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Das jüdische Echo · 1917-09-21 · 38 (21.9.1917) · p. Seite 421

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 421 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38 Das Jüdische Echo 421 serer Landschaft erheben. Selbst historischen Dichtungen, die mit so gewaltiger dichterischer Kraft aufgebaut wurden wie etwa Flauberts “Salammbo“, können wir Heutigen nur mit einem gewissen Mißtrauen begegnen. Um das Qenre der historischen Dichtung wieder zu Ehren zu bringen, mußte sie aus der Milieu- und Charakterschilderung heraus in eine ganz neue Sphäre gehoben werden. Die Neugestaltung der historischen Erzählung mußte von einem ganz großen, originellen Geist ausgehen. Was Strindberg uns in seinen „Historischen Miniaturen gibt, ist tatsächlich eine ganz neue Betrachtungsweise geschichtlicher Vorgänge. Ihm kommt es nicht darauf an, Geschöpfe seiner Phantasie in die historische Vergangenheit hineinzustellen oder Helden der Vergangenheit mit Zügen, die den Heutigen vertraut sind, zu „vermenschlichen“, sondern in irgendeiner Szene will er den Wellenschlag einer ganzen Zeitepoche, den Ursprung einer Entwicklungsphase im Leben der Menschheit festhalten, nicht ganz unähnlich der Art, in der uns Gobineau in seinen dramatischen Skizzen den Geist der Renaissance zu enthüllen suchte. Die Strindbergschen Skizzen sind mit ungeheurer Plastik geschrieben, pressen in engster Konzentration eine Fülle von Einsichten und Geschichten in den engen Rahmen kurzer Erzählungen mit scharf herausgearbeiteten leitenden Gedanken. Wer die entscheidenden Epochen im Leben der Menschheit herausgreifen und durch kurze Gleichnisse erläutern wollte, der konnte nicht am Judentum Vorbeigehen, weder an jener Konzentration jüdischer Kraft, wie sie sich in Mose offenbart, noch an dem vom Heroismus des Tuns zum Heroismus des Leidens übergegangenen Judentum der Verbannung. In den Skizzen „Die ägptische Knechtschaft“ und „Peter der Eremit“ ist beiden ein Denkmal gesetzt. Die Kunst, mit der die historischen Miniaturen aus der Weltgeschichte herausgemeißelt sind, erinnert an den Griffe] eines Michelangelo. Feuilleton Äus der Welt der Chassidim. Von Chaim Bloch, Delatyn. Geschichten von Rabbi Israel von Ruzhin. Weiteres von Rabbi Israel von Ruzhin. Die Freude. Als er unter der Anklage, er gebe sich als jüdischen König aus, ins Gefängnis gebracht wurde, deutete er die Worte des Psalmisten (Psalm 19, Vers 161 u. 162): „Fürsten verfolgen mich, das beunruhigt mich nicht, weil es umsonst ist und ich unschuldig bin; doch vor deinem Worte fürchte ich mich, d. h. ich fürchte, daß diese Verfolgung nicht in deinem Ratschlüsse steht.“ Nach einer Weile aber überlegte er und fügte hinzu: „Wenn es aber in deinem Ratschlüsse lag, dann — freue ich mich, daß nach deinen Worten geschieht, wie wenn ich eine reiche Beute gefunden hätte.“ „Bom, bom“. In fromme Gedanken vertieft, pflegte er gewohnheitsmäßig die Worte „bom, bom“ vor sich hin zu sagen. Ein Weltkind, das ein Anliegen privater Natur an ihn hatte, konnte, als er die sonderbaren Worte „bom bom“ aus dem Munde des Rabbi vernahm, sein Lachen nicht unterdrücken. Da fragte ihn der Ruzhiner: „Warum lachst du denn?“ Der Besucher erwiderte ungeniert: „Weil der Rabbi „bom bom“ sagt.“ Der Ruzhiner wandte sich dann an ihn: „Sagen wir denn nicht und wiederholen täglich im ScJjma- Gebet: „Wedibartu bom?“ Als das Weltkind nach einiger Zeit wieder beim Ruzhiner erschien, brummte er vor sich hin: „bom bom“. Der Rabbi wandte sich mit der Frage an den Besucher, was das zu bedeuten habe, und das Weltkind erwiderte: „Sagte mir nicht unlängst der Rabbi, es stehe so in der heiligen Schrift?“ Der Ruzhiner erwidert: „Ja, ja, es sind aber zweierlei „bom“. Denn es steht „Zadikim jelchu b o m“ (Die Gerechten gehen in diesen Wegen) „posschim iikoschlie b o m“ (Die Frevler straucheln auf diesen Wegen). Und deshalb“, endete der Rabbi, „darfst auch du „bom“ sagen.“ Der „Grobian“. Einst nannte der Ruzhiner sich selbst einen Grobian und erklärte dies also: „In der Regel benennt man einen Menschen nach seiner Profession: wer beispielsweise mit Blecharbeiten sich bechäftigt, wird Blechschmied genannt usw. Meine Profession nun ist es, grobe Dinge wie Essen und Trinken und noch Ähnliches zu bearbeiten und aus diesen Edles zu schaffen, um die Glorie der Gottesmajestät auf Erden zu steigern. Daher ist meine Profession Grobian. Wie man schlechte Eigenschaften los wird. Ein junger Mann kam zum Ruzhiner mit der Bitte, Gott für ihn auzuflehen, daß er seine schlechten Eigenschaften zerbrechen solle. Da sprach der Ruzhiner: „Was? Eigenschaften willst du zerbrechen. Rücken und Lenden kannst du eher zerbrechen als Eigenschaften; doch bete und lerne mit Inbrunst, und das Schlechte wird von selber fortgehen.“ „Erst kommt der Friedhof, dann die Stadt.“ Es herrschte einmal üa den Tagen des Ruzhiner Rabbis eine bittere Zeit für die Juden in Rußland; die Chassidim kamen und klagten über das schreckliche Leid der Juden. Sie erzählten, eine jüdische Gemeinde sei in einen Friedhof umgewandelt worden. Darauf wurde der Rabbi anstatt traurig zum Befremden aller außerordentlich heiter und erzählte ihnen als Antwort eine Geschichte aus dem Midrasch: Ein Vater ging mit seinem Sohne über Land. Als sie eine Weile gegangen waren, fragte das Kind: „Vater, wann kommt die Stadt?“ Da sagte der Vater: „Warte, mein Kind.“ Nach einer weiteren Weile fragte das Kind wieder und schließlich zum dritten Male: ,Vater, wann kommt die Stadt?“ Da sprach der Vater: „Wenn du einen Friedhof siehst, mein Kind, dann kommt die Stadt.“ — Und der Rabbi führte aus: ,So muß es sein: Erst der Friedhof, dann Schritt für Schritt die Stadt“. Die Musikkapelle. In derselben schlimmen Zeit ordnete Rabbi Abraham Jehoscha Herschi von Apostag, der Nestor der zeitgenössischen Zadikim, eine Kasteiung durch Fasten am Montag und Donnerstag an, um die Versöhnung Gottes zu erbitten. Alle jüdischen Gemeinden folgten dieser Anordnung und auch Schwache und Kranke hielten sie ein. Der Ruzhiner hielt sich damals eine Musikkapelle, von der ein Teil Tag für Tag vor ihm spielte. Als er von der Anordnung des Apters hörte, befahl er, daß

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