Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-10-05 · 40 (5.10.1917) · p. Seite 439

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
40 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138206--01698-9074522
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40 Das Jüdische Echo 439 ausmachen — völlig in der Luft schweben würde, würde es am zweckmäßigsten sein, es ebenfalls dem neuzugründenden Staatswesen anzugliedern. In diesem würden dann die Polen nur gerade die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sofern die Juden als selbständige Nationalität, nicht als Polen angesehen werden. Da Litauer und Letten keine Slawen sind, ihre Sprache ebenso wie die deutsche mit dem Polnischen nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt, würde man freilich Litauen und Kurland die weiteste Selbständigkeit gewähren müssen, sie lediglich durch Personalunion mit Polen verbinden und im übrigen sie nach dem Muster Österreich- Ungarns zu einem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet vereinigen. Sie würden davon den Vorteil eines für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse kaufkräftigen Hinterlandes erhalten, während Polen den Zugang zur See und das Absatzgebiet für seine Industrieprodukte bekommen würde. Aber all diese Gebiete weisen starke nationale Minderheiten auf. Selbst im sogenannten Kongreßpolen machten nach der Volkszählung von 1897 die Polen nur 71,86 Prozent neben 13,16 Prozent Juden, 4,52 Prozent Deutschen, 4 Prozent Litauern, 3,6 Ukrainern und 3,14 Prozent Weiß- und Großrussen aus. Inzwischen ist der Anteil der jüdischen Bevölkerung infolge ihrer Vertreibung aus Innerrußland nach den Westprovinzen wesentlich größer geworden — man schätzt ihn auf rund 17 Prozent —; der der Polen entsprechend zurückgegangen. Das zukünftige polnische Staatswesen ist demnach kein spezifisch nationalpolnisches und in einem national so stark gemischten Gebiet lassen sjcb gesunde Verhältnisse nur schaffen, wenn man jeder Nationalität die Pflege ihrer Kulturaufgaben durch ihre Zusammenfassung zu Nationsgemeinschaften mit dem Recht der Besteuerung ihrer Nationsgenossen überträgt und die Wahlkämpfe der Nationalitäten durch nationale W'ahlkurien und Verhältniswahl1 ausschaltet. Die Orientierung der Parteien würde sich dann nach politischen statt nach nationalen Gesichtspunkten vollziehen. Im spezifischen Nationalitätenstaat Österreich, hat sich freilich diese Hoffnung nicht erfüllt, weil man die Kosten für die Pflege der nationalen Kulturgüter der politischen Gemeinde bezw. dem Land auferlegt, und damit den Kampf um die Schule in die politischen Körperschaften getragen hat. Dadurch erfolgt die Orientierung in Gemeinden, Landtagen, Reicnsrat nach nationalen Gesichtspunkten, wurde der Kampf der Nationalitäten in ihnen verschärft. Um das zu vermeiden, gilt es, den nationalen Rechten die nationale Pflicht gegenüberzustellen, die Mittel für die Pflege der nationalen Kulturgüter selbst aufzubringen. Eine vielumstrittene Frage ist dabei nun die, ob die polnischen Juden als Polen oder als jüdische Nationalität anzusehen sind. Die in Polen lebenden jüdischen Intellektuellen, welche sich Assimilatoren nennen, und die nationalistischen Polen selbst verlangen, daß die Juden sich den Polen national assimilieren. In Deutschland, wie überhaupt in West- und Mitteleuropa ist es selbstverständlich, daß die Juden nur Deutsche, Franzosen, Engländer, Spanier, Niederländer usw. jüdischer Religion sind. Sie würden es mit vollem Recht als eine schwere Kränkung betrachten, wenn man siie nicht als vollblütige Nationszugehörige ansehen wollte. In Polen aber *- wie im ganzen Osten — sind sie eine besondere jüdische Nationalität, von den sie umgebenden Völkern durch Stammesart, Sprache und Kultur verschieden. Sie sprechen (bis auf 3,1 Prozent) nicht polnisch als Muttersprache, sondern jidisch; einen verderbten, mit 5 Prozent hebräischen und wenigen polnischen Worten versetzten, alten oberdeutschen Dialekt, der vom heutigen Hochdeutsch beträchtlich abweicht. Sie fühlen sich nicht als Deutsche, so wenig wie die Holländer, deren Sprache schließlich auch ein deutscher Dialekt ist. Sie schreiben das Jidisch nicht mit deutschen, sondern mit hebräischen Buchstaben. Ihre Zeitungen und Bücher sind in diesen gedruckt. Die Assimilatoren. meinen, unter einer demokratischen Verfassung würden die Gegensätze ebenso rasch verschwinden, wie in den vormals polnischen Landesteilen Preußens, wo die Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts genau auf derselben Sprach- „und Kulturstufe gestanden haben, wie heute in Polen und Litauen. Dabei Überehen sie, daß das Jidisch als deutscher Dialekt sich bei deutscher Schule und im täglichen Verkehr mit deutschen Behörden und deutscher Bevölkerung mit ^Naturnotwendigkeit zum Hochdeutschen umbilden mußte. Würde Polen in Preußen einverleibt, so würde sich zweifellos — W’enn auch wesentlich langsamer — derselbe Prozeß vollziehen. Die Juden haben auch in den ganz überwiegend polnischen Gegenden der deutschen Ostmarken, ebenso in Galizien und der Bukowina ihre jidische Muttersprache nicht mit der polnischen oder ukrainischen vertauscht, denn hier handelte es sich um völlig verschiedene Idiome. Es ist ein hoffnungsloses Beginnen, einem Volke die Muttersprache durch eine andere ersetzen zu wollen. Das ist weder bei unseren polnisch, noch bei den dänisch, noch bei unseren französisch sprechenden Mitbürgern gelungen. Und die Muttersprache ist entscheidend für die Nationalität. Man kann die polnischen Juden wohl zwingen, in der Schule polnisch zu lernen, mit den Behörden polnisch zu verkehren, aber des- 59» '> A®> —i Verlos: „lüie SDelMiferoftir" C®«lt$«r C £>rtb) München 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.