volks-Sozialisten. An der Gründung des Rates und der Einberufung der Konferenz nahmen die Poale Zion einen hervorragenden Anteil. Die Konferenz beriet über einen Programm-Entwurf, für dessen endgültige Redaktion eine Kommission eingesetzt wurde, die der nächsten Konferenz Bericht erstatten soll. Die Konferenz beschloß prinzipiell, daß der Rat der nationalen sozialistischen Parteien überall, wo mindestens eine der ihm angeschlossenen Parteien eine Organisation besitzt, sich an den Wahlen zur Konstituante durch einige Kandidaten beteiligen soll. Wahlabkommen mit anderen sozialistischen Parteien, die die Forderungen des Rates unterstützen, sind erwünscht. Nach den Referaten der Genossen Jahrblum (Poale Zion) und Anin (Vereinigte jüdische Soz. Partei) über „Die Stockholmer Konferenz und die Reorganisation der Internationale“ wurde beschlossen, daß alle auf der Konferenz vertretenen Parteien die Stockholmer Konferenz beschicken sollen. Den Delegierten dieser Parteien wurde empfohlen, eine einheitliche Delegation zu bilden und diese Umgestaltung auf Grund des nationalen Prinzips, d. h, der Vertretung aller sozialistischen Parteien aller Nationen, unabhängig von den staatlichen Grenzen, zu fordern. Eine von der Konferenz eingesetzte Kommission wurde beauftragt, einen Organisationsi-Entwurf der Internationale auf dieser Grundlage auszuarbeiten. Es wurde ferner beschlossen, Delegierte zur Moskauer Konferenz sowie zur Beratung über die Selbstverteidigung und Vertreter in die Sektionen für nationale Angelegenheiten bei der provisorischen Regierung zu entsenden. Der Rat der nationalen sozialistischen Parteien wird nächstens die Herausgabe einer Zeitschrift: „Die Internationale in Rußland“ beginnen.