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Das jüdische Echo · 1917-10-19 · 42 (19.10.1917) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
42 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. (Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: i Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. | M.4.—, Einzelnummer 10 Pi.- Verlag S des „Jüdischen Echo“: München, Herizog Maxstr 4 — Redaktion: Helene (Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des] „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 42 München / 4. Jahrgang 19. Oktober 1917 Haltet den Dieb! Es ist eine altbeliebte Methode verfolgter Diebe, laut zu rufen: „Haltet den Dieb!“ und auf irgendeinen schuldlosen Vorübergehenden zu zeigen, um damit die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken. Eine ähnliche Methode befolgen die — sattsam bekannten — geistigen Häupter der Orthodoxie in Polen in der so kläglich gescheiterten Angelegenheit des jüdischen Schulwesens. Das traurige Fiasko, das sie erlitten haben, legen sie — wie alles Ungemach, das die polnische Judenheit trifft — den bösen Nationalisten zur Schuld. Um dieses Fiasko kurz zu nennen: nachdem die deutsche Verwaltung vor wenigen Wochen bereits das ganze Gerichtswesen den Polen ausgeliefert hat, ist laut Bestimmung vom 1. Oktober auch das Schulwesen ihnen übergeben worden, unter völliger Ignorierung der kulturellen Forderungen der jüdischen Bevölkerung, die 15 Prozent derGesamtbevölkerung Polens beträgt. Dem neuen Gesetz zufolge trägt die neue Volksschule einen rein polnischen Charakter; für die Kinder deutscher Nationalität haben jedoch die polnischen Gemeinden Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache zu errichten, während für die jüdischen Kinder Volksschulen mit Jidisch als Unterrichtssprache nicht errichtet zu werden brauchen. Den jüdischen Kindern stehen außer der polnischen Volksschule die folgenden Bildungsstätten offen: 1. öffentliche Elementarschulen mit Sabbathruhe, polnischer Unterrichssiprache und Religionsunterricht; 2. private Talmud-Thoraschulen, Chedarim usw., wobei die Kommune nur die Kosten des profanen Unterrichts in Dolnischer Unterrichtssprache zu bezahlen hat. Sabbathruhe und Bezahlung des Profanunterrichts — das ist also alles, was man der jüdischen Bevölkerung zugebilligt hat. In der Praxis bedeutet dies, daß die zum größten Teil blutarme jüdische Bevölkerung Polens überhaupt keine Volksschule, erhält, sondern, bis auf eine winzige Entschädigung für den Profanunterricht, die Kosten ihres Schulwesens aus eigener Tasche zu tragen hat. Denn daß die Volksschule mit polnischer Unterrichtssprache den Tausenden, deren Mutter- und Umgangssprache das J i d i s c h e ist, überhaupt nichts nützt, ist ja klar. Ganz zu schweigen von der polnischen Volksschule, in der das jüdische Kind nicht nur keine Rücksichtnahme auf seine religiösen und nationalen Anschauungen findet, sondern von der bitteren Feindschaft der Lehrer und Mitschüler gepeinigt wird. Die Massen werden sich also denjenigen Chedarim und Talmud-Thoras zuwenden müssen, in denen man — auf ihre Notlage rechnend — sie zwingt, jegliches Profanwissen statt in ihrer eigenen, der jüdischen, in der polnischen Sprache aufzunehmen. Es ist tief bedauerlich, daß einer so großen nationalen Minderheit im Lande das Recht auf eine eigene Sprache und Kultur damit einfach versagt wird und sie den Polen, die wiederholt offen ausgesprochen haben, daß in ihrem Programm die völlige Knebelung der jüdischen Eigenart steht, hilflos ausgeliefert werden. Erstaunlich erscheint es aber auch, daß die deutsche Regierung eine nach Hunderttausenden zählende Bevölkerungsschicht zwingt, seine dem Deutschen so nahe verwandte Sprache zugunsten einer slawischen Sprache aufzugeben. Ob die Polen dieses gewaltige Zugeständnis an ihre Herrschsucht und ihren slawischen Chauvinismus der deutschen Regierung besser lohnen werden als alle ihnen bisher bewiesene deutsche Großmut? — Es ist zweifellos., daß die deutsche Verwaltung sich zu diesem sehr bedenklichen Schritt nicht entschlossen hätte, wenn man ihr nicht von jüdischer Seite, nämlich seitens der polnischen Assimilanten und der aus Deutschland verschriebenen Orthodoxen immer wieder eingeredet hätte, die polnischen Juden seien nichts als eine Religionsgemeinschaft, beanspruchen als solche keinerlei nationale Sonderbestimmungen, und die welche vom ersten Tage der Besetzung des Gebietes ab das Recht auf eine eigene nationale Kultur verlangt hätten, seien nur eine unpopuläre kleine Gruppe von Schreihälsen. War es unter diesem Gesichtspunkt nicht ganz folgerichtig, daß die deutsche Regierung die Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache und jüdischem Geist als rein religiöse Institutionen ansah und die staatsbürgerliche Heranbildung der Juden noch auf einer andren als der jüdischen Grundlage vorsah? umsomehr als ihr von assimilatorischer und orthodoxer Seite immer wieder versichert wurde, daß es der Juden heißestes Bestreben sei, sich mit den Polen zu verständigen, selbst wenn die;s nur auf Kosten der kulturellen Eigenart geschehen könne. Und nun, nachdem die Herren deutschen Orthodoxen sehen, in welche traurige Lage ihre „Politik“ die polnischen Juden gebracht hat, nun bekommen sie es fertig, die ganze Verantwortung für dieses verhängnisvolle Fiasko den — Nationalisten aufzubürden. Der „Israelit“ hat die Kühnheit, in seiner letzten Nummer zu behaupten, die deutsche Verwaltung hätte die Absicht gehabt, den Juden als religiöser Gemeinschaft gewisse Sonderrechte bezüglich des Schulwesens zuzubilli-

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