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Das jüdische Echo · 1917-10-19 · 42 (19.10.1917) · p. Seite 455

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
42 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 455 Gruppe nicht ein vernünftiges, warmes Wort gesagt wird; daß der Held des Stückes alle seine guten Eigenschaften als ein Erbteil der jüdischen Mutter, seine schlechten Triebe als das Vermächtnis des christlichen Vaters ausgibt. Durch die Wahl so unzarter Mittel erweckt das Stück den Eindruck eines Tendenzstückes, eines Versuches, das Judentum in der Gestalt eines in die Sphäre des Heldischen erhobenen jüdischen Blutsaugers reinzuwaschen. Ein Versuch, der nicht nur von christlicher, sondern auch von jüdischer Seite aufs schärfste zurückgewiesen werden muß. Nicht deswegen weil wir etwa die Wahl des Stoffes an sich mißbilligen, lehnen wir als Juden das Feuchtwangersche Stück ab, sondern deswegen, weil wir glauben, daß nur einer, dem die Tiefe der jüdischen Tragödie das Herz zerschnitten hat, den sie in den Wurzeln seines Wesens erfaßt und erschüttert hat, es wagen sollte, an dieses Letzte und Heiligste zu rühren, daß nur ein solcher sich berechtigt fühlen dürfte, als Verteidiger des Judentums aufzutreten. Hätte aber Feuchtwanger jemals diese tiefste Erschütterung erlebt, dann würde er vielleicht überhaupt nicht mehr die Kraft zum Reden gefunden haben, sondern überwältigt verstummt sein und sich damit begnügen, daß ein Shakespeare durch den Mund seines Shylock die Rolle eines Anklägers der Feinde des Judentums übernahm. Weil man dem Feuchtwangerschen Schauspiel, in jedem Wort anmerkt, daß ihm die jüdische Tragödie nur ein interessantes literarisches Problem ist, das er als wirksamen Vorwurf behandelt, daß er mehr oder minder ästhetisch mit Davidssternen, kabbalistisch bemalten Wänden und Rezitationen aus dem Hohelied aufputzt, darum verweigern wir ihm das Recht, die tiefsten jüdischen Leiden und Sehnsüchte zu einem „Spiel“ zu machen. Muß man denn gerade das, was seinen nächsten Verwandten des Blutes und Geistes das Höchste ist, zu einem klug berechneten Bühnenstück verarbeiten? Wer nicht die ganz große Flamme eines sehnsüchtigen Judentums oder eines Künstlertums, das ihn zur Höhe eines Shakespeare, Hebbel oder Grillparzer erhebt, in sich fühlt, der habe doch Ehrfurcht vor all dem Erhabenen und all dem Leidvollen, das sich in dem Wort „Judentum“ konzentriert, und schweige. — Die jüdische Kolonisation in Palästina.*) Von Max B r o d. (Schluß.) Knapp vor dem Krieg zählte Palästina etwa 700 000 Einwohner, darunter 100 000 Juden. Die Zahl der Juden hatte sich in den letzten 40 Jahren vervierfacht und war doch im Verhältnis zur Gesamtziffer aller Juden (nach Ruppin 133/4 Milk) sowie zur Gesamtkapazität Palästinas (von Prof. Ballod auf 6 Millionen geschätzt) verschwindend klein geblieben .—■ Auf die Zwerghaftigkeit der palästinensischen Siedlung setzten die einen unter Führung Achad Haams ihre aristokratischen Auslese - Hoffnungen. Sie hielten sich an das Prophetenwort, daß sich (nur) ein Rest bekehren würde, und sahen in Palästina das „geistige Zentrum“, das „Modell jüdischen Lebens“, das die Diaspora auf Distanz hin befruchten sollte, ohne sie aufzuheben. Die andern (und zu diesen hat seit jeher die zionistische Weltorganisation ge- *) Vergl. „Die neue Rundschau“. ßebenhet öes ßtlfswerfees für paläftina! 0 Sobald in Palästina die ersten Winter- 0 regen niedergehen, wird die Not der Ob- 0 0 dachlosen ins Unermeßliche wachsen. Zu 0 a Hunger und Seuchen gesellt sich dann £ 2 noch die Not der Nässe und Kälte! £ I HeBft I 0 A Spenden aus Bayern sind zu richten an 0 a das Bankhaus J. L. Feuchtwanger,0 J München, Postscheckkonto 552. 0 hört) ließen sich diese Hoffnung auf größere Maßstäbe nicht rauben und fanden in allem Vorhandenen nur ein mehr oder minder gelungenes Experiment, eine Pionierarbeit, der die eigentliche Arbeit auf breitester Volksgrundlage erst folgen sollte. Es hat den Anschein, daß diese letztere Ansicht durch den Krieg, der überall die ärgste Judennot zur Reife gebracht hat, mehr und mehr in den Vordergrund gerückt wird. Das Vorhandene als geringer Anfang, als machtvoll Auszubauendes: das drückt sich in nahezu allen Publikationen aus, die in letzter Zeit erschienen sind. Davis Trietsehs „Palästinahandbuch“, das den Riesenstoff in glücklicher Beschränkung meistert, und das gründliche Gelehrtenwerk „Die Jüdische Kolonisation Palästinas“ von Dr. Curt Nawratzki. das neue Buch Ruppins „Syrien als Wirtschaftsgebiet“, Hans Rhodes „Deutschland in Vorderasien“, das der jüdischen Kolonisation ein umfangreiches Kapitel widmet, ferner die trefflich redigierten Mitteilungen des Hauptbüros des Jüdischen Nationalfonds im Haag, die unter dem Titel „Erez Israel“ herauskommen, stimmen in diesem Hauptpunkte überein. Von den 100 000 Juden Palästinas waren vor dem Krieg etwa 10 000 landwirtschaftlich beschäftigt. Die heutigen Verhältnisse entziehen sich naturgemäß einer exakteren Erfassung. — Der Rest stand teilweise mit dem modernen Kolonisationswerk in engster Verbindung. So gingen vor allem von den Bewohnern der städtischen Siedlung Tel-Awiw bei Jaffa, dem Zentrum der Schulen und aller neuhebräischen Kulturansätze, die kräftigsten Impulse aus. Mit tiefster Betrübnis liest man, daß der Krieg auch diese letzte Zufluchtsstätte des Judentums nicht verschont hat. Jaffa und die Kolonien bei Jaffa wurden in diesem Frühling (angeblich aus militärischen Gründen) evakuiert. Was Evakuierung bedeutet, kann nur der ermessen, der (wie ich) einige Zeit lang unter Flüchtlingen gelebt hat. Nachrichten des neutralen und feindlichen Auslandes! fassen Schreckliches ahnen. Ein Urteil wird man sich nicht früher bilden dürfen, ehe die Untersuchungen, die auch durch Interpellationen im deutschen und österreichischen Parlament anger'egt wurden, abgeschlossen sind. — Umfassende Hilfsaktionen sind eingeleitet. Von diesem Zwischenfall und den Übergriffen einzelner türkischer Lokalbehörden abgesehen, die jedoch von höherer Stelle aus meist in die Schranken gewiesen wurden, haben die Kolonien Palästinas den Krieg bisher nicht übel überstanden. Am besten haben sich die Kolonien Nordpalästinas (Galiläa), die Getreidebau betreiben, bewährt. Sie gewährleisteten eine wenigstens

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