Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Das Jüdische Echo Nr. 35 le^alllo Gedenket des Hilfswerks für Palästina! keine Ankömmlinge, keine Gäste. Aber im gegebenen Falle braucht dieses Argument nicht angeführt zu werden. Die Polen fordern eine national-polnische Schule aus öffentlichen Mitteln auch in Litauen und der Ukraine, wo sie nicht mehr Stammvolk sind, als die Juden in Polen. Und eben jetzt, da sie solche Rechte anderwärts fordern, müssen sie auch bei sich anderen Nationalitäten, darunter auch den Juden, die gleichen Rechte zuerkennen. Sonst wird man ihnen anderorts sagen: ihr könnt nicht bei uns das beanspruchen, was ihr anderen bei euch nicht gewähren wollt. Unsere Forderungen sind gar nicht so schrecklich, wie sie von polnischer Seite hingestellt werden. Wir verkennen nicht unsere Pflicht dem Staate gegenüber. Wir wollen gern unsern Kindern die polnische Sprache, Literatur, Geschichte, Landkunde usw. beibringen. Wir behaupten sogar. die jüdischen Kinder würden diese Gegenstände erfolgreicher erlernen, wenn dieselben ihnen in ihrer jidischen Muttersprache beigebracht werden Das wißt ihr Polen ja selbst aus eurer eigenen Erfahrung ... Ferner verlangen wir die Errichtung eines jüdischen Schulrates, der das jüdische Schulwesen leiten und mit den Proportionen uns zukommenden Mitteln verwalten soll. Man braucht es ja gerade den Polen nicht erst zu erläutern, wieso nur Volksgenossen die nationale Schule leiten können. Erhebt ihr doch schärfsten Protest, wenn sich Nichtpolen in euer Schulwesen einmischen wollen. Die gleiche Selbstverwaltung kommt mithin auch den Juden zu. Übrigens lehrt uns ja die trübe Wirklichkeit, daß uns die polnische Schulobrigkeit selbst keine ausreichende Anzahl von Schulen in polnischer Sprache gibt, und daß die jetzigen städtischen Schulen — abgesehen von der Sprache — nicht einmal der jüdischen Religion und Tradition Rechnung tragen. Auch die politische Seite dieser Frage darf nicht außer Acht gelassen werden. Polen ist nicht der Staat einer einzelnen Nation: es wohnen hier 15 Prozent Juden, 5 Prozent Deutsche, etwa 4 Prozent Ruthenen und 3 Prozent Litauer, zusammen also etwa 27 Prozent Nichtpolen. Den nichtjüdischen Fremdvölkern werden die Polen ja gezwungen sein, nationale Rechte zuzuerkennen. Und der Staatsrat hat ebenso verfahren. Was für einen Nutzen werdet ihr denn daraus ziehen, wenn ihr den Juden nationale Rechte verweigert? Was die Juden von euch nicht erhalten werden, werden sie von den anderen Völkern bekommen. Das Resultat wird nur das sein, daß ihr den Bestand der anderen Nationalitäten stärkt. Daraus erhellt, daß die Polen in ihrem eigenen Interesse den Juden nationale Rechte gewähren sollten. Es ist auch falsch, die Erledigung dieser Frage hinauszuschieben, um sie in dem künftigen polnischen Landtag als „interne Frage des polnischen Staats“ zu lösen. Wir erleben gegenwärtig einen Augenblick, da verschiedene neue Staatswesen ins Leben gerufen werden. Was ihr den Juden erklärt, werden die anderen euch erklären, und ihr werdet durch eure eigenen Argumente einer fremdstämmigen Mehrheit auf Gnade und Ungnade überliefert werden. Es kann auch geschehen, daß sich in die Angelegenheiten des Königreichs Polen andere einmischen werden, sobald ihr selbst nicht gescheit genug seid1, um die Nationalitätenfrage auf gütlichem Wege zu lösen. Die berüchtigte „fremde Intervention“ provozieren mithin nicht wir Nationaljuden, sondern gerade unsere Gegner. Viele polnische Politiker haben zu verschiedener Zeit ausgeführt, den Juden müßten in Polen nationale Rechte zugesprochen werden, denn es erheischt dies nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch das Interesse der Polen selbst. Es sind dies ja keine Polenfeinde gewesen, sondern die treuesten Söhne des Vaterlands, besinnt euch, lernt die betreffende Literatur kennen und ihr werdet euch überzeugen, daß jene polnischen Staatsmänner und wir Nationaljuden Recht haben. Die Juden und der Krieg in Hmerika. Von S. Bettelheim. Der Budapester Schriftsteller, der während der amerikanischen Kriegserklärung in Amerika weilte und jetzt in seine Heimat zurückgekehrt ist, gab dem „Haint“ folgende Schilderung der Zustände in Amerika: Ihr fragt mich, wie die Juden Wilsons Kriegserklärung aufgenommen haben, und ob unsere Brüder in Amerika, die dort eine so bedeutende Rolle in der Politik spielen, keine Schuld haben an der Steigerung des Blutvergießens und Ausbreitung des Weltbrandes? Ich will euch darauf wahrheitsgemäß antworten: Die amerikanischen Juden im allgemeinen und die besten Elemente des Judentums insbesondere haben sich seit dem Ausbruch des Krieges bis auf den heutigen Tag als die treuen Kinder unseres Volkes erwiesen, als die Abkömmlinge unserer geistigen Führer aller Zeiten, unseres ersten und gewaltigsten Pazifisten, der das Umschmieden der Schwerter in Pflugscharen und die Abschaffung des Krieges in der Welt proklamierte. Die jüdische Presse in Amerika hat seit dem Ausbruch des Krieges stets die Kriegshetze bekämpft, die in der allgemeinen Presse eine starke Stütze fand. Kein einziger Jude befand sich unter den Überpatrioten. Auch die politischen Streber unter den Juden wußten, daß die jüdische Masse niemals einen Kandidaten bei der Wahl unterstützen wird, der gegen die Friedenspolitik vorgeht. Nirgends in Amerika hat die deutsche Friedensnote eine solche Begeisterung hervorgerufen, wie in den jüdischen Vierteln New Yorks und in der jüdischen Presse. Sogar die einzige jüdische Zeitung, die mit England sympathisierte, „Der Tag“, ist mit keinem Worte gegen die hohen jüdischen Ideale des Friedens aufgetreten Der jüdische Philanthrop, Jakob Schiff, hat noch vor dem Erscheinen der deutschen Friedensnote einen Friedensaufruf an die gepeinigtei Menschheit erlgehen lassen. Soglar der Reformrabbiner Stephan Wise. obwohl ausgesprochener Gegner des Bundes der Zentralmächte, war einer der Führer der amerikanischen Pazifisten.