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Das jüdische Echo · 1917-09-21 · 38 (21.9.1917) · p. Seite 419

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 419 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Das Jüdische Echo 319 zu jener Zeit noch in den Fesseln der Sklaverei. Der Bauer und selbst ein Teil der städtischen Bevölkerung galten noch als Leibeigene der Großgrundbesitzer. Handel und Industrie standen noch auf einer sehr niedrigen Stufe, und den Juden fiel es anfänglich schwer, sich den rückständigen* stark reaktionären Lebensformen des damaligen russischen Reiches anzupassen. Überdies war der Bauer noch sehr arm und niedergedrückt* seine knappen Bedürfnisse an gewerblichen Erzeugnissen konnte er durch eigene Heimarbeit befriedigen. Der Gutsbesitzer selbst bediente sich in sehr geringem Maße des jüdischen Handwerks. So konnte das jüdische Handwerk trotz der geringen nichtjüdischen Konkurrenz im jüdischen Ansiedlungsrayon nicht gedeihen. Allein das russische Reich ist in seiner Entwicklung nicht stehen geblieben. Das Volk sprengte die Ketten der Sklaverei und arbeitete sich allmählich zu höheren und breiteren ökonomischen Lebensbedingungen durch. Aber die niedrige materielle und gesellschaftliche Lage des jüdischen Handwerkerstandes dauerte noch eipe_Zeit lang nach der Bauernbefreiung fort. Nach und nach erweiterten sich die kulturellen Bedürfnisse des Volkes. Die Städte wuchsen, der Handel mit dem Auslande vergrößerte sich, und Hand in Hand damit entwickelte sich auch die jüdische Industrie vom kleinen Betriebe zu höheren kapitalistischen Formen. Das Handwerk verbreitete und entwickelte sich, dem Kleinhandel, hauptsächlich in den kleinen Städten bot sich ein weites Betätigungsfeld. Handel und Gewerbe fingen an, sich zu differenzieren und zu spezialisieren, in ähnlicher Weise wie es in anderen europäischen Ländern geschah. Aber die eigenartige und unnatürliche Lage des jüdischen Volkes warf auch ihre Schatten auf das jüdische Gewerbe. Die kapitalistische Entwicklung Rußlands schuf in der nichtjüdischen Umgebung eine große Konkurrenz für die Juden, das nichtjüdische Handwerk und die Bauernindustrie konkurrierten stark mit den jüdischen Erzeugnissen auf dem russischen Markt. Die Judenbeschränkungen und die Judenverfolgungen seitens der reaktionären russischen Regierung, der Judenhaß in manchen Schichten der russischen Bevölkerung beeinträchtigten die gesunde Entwicklung des jüdischen Handwerks. Der fortschreitende Entwicklungsprozeß des jüdischen Gewerbes vollzog sich demnach in sehr langsamem Tempo, gehemmt von inneren und äußeren Feinden, mit denen die jüdische Bevölkerung unter Verlust vieler Energie unablässig kämpfen mußte. Darum finden wir bei den Juden mehr als bei anderen Völker so viel Klein-Händler, die kümmerlich ihr Leben fristen und dje vielfach von der Konkurrenz erstickt werden. Mehr als anderswo gibt es bei den Juden arme Handwerker, die halbverfallene Werkstätten ihr eigen nennen, und bei keinem anderem Volke als bei den Juden gibt es eine so große Anzahl „Luftmenschen“. Dieser ökonomische Typus, der so lebendig von den neuen jüdischen Schriftstellern wie Scholem Aleichem u. a. geschildert wird, ist ein spezifisch jüdischer Typus. Die große Anzahl dieser Luftmenschen, die keine feste ökonomische Grundlage besitzen, die sich an Hunderte unbeständiger Erwerbsmittel anklammern, hat nie eine sichere Existenz und wirkt auch paralysierend und hemmend auf die stabilen, scharf ausgeprägten jüdischen Gesellschaftsklassen, besonders aber auf den jüdischen Kleinhandel und die jüdische Industrie. Diese unerträglichen ökonomischen Zustände riefen in der jüngsten Zeit eine neue Erscheinung im jüdischen Leben hervor, nämlich, die jüdische Auswanderung. Die beständige Emigration in ihrer neuen Gestalt hat in vieler Hinsicht dem ölmnomischen Entwicklungsprozeß des jüdischen Volkes eine neue Richtung gegeben, besonders in den Ländern, wo die Juden in kompakten Massen und in großer Anzahl leben. Auf der einen Seite hat die Emigration große Schichten der jüngsten und kampffähigsten Elemente des Judentums ihrem Wohnorte entrissen und damit den Anpassungsprozeß der Juden an die Wirtschaftsordnung ihrer Heimat empfindlich gestört. Auf der anderen Seite schufen die Emigranten neue Zentren, neue Gemeinschaftswesen in verschiedenen Ländern, einen Jischub in Palästina, zahlreiche Gemeinden und ein mächtiges Proletariat in Amerika. Kurzum die Auswanderung zerstreute die Juden a_uf eine große Ausdehnungsfläche. Das machte die kulturelle und ökonomische Umgestaltung des jüdischen Volkes so verwickelt und kompliziert. Dehalb ist der Beginn der neuen gesellschaftlichen Ordnung bei den Juden so reich an dramatischen Momenten. Die Tragik des jüdischen Handwerks wird noch durch den Umstand erhöht, daß gerade in den Werkstätten der jüdischen Handwerker das Hauptdrama der jüdischen kapitalistischen Gesellschaftsordnung sich abspielt: der Zusammenstoß zwischen dem jüdischen Kapital und dem jüdischen Arbeiter in seiner schärfsten Form, mit der größten Leidenschaft ünd Verbitterung, mit dem größten Zorn und Haß. Auf der anderen Seite gibt es bei den Juden auch eine sehr ansehnliche Zahl Handwerker, die überhaupt keine Gehilfen besitzen, sich aus ihrem Berufe anständig ernähren und grundsätzlich keine Gegner des Proletariats und seiner Ideale sind. Es gibt auch andere jüdische Gewerbebetriebe, die materiell gesichert sind und die sich des technischen Fortschritts, der professionellen Bildung und des kooperativen Kredits bedienen. Solche owwe Verlag: „JDfe 2Be(f*£tferafur" Cffialtfjer 6. % £ir<W 2Hün$en 2

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