Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Das Jüdische Echo Nr. 34 nss^sannsssanp] Gedenket des Hilfswerks für Palästina! QBISSI^D fen wir diese Gesichtspunkte im einzelnen.— Der entscheidende für uns ist der innerjüdische. Denn das wichtigste Argument der national-jüdischen Richtungen ist ja die Forderung, daß der Wille der großen Majorität der polnischen Judenheit respektiert werden müßte und sie nicht in ungerechtfertigter Weise den Polen geopfert und ihnen zu Liebe vergewaltigt werden dürfe. Es tut not, die entscheidende Bedeutung dieses Arguments in der Begründung der national-jüdischen Forderungen zu betonen, da der Aufsatz es versucht, die national-jüdischen Bestrebungen als in erster Reihe vom Standpunkt der deutschen Interessen ausgehend zu diskreditieren. Daß dies durchaus ungerechtfertigt ist, braucht für den, der die national-jüdischen Richtungen kennt, wohl nicht erst gesagt zu werden. Wenn von dieser Seite zuweilen darauf hingewiesen wurde, daß die Erfüllung der national-jüdischen Wünsche auch vom deutsch-politischen Standpunkt das klügste wäre, so ist dies nur aus politischen Gründen zu verstehen und berechtigt keinen dazu, die nationaljüdischen Politiker einer Art von Verrat an den jüdischen Interessen (den Deutschen zuliebe) zu beschuldigen. Weniger berechtigt als jeder andere ist aber zu einer solchen Beschuldigung jemand, der Anschauungen vertritt, wie sie in dem Aufsatz der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“ niedergelegt sind, und für den dieser Vorwurf — wäre er jüdischer Politiker — allerdings zuträfe. Also: entscheidend für die Begründung der national-jüdischen Forderungen war stets der Standpunkt, daß sie dem Willen der Majorität der polnischen Juden entsprächen und deswegen als ein Gebot der Gerechtigkeit und öffentlichen Moral erscheinen. Dies bestreitet nun der Aufsatz. Er erklärt, es sei falsch, anzunehmen, daß die polnischen Juden bewußt jüdisch-national seien; „der jüdischen Masse fehlt der nationale Wille und der sprachliche Wille“. Diese Behauptung, für jeden Kenner der Verhältnisse geradezu ungeheuerlich klingend, wäre verständlich von seiten eines Mannes, der nie polnische Juden gesehen, nie unter ihnen gelebt hat; von seiten des Verfassers des Aufsatzes aber, der, wie aus seinen Ausführungen hervorgeht, das polnisch-jüdische Leben aus Anschauungen kennt, ist sie nur zu begreifen aus einem sehr willkürlichen Operieren mit Begriffen, das bedenklich an die Methoden der sophistischen Dialektik erinnert. Denn wie liegen die Dinge in Wahrheit? Gewiß, man kann mit scheinbarem Rechte sagen, dem jüdischen Manne fehle der „nationale Wille“, sofern man unter nationalem Willen lediglich die bewußte, in politisch organisierter und disziplinierter Form zum Ausdruck kommende Äußerungsart desselben versteht, die er in Westeuropa besitzt. In diesem Sinne fehlt einem großen Teil der jüdischen Massen in Polen noch der nationale Wille, weil sli-e eben noch gar nicht die Form westeuropäischer Kultur sich angeeignet haben. Aus diesem Fehlen einer ganz bestimmten Äußerungsform aber schließen zu wrollen, dem polnischen Juden fehle der nationale Wille schlechthin heißt, daß man entweder über die ganz spezifisch westeuropäischen Lebensformen nicht hinaussehen kann oder aber, wie vorhin gesagt, durch willkürliche Begriffsverwechselung sophistische Dialektik treibt. (Für das ganze einen Teil einsetzen und aus dem Fehlen eines Teiles auf das Nichtvorhandensein des ganzen schließen, ist eine Form der sophistischen Dialektik.) Wir glauben denn auch nicht, daß der Verfasser des Aufsatzes allen nichteuropäischen Nationen, deren nationaler Wille sich nicht in der europäisch-politischen Form ausdrückt, das Nationalbewußtsein wird absprechen wollen. Daß aber alle wirklich entscheidenden Kennzeichen nationaler Gesinnung und Willensrichtung — zähes Festhalten an der eigenen Tradition und unbedingter Wille zu ihrer Fortbewahrung, eine ganz ausgeprägte physische und psychische Eigenart, und — das entscheidende — der unbedingte Wille zur eigenen Art und Kultur — bei den polnischen Juden anzutreffen sind, wird auch der Autor nicht bestreiten können. Zwar versucht er auch dies, indem er erklärt, dem polnischen Juden fehle selbst der „sprachliche Wille“; begründen will er es durch den Hinweis auf den Sprachenstreit. Weiß er aber nicht, daß dieser Streit nur eine innerjüdische Frage betrifft, das Verhältnis des Jidischen zum Hebräischen, aber auf keinen Fall die Preisgabe einer dieser beiden Sprachen, in denen sich das jüdische Leben und Schaffen im Osten kristallisiert, etwa zugunsten des Polnischen erstrebt? Oder wird er behaupten wollen, die große jüdische Masse in Polen würde bei einem Plebiszit sich iür das Polnische und gegen das Jidische und Hebräische erklären? Wenn es aber noch eines Beweises für den vorhandenen, ungemein starken nationalen Willen der polnischen Juden bedarf, so wird er durch die Tatsache erbracht, daß derjenige Teil derselben, der die europäische Kulturform sich angeeignet hat, und dabei nicht, wie die Assimilanten, dem Judentum ganz den Rücken gewandt hat, national im europäischen Sinne dieses Wortes ist. Der Verfasser gibt das selbst zu, indem er schreibt: „Die Jugend der Orthodoxie, die mehr als die Väter die Notwendigkeit europäscher Bildung und europäischer Kultur erkennen, gehen vielfach in das Lager der Nationalisten und Zionisten.“ Das besagt doch nichts anderes, als daß eben bei dieser Jugend der auch schon vorher vorhandene jüdische Nationalwille nur die europäische politische Ausdrucksform annimmt, und welche Unlogik steckt darin, statt in dieser Tatsache den Beweis für den auch in den Vätern lebenden Nationalwillen zu erblicken. die nationale Gesinnung der Jugend auf Verführung durch nationalistische Phrasen zurückzuleiten und so die groteske Behauptung von der „Konstruktion eines eigenen jüdischen Nationalgefühles“ zu wagen. Wahrlich, wer das polnischjüdische Leben beobachtet hat und dabei zu solchen Konsequenzen gelangt, war umsonst in Polen gewesen und hat den Beweis erbracht, daß er entweder die Wirklichkeit nicht sehen kann oder sie nicht sehen will. Gehen wir nunmehr zum zweiten Gesichtspunkt über, von dem aus der Autor die national-jüdischen Forderungen der polnisch-jüdischen Frage ablehnt. Er erklärt, es sei nicht die Aufgabe der deutschen Verwaltung in Polen, national-jüdische Politik zu betreiben, vielmehr habe sie „das einzig richtige und vernünftige getan; sie behandelt die Juden als gleichberechtigte Bürger und mischt sich nicht in