Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 37 (16.9.1917)
- Date
- 1917-09-16
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Das Jüdische Echo Nr. 37 Ist die Judenfrage für diese Presse ein Phantom, ein reales Nichts, so ist sie für die antisemitische Presse ein Alles; nämlich alles Üble auf der Welt. Sieht die erste Art das jüdische Element nirgends, auch wo es wirklich ist, so sieht es das zweite überall, auch wo es nicht ist. Psychologischer Ausgangspunkt ist ein überaus starkes Empfinden der Fremdheit, der Andersartigkeit des jüdischen Elements, die für unüberbrückbar und bei Vermengung mit dem Deutschtum für gefährlich gehalten wird. Als Ziel wird verkündet: Ausscheidung des jüdischen Elements; in dieser Lösung der Judenfrage erblickt diese Richtung auch die Lösung der sozialen Übel, an denen das deutsche Volk krankt. In Verfolgung dieses Zieles erwähnen diese Zeitungen jüdische Tatsachen, d. h. Tatsachen, an denen Juden irgendwie beteiligt sind, nur dann, wenn die Tatsachen zu mißbilligen sind; sie verschweigen die erfreulichen Tatsachen, an denen Juden beteiligt sind, und nennen andere, an denen Juden nicht beteiligt sind, deshalb jüdisch, weil sie unerfreulich sind. Deshalb werden Feinde Deutschlands vielfach für Juden oder Judenabkömmlinge erklärt, z. B. Nikita vop Montenegro, Veniselos (dieser erst seit 1914); die kriegswirtschaftlichen Nöte Deutschlands beruhen auf jüdischem Wucher; alle Juden sind Drückeberger und bereichern sich am Kriege. Es war erforderlich, diese beiden ersten Richtungen in der Verschiedenartigkeit ihres Mißverhältnisses zur jüdischen Tatsächlichkeit in möglichst scharfen Linien zu zeichnen, damit hierin die dritte Art, die weniger als solche auffällt, sich um so deutlicher davon abhebe und nicht mit der einen oder mit der anderen Art vermöge ihrer Ähnlichkeit mit beiden verwechselt wird. Sie sagt nichts gegen die Juden, vieles für sie, und doch könnte man sie eher antisemitisch als judenfreundlich nennen. Die meisten bürgerlichen deutschen Zeitungen, darunter führende liberale, gehören dazu. Sie vertreten eine ganz besondere Spielart der Unwahrhaftigkeit in jüdischen Dingen, die zugleich typisch ist für die Meinungen eines großen Teiles der christlich-deutschen Gesellschaft. Als knappe Bezeichnung wüßte ich keine bessere als: Kryptoantisemitism u s. Kann man den ersten beiden Arten — abgesehen von der unwahrhaftigen Behandlung der Tatsachen — doch eine große Ehrlichkeit im Grundsätzlichen nachsagen — die erste betont die soziale und politische Irrelevanz alles Jüdischen, die zweite die soziale und pojitische Gefährlichkeit — so ist die dritte auch im Grundsätzlichen unehrlich; Sie vertritt in den Zeilen den ersten, zwischen den Zeilen den zweiten Standpunkt. Illustrieren wir dies durch Zitate! Was bringt diese Presse an Tatsachen? was nicht? Zeitungen dieser Richtung berichteten anläßlich der Aufdeckung der hochverräterischen Umtriebe des österreichischen Offiziers Redl: Redls Urgroßvater sei Jude gewesen. Sie verzeichneten ferner anläßlich der Kriegshetze d’Annunzios die Erzählung, er sei ein böhmischer Jude namens Rappaport. Des verräterischen Kolmarer Bürgermeisters Blumenthal tun sie zumeist unter Beisetzung des Vornamens „David“ Erwähnung, trotzdem eine Verwechslung auch bei bloßer Angabe des Nachnamens im Zusammenhänge gar nicht möglich wäre und trotzdem sie bei den sonstigen elsaß-lothrinigischen Verrätern auf die Beisetzung des Vornamens verzichten. Als während des Krieges große Schiebungen in Petersburg entdeckt wurden, an denen außer sehr vielen Leuten mit ausgesprochen russischen oder auch deutschen Namen einer namens Rubinstein beteiligt war, berichteten sie ihren Lesern von der Korruption der russischen Gesellschaft unter der Überschrift: „Rubinstein und Genossen“ und gebrauchten diese Bezeichnung der Clique mit Vorliebe auch im Text selbst. Enthüllungen, Verhaftungen und Gerichtsverhandlungen wegen Wucher, Schiebereien, Höchstpreisüberschreitungen bringt diese Presse nicht erschöpfend, sondern mit Vorliebe dann, wenn daran Angeklagte mit jüdisch klingendem Namen beteiligt sind. Von den in England ansässigen Deutschen, die sich nach dem Lusitaniafall gegen Deutschland bekannten, nennen diese Zeitungen nur oder hauptsächlich solche, die jüdisch klingende Namen tragen; die mit chrisjlichen oder gar mit aristokratischen Namen verschweigen sie. Seitdem sich Italien vom Dreibund 'losgesagt hat, wird auf Sonninos jüdische Abstammung hingewiesen. Bei der Besprechung der englischen Einkreisungs- und Aushungerungspolitik wurden mit Vorliebe die Namen der englischen Staatsmänner Samuel und Isaacs hervorgehoben. Dieselben Tatsachen verzeichnet auch die antisemitische Presse, aber in der Art und Weise zeigen sich bedeutsame Unterschiede. Die antisemitische Presse illustriert mit diesen Tatsachen ihre Grundthese: Aller Wucher, alle Kriegsschiebereien, aller Deutschenhaß, alle Verräterei, kurz alles Schlechte auf der Welt geht auf die Juden zurück. Das heißt, bei aller Unwahrhaftigkeit im Tatsächlichen mit offenen Visier kämpfen. Warum aber, in welcher Weise und mit welcher Wirkung erzählt die kryptoantisemitische Presse diese Tatsachen? Sie zieht keine Folgerungen daraus, aber sie läßt sie die Leser erraten; sie suggeriert den Lesern die Überzeugung von der Gefährlichkeit des jüdischen Elements oder bestärkt sie in den zumeist schon vorhandenen antisemitischen Antipajthien. Sie verurteilt das Jüdische nicht offen; denn dies verträgt sich nicht mit den human-liberal-modernen Grundsätzen, aber sie verlegt diese Verurteilung des Jüdischen zwischen die Zeilen; hier wirkt sie. kann aber nach Bedarf mit ehrlichem Augenaufschlag abgeleugnet werden. Ich sehe noch ganz davon ab, daß eine Reihe der als jüdisch bezeichneten oder doch gekennzeichneten Tatsachen gar nicht jüdisch sind (z. B. d’Annunzios jüdische Abstammung) oder daß die jüdische Beziehung für die sachliche Beurteilung des Falles gleichgültig ist. Es soll hier nichts dagegen gesagt werden daß ein Lump, der Jude ist, auch Jude genannt wird; die Tatsache, daß Juden an gewissen Verbrechen, vor allem solcher vermögensrechtlicher Art, stärker beteiligt sind als an anderen, wie auch die Tatsache, daß viele Juden deutscher Herkunft sich im feindlichen Auslande befinden oder bei der sozialdemokratischen Partei kann nicht geleugnet werden, erheischt sogar Besprechung, allerdings nicht in demagogischer, sondern in wissenschaftlicher Weise mit Aufdeckung der Gründe, deren dann freilich zumeist die deutsche Regierung und Gesellschaft sich mehr zu schämen hätte, als die Juden selbst. Die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung verlangt aber zum mindesten, daß neben den jüdischen Besonderheiten im Schlechten auch die im Guten erwähnt werden. Denn nur so entsteht ein wahrhaftiges Bild des jüdischen Sonderseins und -leistens. Aber gerade in diesen Zeitungen, die so gerne einen Lumpen, mag er Jude sein oder (Fortsetzung ajuf Seite 405.)