Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Das Jfidlsche Echo Nr. 35 nismus auch nicht viel Aufmerksamkeit in jüdischen oder nichtjüdischen Kreisen finden. Aber trotzdem haben die prominenten Staatsleute Italiens Verständnis dafür, daß es in anderen Ländern eine jüdische Fräse gibt, und würdigen vollkommen die Berechtigung der zionistischen Aspiration. So weiß ich z. B. persönlich, daß König Victor Emanuel selbst für den Zionismus Interesse bekam, infolge der Bemühungen des hochgeschätzten Rabbi Margolis in Florenz. Was ich von öffentlichen Gefühlen in Italien ohne Zögern sagen kann, ist, daß, wenn einst die Frage eines jüdischen Staates auf der Friedenskonferenz aufgerollt werdfen würde, Italien;es warm begünstigen würde. Es gibt kaum eine Nation, die mit Italien wetteifern könnte, in der großen Bewunderung, die es für die jüdische Rasse hat, oder in der Bereitwilligkeit, dem jüdischen Volke zu helfen. Wenn daher das jüdische Volk den Mächten sagt, daß es die Wiederherstellung Palästinas als etwas für sein Wohlergehen sehr Vitales betrachtet, oder als wesentliches Element für die zukünftige Existenz der Rasse, so wird Italien gerne bereit sein, die Sache zu führen. Ich persönlich hoffe, daß Italien nicht nur die Gelegenheit haben wird, dem jüdischen Volke bei der Verwirklichung seiner eigenen Aspirationen zu helfen, sondern daß das jüdische Volk eine besondere und direkte Vertretung auf der Friedenskonferenz haben wird. Ich fühle mich auch berechtigt, zu sagen, daß Italien froh sein wird, diese Vertretung für das jüdische Volk durchzusetzen.“ Darauf sprach der Interviewer mit Senator Guglielmo Marconi, dem Erfinder der drahtlosen Telegraphie, der dem italienischen Auswärtigen Amt nahe steht. Auf die Frage ob er dem Zionismus sympathisch gegenüberstünde* antwortete er: „Das will ich Ihnen bekräftigen, so viele Male Sie es nur irgend wünschen. Mein Herz ist mit den Zionisten in ihrem Unternehmen. Und soweit es Italien betrifft, wenn es je ian ihm liegen sollte, so brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen. Die Juden werden Italien ebenso bereit finden, sie in ihrem nationalen Unternehmen zu unterstützen, wie zur Erlangung der Gleichberechtigung, die sie in Italien schon lange genießen, in allen Ländern.“ Der Generalsekretär der Kommission, Cavaliere de Parente. ist ein Jude und konnte über die Sympathien, die der Zionismus sich in den jüdischen Kreisen Italiens erworben hat, besonders gute Auskunft geben, da er selbst mit den Zielen und Idealen des Zionismus vertraut ist. Wie Minister Nitti, sprach er auch von der Tatsache, daß es in Italien keine eigentliche Judenfrage gäbe... „Deshalb, wenn überhaupt irgend eine Opposition gegen den Zionismus in Italien gemacht werden sollte, wird sie wahrscheinlich von einer jüdi- ... „ES KR" KLEINKÜNST- VER5RMD MÜNCHEN p*”I”5e' Ausstellung aller Zweige des Kleinkunst-Qewerbes sehen Seite kommen; Minister Nitti und Senator Marconi repräsentierten Ihnen gegenüber durchaus die Haltung der italienischen Regierung. Deswegen soll die zionistische Organisation versuchen, sich die Sympathien der italienischen Juden zu erwerben; welche Haltung die italienische Regierung dann einnehmen wird, braucht nicht eine Frage zu sein. Italien wird1 mit Ihnen sein.“ Die Lage der rumänischen Juden. Nachdem die russische Militärverwaltung den von der rumänischen Regierung verhafteten Sozialisten Dr. Rakowski befreit hatte, begann die rumänische Regierung, Gerüchte zu verbreiten, daß die Juden von Jassy die russische Regierung aufreizten, sich in die rumänischen Angelegenheiten einzumischen und den König Ferdinand von Rumänien zu verbannen. Man verhaftete einige Juden, indem man sie geheimer Beziehungen zu der russischen Militär-Verwaltung beschuldigte. Noch vor kurzem wurde der jüdische Sozialist Wechsler verhaftet, der an der Befreiung Rakowskis beteiligt war; ferner der 65jährige Holzmann mit seinem Sohn und viele andere. Einige Abgeordnete im rumänischen Parlament protestierten gegen die antisemitische Hetze des Premierministers Bratianu und seiner Agenten. Einer darunter forderte Beweise für die angeblich verbrecherische Handlung der verhafteten Juden. Bratianu erwidert dlarauf, daß sie von einer Macht bestochen seien, die sich in die rumänische Angelegenheit hineinmischen möchte. Die Opposition erhob dagegen stürmischen Protest. Der Streit endigte mit einem Duell zwischen dem Abgeordneten und dem Premierminister. Doch dürfte darüber die rumänische Presse nichts berichten. Daraufhin sind die Judenverfolgungen noch wesentlich verstärkt worden, sodaß die verbündeten Regierungen die Absicht hegen, die rumänische Regierung zur Erfüllung des § 44 des Berliner Vertrages von 1876 wegen der Gleichberechtigung der rumänischen Juden zu veranlassen. Auf eine Anfrage der russischen Regierung hat der russische Botschafter in Rumänien bestätigt, daß die Lage der rumänischen Juden trostlos ist, daß sie massenhaft in die Ortschaften nahe der Grenze verchickt werden und daß die rumänische Polizei dabei ungemein grausam verfährt, um von ihnen möglichst viel Geld herauszupressen. Bekanntlich zahlen die Juden in Rumänien dreimal so viel Steuer wie die Rumänen selbst, sind zum Militärdienst verpflichtet, besitzen aber nicht die geringsten politischen Rechte. Die jüdischen Ärzte sind in der Ausübung ihres Berufes stark eingeschränkt; die Juden dürfen keine Rechtsanwälte, keine Apotheker sein und keine Staatsämter bekleiden. In den unentgeltlichen städtischen Schulen müssen nur die jüdischen Schüler Schulgeld bezahlen; überdies werden jüdische Kinder in den Schulen erst dann angenommen, wenn über die Aufnahme der rumänischen Schüler bereits bestimmt ist und eventuell einige Plätze für die Juden frei geblieben sind. Jetzt werden die Juden wegen ihrer Beziehungen zu den Russen verfolgt. Um auf die Juden in dieser Hinsicht einzuwirken, schließt sie die Regierung von der Versorgung mit Lebensmitteln aus, sodaß sie Hunger leiden müssen. Die Folge davon* ist die Ausbreitung epidemischer Krankheiten zwischen den Juden. In Jassy sterben täglich etwa 100 Juden. Die kranken Juden nimmt man in den