Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Das Jüdische Echo Nr. 34 die Polen wissen, daß sie die Möglichkeit haben, die jüdische Minorität nach ihrer Willkür zu behandeln, weil keiner da ist, der sie schützt, hat die Mehrheit von ihnen ihren Antisemitismus zu dieser heutigen „Siedehitze getrieben“ und erlauben sie sich dauernd jene Vergewaltigungen gegenüber den Juden, von denen die Chronik des polnischjüdischen Lebens tagtäglich zu erzählen weiß. Wäre die rechtliche und politische Machtposition der Juden hingegen gesichert und klargestellt, wüßten die Polen, daß die Juden einen Faktor darstellen, mit dem sie rechnen müssen, dann wäre erst eine klare Situation geschaffen; dann wäre die polnische Politik zur Anerkennung der berechtigten jüdischen Ansprüche bereit; dann wäre die Beziehung zwischen Polen und Juden erst normalisiert. Und daß von einer höheren Warte als derjenigen der chauvinistischen Leidenschaften gesehen, eine solche Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen auch nur im wahren Interesse der Polen selbst gelegen ist, da ohne eine Gesundung derselben die innere Ruhe Polens immer gefährdet bleiben wird, weil die Juden naturgemäß gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte sich zur Wehr setzen müssen, braucht für jeden, der fähig ist, Politik zu machen und zu verstehen, kaum erst auseinandergesetzt zu werden. Und gerade auch von diesem Gesichtspunkt aus ergibt sich wiederum, welches Interesse Deutschland, dem alles an der inneren Gesundung des polnischen Landes gelegen sein muß, an einer solchen vernünftigen Politik in der polnisch-jüdischen Frage besitzt. So zeigt sich, daß alle drei Gesichtspunkte, von denen der Aufsatz in der „Europäischen Staats¬ und Wirtschaftszeitung“ die nationalen jüdischen Forderungen in der polnisch-jüdischen Frage widerlegen will, in Wirklichkeit deren Berechtigung erweisen. Die überwältigende Majorität der polnischen Judenheit vertritt diese Forderungen, wenn auch nicht in der politischen Formulierung, mit der sie hier geäußert werden, so doch durchaus in der Sache selbst (autonome jüdische Schule, Bewahrung der jüdischen Sprache und Kultur, Pflege der eigenen Tradition, innerjüdische Selbstverwaltung). Zu den Richtlinien der polnischen Politik, wie sie Deutschland in der Proklamation vom 5. November 1916 eingeleitet hat, stehen diese nationalen jüdischen Forderungen nicht nur in keinerlei Widerspruch, sondern befinden sich durchaus mit ihnen in Einklang; und, was das Verhältnis der Juden zu den Polen betrifft, so kann dies nur durch Erfüllung dieser Forderungen auf eine gesunde Basis gestellt werden. Jede gesunde ZIGARREN-IMPORT BERNHARD OSTERMAI ER MÜNCHEN PROMENADE?!!2 9 Prüfung der Verhältnisse zeigt, daß der nationaljüdische Standpunkt in der polnisch-jüdischen Frage der allein richtige ist. Um ihn praktisch zu realisieren, tut allerdings zweierlei not: klare Erkenntnis und ein fester politischer Wille. Es gibt viele, die behaupten, daß gerade diese beiden Eigenschaften der allgemeinen deutschen Polen! Politik in der letzten Zeit fehlen. Wir wollen uns darüber hier kein Urteil gestatten. Daß aber die Politik in der polnisch-jüdischen Frage, wie sie der Verfasser des Aufsatzes in der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“ empfiehlt, und wie sie in dieser Form tatsächlich von einem Teil der deutschen Behörden in Polen leider verfolgt wird, dieser beiden Eigenschaften ermangelt, das können wir mit Bestimmtheit behaupten. Zwanzig Jahre Zionismus. In den letzten Augusttagen des Jahres 1897 tagte in Basel der erste zionistische Kongreß.*) Um die Bedeutung dieses Ereignisses richtig zu würdigen, müssen wir uns die Lage vergegenwärtigen, in der sich das Judentum damals befand. In Westeuropa war man noch bemüht, sich in die durch die Emanzipationserklärungen veränderte Lage zu finden, die den Juden wohl die bürgerliche Gleichberechtigung gegeben hatten, aber nicht imstande gewesen waren, die tiefen inneren Gegensätze zu überbrücken, die zwischen den Juden und ihren Wirtsvölkern bestanden. Noch war man überzeugt, daß nur in einer völligen Angleichung an das Volk, unter dem man gerade lebte, die Rettung jedes einzelnen Juden liegen könnte, und wenige hemmende Faktoren stellten sich dem heißen Streben nach Assimilation in den Weg. War doch das Band der gemeinsamen Religion, das Jahrhunderte lang die Juden aller Länder zusammengehalten hatte, mit der fortschreitenden Abkehr von ailen äußeren Formen und mit der wachsenden Hinneigung zu den Ideen eines entgötterten, materialistischen Zeitalters locker geworden, während der Begriff der jüdischen „Mission“, der völkerverbindenden Funktion des Judentums sich als das erwiesen hatte was er war: eine blasse Ideologie, aus der niemand Kraft und Erlebnis schöpfen konnte. In Osteuropa schmachteten die Massen unter einem von Tag zu Tag schwerer werdenden wirtschaftlichen Druck, unter Gesetzen, die sie zu Sklaven machten, und in ihre Verzweiflung hinein tönte der Widerhall der Pogromzeit. Von einem Aufraffen zur Selbsthilfe, zur Abschüttelung des unerträglichen Druckes war noch keine Rede. Wohl waren hier und da schon Signale ertönt, welche die Juden zum Bewußtsein einer neuen Einheit — der nationalen Einheit — wecken, sie zur Tat — dem nationalen Zusammenschluß — aufrufen wollten (hatten doch Pinsker, Achad Haam und Nathan Birnbaum ihre Stimmen schon erhoben), aber diese Signale hatten noch nicht die hinreißende Kraft, die notwendig war, um die Sklaven ihre Ketten zerreißen zu lassen. In Amerika hatte nach den Pogromjahren der Strom der jüdischen Einwanderer aus dem Osten eingesetzt, und die Ankömmlinge, von dem Strudel des amerikanischen Erwerbslebens ergriffen, begannen in dem rasenden Kampfe ums Dasein ihre *) Als Kongreßstadt war eigentlich München bestimmt worden, aber die Vertreter der Münchener jüdischen Gemeinde vereitelten bekanntlich die Veranstaltung.