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Das jüdische Echo · 1917-11-02 · 44 (2.11.1917) · p. Seite 477

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
44 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 477 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 477 die wirtschaftlichen Beziehungen zu Berlin die geschäftlichen Interessen sich immer reger und vorteilhafter für die Provinz gestalteten und dies mit Freuden begrüßt wurde, wurde andererseits der Verkehr mit der Hauptstadt von vielen Seiten mit scheelen Augen betrachtet, weil man der Anschauung war, daß die modernen Bildungsmittel die Jugend derart anziehen würden, daß sie der altgläubigen Richtung entfremdet würde. Die Umwandlung, die durch den Staat in wirtschaftlicher Beziehung erfolgte, mußte in Kauf genommen werden, und mit ihm hatte man sich ohne Weiteres abzufinden; den Eingriff in das religiöse Leben und die altgewohnten jüdischen Sitten, die bisher von fremden Einflüssen unberührt blieben, wollte man jedoch nicht so ruhig hinnehmen. Diese Atmosphäre war es, in der Heinrich G r ä t z sich entwickelte, der Mann, welcher ein monumentales und volkstümliches jüdisches Geschichtswerk schuf, wie es bisher einzig dasteht. Heinrich Hirsch Gr ätz erblickte am 31. Okt. 1917 in einem der armseligsten Städtchen der Provinz Posen, in Xions, das Licht der Welt. Er war der älteste von 3 Geschwistern und in sehr kleinlichen Verhältnissen aufgewachsen. Der Vater hatte erst eine kleine Metzgerei in Xions, verzog aber bald nach einem anderen Städtchen der Provinz, nach Zerkow. In diesem 800 Seelen umfassenden Ort empfing der Knabe Grätz seine ersten Eindrücke, hier genoß er den ersten Unterricht in einer Schule, die nicht mehr ganz „Cheder“ aber auch noch keine vollständige Elementarschule genannt werden konnte. Neben Hebräisch, Bibel und Talmud lernte er lesen, schreiben und rechnen, und der Lehrer konnte bereits hier neben der Begabung eine große Lernbegier bei ihm wahrnehmen. Vom Hause wurde diesen Eigenschaften in jeder Weise Rechnung getragen, und so entschlossen sich die Eltern, nach der Barmizwah, seine weitere Ausbildung in jeder Weise zu fördern. Sie schickten ihn nach Wollstein, wo er nahe Verwandte besaß, die sich seiner annehmen konnten. Dort fand er eine Talmudschule vor, welche das Bildungsstreben der Schüler in jeder Weise zu fördern bemüht war. Von dem Leiter der Schule heißt es. daß er der deutschen Sprache völlig mächtig war und seinen Schülern, welche ihre Sehnsucht nach profanem Wissen zu befriedigen suchten, nicht im Wege stand. In dieser Atmosphäre konnte er sich gut entwickeln; mit Hilfe gleichgesinnter Freunde vertiefte er sich neben den hebräischen Studien in geschichtliche Werke und bemühte sich, Kenntnisse in französisch und lateinisch ohne Lehrer zu erwerben. Seine schnelle Fassungsgabe und sein seltenes Gedächtnis, verbunden mit guter Körperkonstitution und unverwüstlicher Arbeitskraft, führten schon hier zu seinen ersten Erfolgen. Mangel und Not pochten oft an seine Türe, doch wußte er seine Sorgen stets vor anderen verborgen zu halten, und gar oft nährte er sich von trockenem Brote, wo es ihm leicht gewesen wäre, bei Gönnern ein gutes Mahl zu genießen. Viereinhalb Jahre hielt er in Wollstein aus, und es ist erstaunlich, was er hier alles gelesen und gelernt hat. Seine Tagebücher sagen uns, daß die Lektüre von Voltaire. Rousseau, Lessing, Schiller, Mendelsohn, Heine, Börne usw. gepflegt wurde; nebenbei bewältigte er eine Anzahl lateinischer Schriften. Daß die hebräischen Studien nicht zu kurz kamen, beweist die Tatsache, daß der rabbinische Leiter der Anstalt ihm mit 17 Jahren den „Chover“-Titel verlieh, eine Auszeichnung, die Jünglingen in diesem Alter selten zu teil wurde und heute ganz unmöglich scheint. Um diese Zeit erschienen die „19 Briefe über Judentum“, herausgegeben von S. R, Hirsch in Oldenburg, dem geistreichsten und gewandtesten Vorkämpfer der Orthodoxie im 19. Jahrhundert. Diese Schrift, welche die alten Religionsgesetze mit neuem Geist belebte, übte auf den jungen Grätz einen solchen Einfluß aus, daß er sich mit aller Wucht dem Studium des Talmuds und der Bibel hinzugeben strebte, und sich entschloß, an S. R. Hirsch die Bitte zu richten, ihn als Schüler bei sich aufzunehmen. Nachdem Hirsch seinem Wunsche willfahren wollte, zog er nach Oldenburg. Hier trat ihm in Hirsch eine Persönlichkeit entgegen, zu deren geistiger Überlegenheit und sittlicher Hoheit er mit unbedingter Verehrung aufblickte. War doch Hirsch ein moderner Mensch, der mit reichem theologischen Wissen eine vorzügliche klassische Bildung verband; ein Gelehrter, der Thora und Wissenschaft in Einklang zu bringen wußte. In kurzer Zeit hatte Hirsch seinen Schüler so schätzen gelernt, daß er ihn sogar autorisierte, in seiner Abwesenheit religionsgesetzliche Fragen zu entscheiden. Drei Jahre weilte Grätz im Hause seines Lehrers, ohne daß die all- "RbuThallmcrier /ixyfUeferant München TheaüneviCc-AQ. immß C/jcn^Haiw.

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