Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Das Jüdische Echo Nr. 42 gen, hätte dann aber gefürchtet, die Nationalisten würden sich gegen die Auffassung der Juden als religiöse, und nicht nationale Gruppe sträuben, Deshalb hätte sie das jüdische Schulwesen in dem neuen Gesetz überhaupt nicht berücksichtigt, und die Nationalisten müßten diese Ignorierung als ein „Zugeständnis“ an ihren nationalen Standpunkt ansehen. Das ist denn doch der Gipfel der Methode derjenigen, die mit ihrem Raub davonlaufen und rufen: „Haltet den Dieb!“ Und das sagt dasselbe Blatt, das in dem gleichen Aufsatz versichert, wir könnten „froh sein, daß man den Polen kein selbständiges nationales jüdisches Schulwesen gewaltsam von außen aufgezwungen“ habe! Welche rührende Rücksichtnahme auf die Gefühle der Polen und welche Unterschätzung der Kraft des jüdischen Volkes, seine Rechte auch gegen seine Feinde zu verteidigen. Glauben denn die orthodoxen Herren wirklich, daß das jüdische Volk es auch bei Beendigung des Krieges noch zulassen wird, daß die Polen einfach ihr Mütchen an den Juden kühlen wie es ihnen beliebt? Man wird schon Mittel und Wege finden, das nationale Joch zu lindern, das heute nirgends in der Welt schwerer auf den Juden lastet als in Polen. Und dann wird man auch das Joch dieser jüdischen Volks-pardon! Religionsgemeinschaftsfreunde abschütteln. , Jud Süß« Eine Betrachtung zu der Aufführung des Schauspiels von Lion Feuchtwanger. Von Helene Hanna Cohn. Als künstlerisches Ereignis ist die Aufführung des neuen Schauspiels „Jud Süß“ im Münchener Schauspielhaus ohne Bedeutung. Es wird ein Weilchen über die Bretter gehen und eieich hundert Theaterstücken gleichen Wertes nach einiger Zeit aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen verschwinden. Was mich veranlaßt, mich an dieser Stelle mit dem Bühnenwerk zu befassen, ist lediglich die Tatsache, daß sein Stoff viel Staub aufgewirbelt hat und eine Reihe von Zeitungen es zum Ausgangspunkt antisemitischer Betrachtungen machen. Um das zu verstehen, muß man — wenigstens in großen Umrissen — den Inhalt des Schauspiels kennen: Der berühmte Finanzmann des Herzogs Karl Alexander von Württemberg, Joseph Süß-Oppenheimer, besorgt — ganz wie es den historischen Tatsachen entspricht — für seinen Herzog die wichtigsten Regierungsgeschäfte und benutzt seine Machtstellung zu einer furchtbaren Bedrückung und Auspressung Königl. bayer. Lotterieeinnahme der Preuss.- Südd. Kiassen-Lotterie X. Ostermaier. München Promenadepl. 12/1, Eing. durch d. Zigarrengeschäft Haupt- und Schlußziehung 5. Klasse beginnt am 8. Nov. und endet am 4. Dez. 1917 Kauflose noch vorrätig Preis der Lose: 25 M, so m. ioo’m. 200 m. des Landes. Das Motiv dieser Knechtung ist aber j | nichT, wie es bei dem wirklichen Jud Süß der Fall;! gewesen zu sein scheint, eine schrankenlose Ge- ’; nußsucht, sondern der Feuchtwangersche Jud Süß fühlt sich als Rächer seines Volkes, als ein zweiter Shylock, der aus Haß gegen die Feinde seines Stammes nach ihrem Fleisch trachtet. Um die i „Landschaft“, die sich gegen des Herzogs und besonders gegen des verhaßten Juden Regiment sträubt, zur Demut zu zwingen, unterstützt er den Regenten in seinem Bestreben, dem lutherischen , Lande den Katholizismus aufzuzwingen. In seinem wahnsinnigen Machthunger erwächst ihm eine Helferin in der Anhängerin einer Brüdergemeinde, Magdalen Sibylle Weißensee, die er selbst dem Herzog als Mätresse zugeführt hat, die aber in Liebe zu dem Verkäufer ihres Leibes entbrennt. In der Beziehung des Jud Süß zu seinem Herzog tritt ein jäher Umschwung ein, nachdem der Herzog des Juden Tochter Tamar nachgestellt und das Mädchen in den Tod gehetzt hat: Shylock hat j seine Jessica verloren und schwört furchtbare j Rache am Herzog. Gemeinsam mit der Mätresse ’j Weißensee vereitelt er des Herzogs Plan, das Land katholisch zu machen, versetzt ihm damit einen tödlichen Schlag und rächt die verstorbene Tochter an dem, der ihren Tod verschuldet hat. Nach gesühnter Blutschuld steht im letzten Akt! der Jude als ein Geläuterter in seinem Kerker, I dem Geist der Unendlichkeit schon so nahe, daß er sich trotz der Bitten seiner Freunde und seiner ’j Geliebten weigert, ins Leben zurückzukehren und sich freiwillig dem Volke ausliefert. Dichterisch ist, wie schon einmal gesagt, das ] Ganze belanglos. So geschickt die einzelnen :i Szenen aufgebaut sind, so sehr das Bestreben zu- I tage tritt, das bloße Geschehen psychologisch zu vertiefen, so gewandt (und skrupellos) alles zuj sammengetragen ist, was starke Bühneneffekte . hervorruft — das Ganze scheitert an der eisigen Kälte, mit welcher der Autor seinem Stoff gegenübersteht, scheitert an dem Mangel desjenigen, was in diesem Schauspiel an hundertmal als Wort gesagt wird: Seele. Einige Zeitungen und ein Teil des Publikums haben dieses Feuchtwangersche Stück als eine i Taktlosigkeit empfunden; und hierauf allein habe j ich einzugehen. Ist dieser Vorwurf berechtigt?; Nein und ja. “4 Selbstverständlich muß einem Autor die Wahl | seines Stoffes freistehen, und wenn ein jüdischer 1 Dichter sich gerade einen Juden als; tragischen * Helden wählt, so darf diese Tatsache allein seinem Werk das deutsche Theater nicht verschließen. jj Natürlich darf es auch einem Autor — auch y wenn er ein Jude ist — nicht grundsätzlich verwehrt sein, einen Gegensatz wie den zwischen Ka- #4 tholiken und Lutheranern dichterisch zu gestalten. Hi Aber dieser Stoff muß dann mit dem Taktgefühl entweder des Genies oder zum mindesten desjenigen Juden angefaßt werden, der sich seiner Verantwortung gegen die jüdische Gemeinschaft T bewußt ist, der sich der Tatsache bewußt ist, daß, # was auch immer ein Jude sagt oder tut, auf das Ji Konto des gesamten Judentums gesetzt wird. || Sowohl dem Genie wie dem wirklich sein Ju- II dentum erlebenden Juden würde es wahrscheinlich r niemals passieren, daß — wie es bei Feuchtwanger Jj geschieht — alle Juden edel, alle Christen unedel jij und albern sind (auch da, wo es sich um ihr Heifl ligstes, ihre Religion handelt); daß über den Gefl gensatz der katholischen zu der lutherischen fl