Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 461 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 461 thuba“, der Ehevertrag, verlesen, und dann eine silberne Schüssel, auf der zwei mit Schaumgold und Schaumsilber überzogene Fische liegen, als Symbol der Fruchtbarkeit, vor das Brautpaar auf den Estrich gestellt, wobei die Versammlung den biblischen Spruch: „Peru urwul“ Seid fruchtbar und mehret euch!“ spricht. Sieben Tage hindurch bleibt im Hause der Braut der Trauhimmel aufgestellt, unter welchem sitzend das junge Ehepaar die Beglückwünschungen der Freunde empfängt. Am Sabbath nach der Trauung sitzt der Bräutigam während des Gottesdienstes mitten in der Synagoge unter einem zierlichen Baldachin; seine beiden Brautführer sitzen neben ihm und begleiten ihn auch zur Torah. Nach dem Vorlesen des Abschnittes hört er noch die Stelle an, die für ihn besonders gelesen wird, „Und Abraham war alt und betagt“ bis „daß du ein Weib nehmest für meinen Sohn von dort“. Der Synagogendiener trägt indessen eine mit Rosenwasser gefüllte Flasche umher und gießt davon jedem Anwesenden in die Hand, worüber der Vorbeter den Segen laut spricht. Leichenbegängnisse. Nach dem Tode eines angesehenen Gelehrten ruft der Gemeindediener in den Straßen: „Bitul Melacha“, Unterbrecht die Arbeit; alle jüdischen Kaufläden schließen sich und bleiben bis nach der Bestattung geschlossen. Im Sterbehause hält ein Chacham eine Trauerrede, worauf die sorgfältige Waschung der Leiche vorgenommen wird. Indessen wird von der auf dem Boden ringsumher sitzenden Versammlung das Klagelied „Gedenke Ewiger, wie es uns ergangen1, sowie andere Trauergesänge wehklagend vorgetragen. Die Leiche, in einen Teppich gehüllt, wird dann vor das Haustor getragen, auf die Bahre gelegt und mit einem weißen Gebetmantel, Talith, bedeckt. Hierauf wird eine Leichenrede gehalten, in der die Verdienste des Dahingeschiedenen hervorgehoben werden. Sodann setzt sich der Zug in Bewegung. Die Leichenträger, die abwechselnd aus der Menge sich hinzudrängen, singen den Psalm: „Wer unter dem Nach kurzem schweren Leiden ist am 13. Oktober 1917 der erste Vorsitzende unseres Vereins, Herr Justizrat Dr. MAXIMILIAN HORWITZ uns durch den Tod entrissen worden. Tief erschüttert beklagt der Verein den Verlust. Fast ein Vierteljahrhundert hat er den Verein geleitet, ihn durch die Fährnisse der Kindheit hindurch mit sicherer Hand geführt und auf die Höhe gebracht, auf der er jetzt sich befindet. Eint vorbildliche Tatkraft, ein scharfer Sinn für Recht und Gerechtigkeit, ein warmherziges Eintreten für das, was Vaterland und Glaubensgemeinschaft von unsjüdischen Deutschen verlangen, hatten ihn zum Führer geschaffen. Sein Name ist mit dem des Vereins unzertrennlich verbunden; er wird nicht erlöschen, solange der Verein besteht. Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. I. A.: Dr. EUGEN FUCHS, Geh. Justizrat. Schutze des Höchsten sitzt, im Schatten des Allmächtigen ruhet“. Auf den flachen Dächern der Häuser stimmen Klagefrauen, nach der Klageweise der Alten, erschütternde Trauergesänge an. Bei der großen Synagoge wird wieder Halt gemacht, die Bahre niedergesetzt und wieder eine Leichenrede gehalten. Dann geht der Zug zum Zionstore hinaus, wo wieder in einer Trauerrede der hohen Tugenden des Toten rühmend Erwähnung geschieht. Unten im Tale Kidron, am Grabmale Absaloms, wird die Bahre niedergelassen, und die ganze Versammlung setzt sich ringsum auf die Erde, um die fünfte Leichenrede anzuhören. Der Text ist meistens der Vers: „Und das ganze Volk soll den Brand, den Gott angezündet hat, beweinen“. Die Rede schließt mit dem in den Sprüchen der Väter angeführten Spruch des R. Eleasar: „Er pflegte zu sagen: die Lebenden sind bestimmt zu sterben“ usw.‘Wenn der Tote ins Grab gesenkt wird, spricht die ganze Versammlung die dreizehn Midoth. Die Beerdigung geschieht ohne Sarg. Der Leichnam wird unmittelbar in das etwa 2,5 F. tiefe Grab gelegt, sodann dieses mit Steinplatten und darauf mit Erde zugedeckt. Welt-Echo Bei der Hauptversammlung des Alldeutschen Verbandes, die am 6. Oktober in Kassel stattfand, sprach General v. Lieb er t über Ostfragen und berührte eingehend die Verhältnisse in Polen, Kurland, Litauen, Livland, auch die in Flandern. Er verlangte einen Grenzschutz D e u ts c h 1 a n;ds . glelgen die Ositjuden. Nur auf diesem Wege könnten die deutschen Juden sich den Frieden in der Heimat s i c h e_r n. Lauter Juden! Bei einer Besprechung des Feuchtwangerschen Schauspiels „Jud Süß“ leistet sich der „Bayer. Kurier“ den folgenden Schlußsatz: „Die Polizeidirektion hatte das Stück ursprünglich verboten: Das Theater hätte nichts verloren, wenn es dabei geblieben wäre. Die Juden Roosevelt, Kerenski, Lenin, Trozki, Tscheidse usw. sind für diese Kriegszeit genug. Niemand verlangt sich einen Jud Süß dazu.“ Es ist also dem Blatt glücklich gelungen, eine Namensliste aufzustellen, die absolut „judenrein“ ist — da ja, laut Feuchtwanger, auch der Jud Süß keiner ist. Das Prinzip ist aber klar: deutschfeindlich rjüdisch. Die Chederschule der iüdischen Gemeinde in Wilna. „Thorat-Emet“, die Chederschule der jüdischen Gemeinde, kann jetzt, wie die „Letzten Nais“ schreiben, ihr 15jähriges Bestehen feiern. Interessant iist die Gründungsgeslchichte dieser Chederschule. Vor 15 Jahren bemerkten einige Wilnaer Juden, die nicht eimal über besondere Mittel verfügten, einige sich herumtreibende Kinder auf dem Kiewmarkt. Sie nahmen sich der Kinder an, mieteten ein kleines Zimmer und bestimmten einen Religionslehrer für sie. Die Zahl der Kinder betrug damals 20. Jetzt besitzt diese Chederschule ein eigenes dreistöckiges Haus, 8 Klassen und 10 Lehrer. Mehr als 400 Kinder bekommen dort Unterricht, Essen und wenn möglich auch Kleidung. Unter den 400 Zöglingen, die in der Chederschule gespeist werden, war im Laufe